Überblick: Worum geht es?
Der Zins ist der Preis, den man dafür zahlt, heute Geld zu haben, das man erst morgen verdient. Wer diesen Preis verändert, verändert fast alles: was Häuser kosten, ob Unternehmen investieren, wie viel ein Sparbuch wert ist und wie viel Spielraum ein Finanzminister hat.
Dieses Dokument behandelt keine abgeschlossene Epoche, sondern ein Instrument und seine Folgen. Es erklärt zunächst, was ein Zins ist und wie Zentralbanken ihn nutzen, um die Wirtschaft zu lenken. Dann zeigt es an historischen Lehrstücken, was geschieht, wenn Zinsen zu spät, zu früh oder zu stark verändert werden – und warum es eine Rolle spielt, wenn Europa und die USA unterschiedliche Leitzinsen haben. Den Hauptteil bildet die Entwicklung in Deutschland und Europa seit der Finanzkrise: die Null- und Negativzinsjahre, die Rückkehr der Inflation, der Zinsschock von 2022/23 und die neue Zinswende im Jahr 2026. Am Ende stehen Szenarien für die kommenden Jahre.
Warum gerade 2008 und 2026?
Die Finanzkrise
Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 senken die Zentralbanken der westlichen Welt ihre Leitzinsen in kurzer Zeit auf nahe null. Damit beginnt eine mehr als ein Jahrzehnt dauernde Phase extrem billigen Geldes, die in Europa bis in den negativen Bereich führt.
Die zweite Zinswende
Nach einem Krieg um Iran und der Blockade der Straße von Hormus steigen die Energiepreise stark. Im Juni und September 2026 erhöht die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen, im September auch die US-Notenbank. Die Renditen deutscher Staatsanleihen erreichen den höchsten Stand seit 2011. Das Dokument endet mit dem Stand Anfang Oktober 2026.
Die Zeit in vier Abschnitten
- Zentralbanken lenken die Wirtschaft vor allem über den Leitzins: Steigt er, werden Kredite teurer, die Nachfrage kühlt ab und die Inflation sinkt – mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren.
- Nach der Finanzkrise 2008 und der Euro-Krise senkte die EZB ihre Zinsen auf null und darunter und kaufte in großem Umfang Anleihen, weil sie eine zu niedrige Inflation und einen Zerfall der Währungsunion fürchtete.
- In Deutschland profitierten davon vor allem Staat, Kreditnehmer und Immobilienbesitzer, während Sparer, Banken und Lebensversicherer litten.
- Als 2021/22 die Inflation zurückkehrte, erhöhten Fed und EZB die Zinsen so schnell wie nie zuvor seit Jahrzehnten; Bauzinsen vervierfachten sich, Immobilienpreise fielen, die Zinslast des Staates verzehnfachte sich.
- Nach einer kurzen Lockerung 2024/25 löste ein neuer Energiepreisschock 2026 eine zweite Zinswende aus – diesmal in einer Welt mit deutlich höheren Staatsschulden und politischem Druck auf die Notenbanken.
Der rote Faden
Die Entwicklung lässt sich als Kette von Ursachen und Folgen lesen. Jede Stufe veränderte die Ausgangslage für die nächste.
- 1Finanzkrise 2008Zinsen fallen gegen null
- 2Euro-KriseEZB als letzte Rettung
- 3Negativzins und Anleihekäufebilliges Geld für ein Jahrzehnt
- 4Vermögenspreise steigenHäuser, Aktien, Anleihen
- 5Inflation kehrt zurückPandemie und Energieschock
- 6Zinsschock 2022/23schnellste Erhöhung seit Jahrzehnten
- 7Neue Zinswende 2026Ölschock trifft hohe Schulden
Ein zweiter Faden zieht sich durch alle Abschnitte: Zinsen verteilen um. Jeder Zinssatz hat zwei Seiten – was der Schuldner zahlt, erhält der Gläubiger. Niedrige Zinsen entlasten Schuldner, also vor allem Staaten, Unternehmen und Hauskäufer, und belasten Sparer. Hohe Zinsen kehren dieses Verhältnis um. Deutschland ist ein Land mit vielen Sparern und einer traditionell großen Angst vor Inflation. Deshalb wurde die Zinspolitik der EZB hier stärker als in anderen Euroländern zum politischen Streitthema.
Geldpolitik ist ein Feld, in dem Fachleute oft gegensätzliche Meinungen vertreten. Ob die Nullzinspolitik richtig war, ob die EZB 2021 zu spät reagierte und wie sie 2026 handeln sollte, ist umstritten. Das Dokument stellt die Positionen nebeneinander und ordnet sie ihren Urhebern zu. Zahlen sind gerundet; viele Werte – etwa Inflationsraten – werden von den Statistikämtern nachträglich überarbeitet. Die Szenarien in Kapitel 13 sind Gedankenspiele auf Grundlage historischer Erfahrungen, keine Vorhersagen und keine Anlageempfehlungen.
- Zins = Preis des Geldes über die Zeit → er beeinflusst Konsum, Investitionen, Vermögenspreise und Staatsfinanzen.
- 2008–2022: Phase extrem niedriger, zeitweise negativer Zinsen in Europa.
- 2022/23: Zinsschock als Antwort auf die höchste Inflation seit Jahrzehnten.
- 2026: neue Zinswende nach einem Energiepreisschock.
- Zinsen verteilen um – zwischen Sparern und Schuldnern, Jung und Alt, Staat und Bürgern.
Der Zins: Preis des Geldes
Bevor wir die Ereignisse verfolgen, lohnt ein Blick auf das Werkzeug selbst: Was ist ein Zins, wer bestimmt ihn, und warum gibt es nicht nur einen, sondern viele Zinssätze?
2.1 Warum es Zinsen gibt
Wer Geld verleiht, verzichtet darauf, es selbst auszugeben. Dafür verlangt er einen Ausgleich. Der Zins entschädigt den Gläubiger für drei Dinge: für das Warten, für das Risiko, dass der Schuldner nicht zahlt, und für die Gefahr, dass das Geld bis zur Rückzahlung an Kaufkraft verliert. Diese drei Bestandteile erklären, warum ein Staat wie Deutschland weniger Zinsen zahlt als ein hoch verschuldetes Land oder ein kleines Unternehmen, und warum langfristige Kredite meist teurer sind als kurzfristige.
Für die Wirtschaft ist der Zins ein Signal. Ist er hoch, lohnt es sich zu sparen und Ausgaben aufzuschieben. Ist er niedrig, lohnt es sich, Kredite aufzunehmen, zu investieren, ein Haus zu kaufen oder Aktien zu halten. Deshalb wirkt eine Zinsänderung wie das Gaspedal oder die Bremse einer Volkswirtschaft.
2.2 Nominalzins und Realzins
Der Zins, der auf dem Kontoauszug steht, heißt Nominalzins. Entscheidend für die Kaufkraft ist aber der Realzins: der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Der amerikanische Ökonom Irving Fisher hat diesen Zusammenhang Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben.
| Beispiel | Nominalzins | Inflation | Realzins | Was bedeutet das? |
|---|---|---|---|---|
| Sparbuch 2019 | 0 % | 1,4 % | −1,4 % | Das Ersparte verliert jedes Jahr gut ein Prozent an Kaufkraft. |
| Einlagesatz der EZB, Oktober 2022 | 0,75 % | 10,6 % (Euroraum) | rund −10 % | Geld ist trotz Zinserhöhungen extrem billig – die Geldpolitik bremst noch kaum. |
| Einlagesatz der EZB, Ende 2023 | 4,0 % | rund 3 % | rund +1 % | Erst jetzt wirkt die Geldpolitik spürbar bremsend. |
| Einlagesatz der EZB, September 2026 | 2,5 % | 3,8 % (Euroraum, Schnellschätzung) | rund −1,3 % | Trotz zweier Zinserhöhungen ist der Realzins wieder negativ. |
Der Realzins erklärt einen scheinbaren Widerspruch: Ein Zins von vier Prozent kann großzügig sein, wenn die Preise kaum steigen, und gleichzeitig zu niedrig, wenn die Inflation bei sechs Prozent liegt.
2.3 Kurze und lange Zinsen
Es gibt nicht „den“ Zins. Die Zentralbank bestimmt direkt nur sehr kurzfristige Zinsen, zu denen sich Banken bei ihr Geld leihen oder anlegen. Diese nennt man Leitzinsen. Langfristige Zinsen – etwa für zehnjährige Staatsanleihen oder Baukredite mit zehn Jahren Zinsbindung – bilden sich am Kapitalmarkt. Sie hängen davon ab, was Anleger über die künftigen Leitzinsen, die Inflation und die Kreditwürdigkeit des Schuldners erwarten. Die Kurve, die die Zinsen nach Laufzeiten ordnet, heißt Zinsstrukturkurve.
Für deutsche Haushalte ist das wichtig: Ein Baukredit richtet sich vor allem nach der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, nicht direkt nach dem Leitzins. Deshalb können Bauzinsen steigen, obwohl die EZB nichts tut – oder fallen, obwohl sie gerade die Zinsen erhöht.
Sparer
Erhalten Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld und Anleihen. Hohe Realzinsen helfen ihnen, Negativzinsen schaden ihnen.
Kreditnehmer
Hauskäufer und Unternehmen zahlen Zinsen. Niedrige Zinsen machen Investitionen und Immobilienkäufe erschwinglich.
Der Staat
Ist der größte Schuldner im Land. Jeder Prozentpunkt mehr Zins kostet den Bund auf Dauer viele Milliarden Euro im Jahr.
Banken
Verdienen an der Differenz zwischen Kredit- und Einlagezinsen. Sehr niedrige Zinsen drücken ihre Gewinne.
Versicherer und Altersvorsorge
Müssen langfristige Zusagen erfüllen. Lebensversicherungen und Betriebsrenten leiden unter langen Niedrigzinsphasen.
2.4 Die wichtigsten Zentralbanken
Zinsen werden heute vor allem von unabhängigen Zentralbanken gesteuert. Für Deutschland ist seit 1999 die Europäische Zentralbank zuständig; die Bundesbank ist Teil des Eurosystems und sitzt mit ihrem Präsidenten im EZB-Rat.
| Zentralbank | Gebiet | Auftrag | Leitzins Anfang Oktober 2026 |
|---|---|---|---|
| Europäische Zentralbank (EZB) | Euroraum (21 Staaten) | Vorrangig Preisstabilität, Ziel 2 % Inflation | Einlagesatz 2,50 % |
| Deutsche Bundesbank | Deutschland, Teil des Eurosystems | Bis 1998 eigene Geldpolitik für die D-Mark; heute Umsetzung der EZB-Beschlüsse | – |
| Federal Reserve (Fed) | USA | Doppeltes Mandat: stabile Preise und hohe Beschäftigung | 3,75–4,00 % |
| Bank of Japan | Japan | Preisstabilität, Ziel 2 % | 1,25 %, höchster Stand seit über 30 Jahren |
| Bank of England | Vereinigtes Königreich | Preisstabilität, Ziel 2 % | im Sommer 2026: 3,75 % |
Regierungen haben einen Anreiz, die Zinsen vor Wahlen niedrig zu halten oder die Notenpresse für ihre Ausgaben zu nutzen. Die Folgen – Inflation – zeigen sich erst später. Die deutsche Erfahrung mit zwei Geldentwertungen im 20. Jahrhundert, vor allem der Hyperinflation von 1923, prägte die Überzeugung, dass Geldpolitik vor politischem Zugriff geschützt werden muss. Die Bundesbank wurde 1957 als unabhängige Notenbank gegründet und galt als Vorbild für die EZB. Diese Unabhängigkeit ist kein Naturgesetz: In den USA hat Präsident Trump 2025/26 offen Druck auf die Fed ausgeübt, um niedrigere Zinsen zu erzwingen (siehe Kapitel 11 und 12).
- Der Zins entschädigt für Warten, Risiko und Geldentwertung.
- Realzins = Nominalzins − Inflation → entscheidend für Kaufkraft und Bremswirkung.
- Die Zentralbank steuert direkt nur die kurzen Zinsen; lange Zinsen bildet der Markt.
- Bauzinsen folgen vor allem der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen.
- Für Deutschland entscheidet seit 1999 der EZB-Rat, nicht mehr die Bundesbank allein.
Das Werkzeug der Zentralbanken
Eine Zentralbank kann Preise nicht direkt festlegen. Sie verändert einen einzigen kurzfristigen Zinssatz – und vertraut darauf, dass sich diese Änderung über viele Stufen bis in die Supermarktregale fortpflanzt.
3.1 Die drei Leitzinsen der EZB
Die EZB legt drei Zinssätze fest. Der Einlagesatz ist der Zins, den Banken für Guthaben bei der Zentralbank erhalten (oder, wenn er negativ ist, zahlen müssen). Der Hauptrefinanzierungssatz gilt für die regelmäßigen Kredite der Zentralbank an Banken, der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernacht-Notkredite. Weil die Banken seit der Finanzkrise sehr viel überschüssiges Geld bei der Zentralbank halten, ist der Einlagesatz zum eigentlichen Steuerungszins geworden. Seit September 2024 erklärt die EZB ihn auch offiziell zu ihrem maßgeblichen Signal. Nach der Erhöhung vom September 2026 liegen die drei Sätze bei 2,50, 2,65 und 2,90 Prozent.
3.2 Der Weg vom Leitzins zur Inflation
Den Übertragungsweg nennen Fachleute Transmission. Die Bundesbank beschreibt ihn so: Die Zentralbank verändert die kurzfristigen Marktzinsen, diese wirken auf die längerfristigen Zinsen, die Banken geben die Änderung an ihre Kunden weiter – und Unternehmen und Haushalte passen ihr Verhalten an. Dabei wirken mehrere Kanäle gleichzeitig:
Zinskanal
Teurere Kredite dämpfen Investitionen, Bauvorhaben und den Kauf langlebiger Güter wie Autos. Sparen wird attraktiver.
Kreditkanal
Banken vergeben vorsichtiger Kredite, weil Schuldner schlechter zahlen können und ihre Sicherheiten an Wert verlieren.
Vermögenskanal
Höhere Zinsen senken die Kurse von Anleihen, Aktien und Immobilien. Wer sich ärmer fühlt, gibt weniger aus.
Wechselkurskanal
Höhere Zinsen ziehen Kapital an; die eigene Währung wertet auf. Importe – auch Öl, das in Dollar bezahlt wird – werden billiger.
Erwartungskanal
Glaubt die Öffentlichkeit, dass die Zentralbank die Inflation bekämpft, verlangen Gewerkschaften und Unternehmen geringere Lohn- und Preiserhöhungen. Vertrauen ist das stärkste Werkzeug.
Zwischen einer Zinsänderung und ihrer vollen Wirkung vergehen meist ein bis zwei Jahre. Viele Kredite haben feste Zinsen, Bauprojekte laufen weiter, Preise werden nur in Abständen angepasst. Die Bundesbank rechnete Ende 2022 vor, dass die Zinserhöhungen ihre stärkste Wirkung auf die Konjunktur 2023 und auf die Inflation erst 2024 entfalten würden. Eine Zentralbank muss deshalb vorausschauend handeln – und läuft ständig Gefahr, zu spät zu bremsen oder zu lange auf der Bremse zu stehen. Fachleute vergleichen das mit dem Steuern eines großen Schiffes.
3.3 Wenn der Zins bei null liegt: unkonventionelle Mittel
Lange galt null Prozent als Untergrenze für Zinsen, weil Sparer ihr Geld sonst als Bargeld horten würden. Nach 2008 stießen viele Zentralbanken an diese Grenze. Sie entwickelten deshalb neue Werkzeuge:
- Negativzinsen: Banken zahlen für Guthaben bei der Zentralbank. Die EZB führte sie im Juni 2014 ein.
- Anleihekaufprogramme (auch „quantitative Lockerung“ genannt): Die Zentralbank kauft in großem Umfang Staats- und Unternehmensanleihen und drückt so die langfristigen Zinsen.
- Forward Guidance: Die Zentralbank kündigt an, wie lange die Zinsen niedrig bleiben werden, und lenkt so die Erwartungen.
- Langfristige Kredite an Banken zu sehr günstigen Bedingungen, wenn diese das Geld an Unternehmen weiterverleihen.
- Schutzinstrumente wie das TPI von 2022: Die EZB kann gezielt Anleihen eines Landes kaufen, wenn dessen Zinsen ohne sachlichen Grund in die Höhe schießen.
- Ein Leitzins gilt für den gesamten Euroraum. Er kann für ein Land zu hoch und für ein anderes zu niedrig sein („one size fits all“-Problem).
- Geldpolitik kann keine Energie herbeischaffen und keine Lieferketten reparieren. Gegen Angebotsschocks wirkt sie nur indirekt (siehe Kapitel 4).
- Anleihekäufe verwischen die Grenze zur Staatsfinanzierung, die der EZB verboten ist. Darüber wurde in Deutschland bis vor das Bundesverfassungsgericht gestritten.
- Einlagesatz = wichtigster Steuerungszins der EZB (seit 16.9.2026: 2,50 %).
- Transmission über Zins-, Kredit-, Vermögens-, Wechselkurs- und Erwartungskanal.
- Wirkung mit ein bis zwei Jahren Verzögerung → Zentralbanken müssen vorausschauend handeln.
- An der Nullgrenze: Negativzinsen, Anleihekäufe, Forward Guidance.
Zinsen und Inflation: ein ungleiches Paar
Die wichtigste Aufgabe des Zinses ist die Bekämpfung der Inflation. Doch nicht jede Inflation lässt sich gleich gut mit Zinsen bekämpfen – und manche Teuerung verschwindet von selbst.
4.1 Was Inflation ist und wie man sie misst
Inflation ist der allgemeine Anstieg der Preise, also der Verlust an Kaufkraft des Geldes. In Deutschland misst sie das Statistische Bundesamt mit dem Verbraucherpreisindex (VPI). Für den europäischen Vergleich und die EZB zählt der harmonisierte Index HVPI, der etwas anders gewichtet ist; deshalb weichen die deutschen Werte je nach Index leicht voneinander ab. Weil Energie- und Lebensmittelpreise stark schwanken, beobachten Zentralbanken zusätzlich die Kerninflation ohne diese Güter. Die EZB strebt seit 2021 eine Inflation von genau zwei Prozent auf mittlere Sicht an; zuvor lautete das Ziel „unter, aber nahe zwei Prozent“.
4.2 Zwei Arten von Inflation
| Merkmal | Nachfrageinflation | Angebotsinflation |
|---|---|---|
| Ursache | Die Menschen wollen mehr kaufen, als produziert werden kann – etwa nach billigen Krediten oder großen Staatsprogrammen. | Etwas Wichtiges wird knapp und teuer – vor allem Energie, Rohstoffe oder Vorprodukte (Angebotsschock). |
| Folge für die Wirtschaft | Hohe Auslastung, Beschäftigung steigt, Preise steigen. | Produktion sinkt, Kaufkraft schwindet, Preise steigen – im schlimmsten Fall Stagflation. |
| Wirkung höherer Zinsen | Gut: Die Nachfrage wird gebremst, die Preise beruhigen sich. | Schwierig: Zinsen machen Öl nicht billiger, schwächen aber zusätzlich die Wirtschaft. |
| Historische Beispiele | USA 2021/22 (Konjunkturprogramme), Deutschland nach der Wiedervereinigung 1990–92 | Ölkrisen 1973 und 1979, Gaskrise 2022, Hormus-Blockade 2026 |
4.3 Warum Zentralbanken trotzdem auf Angebotsschocks reagieren
Wenn die Inflation von Energie ausgeht, könnte eine Zentralbank theoretisch abwarten: Sobald der Ölpreis nicht mehr steigt, fällt die Inflationsrate von selbst, weil sie nur die Veränderung gegenüber dem Vorjahr misst. Gefährlich wird es aber, wenn die Teuerung sich ausbreitet – wenn Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, um die Preise auszugleichen, und Unternehmen die höheren Löhne wiederum auf die Preise aufschlagen. Solche Zweitrundeneffekte können eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. Entscheidend ist dabei, was die Menschen für die Zukunft erwarten. Solange die Inflationserwartungen bei etwa zwei Prozent „verankert“ bleiben, kann die Zentralbank einen Energieschock eher hinnehmen. Geraten sie ins Rutschen, muss sie hart bremsen.
Nicht direkt. Sie kann aber verhindern, dass ein einmaliger Preisschub zu dauerhaft höherer Inflation wird. Zudem wirkt ein höherer Zins über den Wechselkurs: Steigt der Euro gegenüber dem Dollar, wird in Dollar gehandeltes Öl in Euro billiger. Die Kehrseite ist, dass die ohnehin vom Energieschock geschwächte Wirtschaft zusätzlich gebremst wird. Diese Abwägung prägte die Diskussionen der EZB 2022 und erneut 2026.
4.4 Eine Faustregel für den „richtigen“ Zins
Der amerikanische Ökonom John B. Taylor schlug 1993 eine einfache Formel vor, die beschreibt, wie Zentralbanken in der Vergangenheit gehandelt haben (Taylor-Regel). Vereinfacht: Der Leitzins sollte dem neutralen Zins plus der aktuellen Inflation entsprechen, und er sollte zusätzlich steigen, wenn die Inflation über dem Ziel liegt, und sinken, wenn die Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt. Liegt die Inflation einen Prozentpunkt über dem Ziel, sollte der Leitzins um mehr als einen Prozentpunkt steigen – sonst sinkt der Realzins und die Geldpolitik wird ungewollt lockerer.
Ein Rechenbeispiel zeigt, wie groß die Lücke 2022 war: Bei einem neutralen Realzins von etwa einem halben Prozent und einer Inflation von rund acht Prozent hätte die Regel einen Leitzins von deutlich über zehn Prozent ergeben. Tatsächlich lag der Einlagesatz der EZB Mitte 2022 noch bei minus 0,5 Prozent. Die Regel ist umstritten und wird von keiner Zentralbank mechanisch angewendet, macht aber sichtbar, wie locker die Geldpolitik damals war.
Niemand kennt den neutralen Zins genau – also den Zins, der die Wirtschaft weder anschiebt noch bremst. Er hängt von Bevölkerungsentwicklung, Sparneigung und Produktivität ab und hat sich über die Jahrzehnte verschoben. Die US-Notenbank schätzt ihn inzwischen höher als vor einigen Jahren. Ob der heutige Leitzins „bremst“ oder „antreibt“, ist deshalb immer auch eine Einschätzung.
- Nachfrageinflation → Zinsen wirken gut; Angebotsinflation → Zinsen wirken schlecht und schaden dem Wachstum.
- Gefährlich sind Zweitrundeneffekte und entankerte Inflationserwartungen.
- Kerninflation zeigt, wie tief die Teuerung in der Wirtschaft sitzt.
- Taylor-Regel: Steigt die Inflation, muss der Leitzins stärker steigen, sonst sinkt der Realzins.
Lehrstücke aus der Geschichte
Zentralbanker berufen sich bei fast jeder Entscheidung auf die Vergangenheit. Fünf Episoden prägen ihr Denken bis heute – und sie erklären, warum die Notenbanken 2022 und 2026 so handelten, wie sie handelten.
Fall I: Die große Inflation und der Volcker-Schock
1973–1983- 1971–1973Das System fester Wechselkurse von Bretton Woods zerfällt. Die USA lösen den Dollar 1971 vom Gold.
- 1973/74Erste Ölkrise: Die arabischen Förderländer drosseln die Lieferungen, der Ölpreis vervielfacht sich. In vielen westlichen Ländern steigt die Inflation in den zweistelligen Bereich.
- 1970erDie US-Notenbank erhöht die Zinsen mehrfach, senkt sie aber wieder, sobald die Arbeitslosigkeit steigt („Stop and Go“). Die Inflationserwartungen geraten außer Kontrolle.
- 1979Zweite Ölkrise nach der Revolution in Iran. Im August wird Paul Volcker Chef der Fed; im Oktober stellt sie ihre Politik radikal um.
- März 1980Die US-Inflation erreicht mit 14,8 Prozent ihren Höhepunkt.
- Juni 1981Der Leitzins der Fed erreicht rund 20 Prozent. Es folgt die schwerste Rezession seit den 1930er Jahren; die Arbeitslosigkeit steigt auf über zehn Prozent. Landwirte blockieren mit Traktoren die Straßen vor der Fed in Washington.
- 1982Die hohen Dollarzinsen lösen eine Schuldenkrise in Lateinamerika aus, beginnend mit Mexiko.
- 1983Die US-Inflation fällt unter drei Prozent.
Ergebnis: Volcker gilt seither als Beweis dafür, dass eine Zentralbank auch tief verwurzelte Inflation brechen kann – aber zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Die Lehre der Notenbanker lautet: Inflation früh bekämpfen, bevor sich die Erwartungen verschieben. Genau auf dieses Beispiel bezogen sich Fed und EZB 2022, als sie die Zinsen außergewöhnlich schnell anhoben.
Fall II: Die Bundesbank und die deutsche Stabilitätskultur
1973–1990- März 1973Mit dem Ende fester Wechselkurse gegenüber dem Dollar gewinnt die Bundesbank die Freiheit, ihre Zinsen allein an der heimischen Preisstabilität auszurichten.
- 1973/74Die Inflation in der Bundesrepublik steigt auf rund sieben Prozent – hoch für deutsche Verhältnisse, aber deutlich weniger als in Großbritannien, Italien oder den USA.
- Dez. 1974Die Bundesbank verkündet als eine der ersten Zentralbanken ein Ziel für das Wachstum der Geldmenge. Sie macht damit ihre Politik vorhersehbar.
- 1974/75Die harte Linie trägt zu einer Rezession bei; die Zahl der Arbeitslosen steigt erstmals seit den 1950er Jahren über eine Million.
- 1980erDie D-Mark wird zur Ankerwährung Europas. Andere Länder im Europäischen Währungssystem (EWS, seit 1979) müssen sich an den deutschen Zinsen orientieren.
Ergebnis: Die Bundesbank bewies, dass eine unabhängige Notenbank Inflation begrenzen kann, wenn die Öffentlichkeit ihr vertraut. Daraus entstand das, was oft „deutsche Stabilitätskultur“ genannt wird. Sie erklärt, warum die Konstruktion der EZB stark am Bundesbank-Modell ausgerichtet wurde – und warum die Nullzinspolitik später in Deutschland auf so viel Misstrauen stieß.
Fall III: Wiedervereinigung und die Krise des Europäischen Währungssystems
1990–1993- 1.7.1990Deutsch-deutsche Währungsunion: Die D-Mark wird in der DDR eingeführt. Die Kosten der Einheit werden zu großen Teilen über Kredite finanziert; die Nachfrage im Osten treibt die Preise.
- 1990–1992Die Bundesbank erhöht ihre Zinsen in mehreren Schritten. Der Diskontsatz steigt von sechs Prozent Ende 1990 auf 8,75 Prozent im Juli 1992.
- 1992Großbritannien, Italien und andere EWS-Länder stecken in einer Rezession, müssen aber wegen der festen Wechselkursbänder die hohen deutschen Zinsen mittragen.
- 16.9.1992„Schwarzer Mittwoch“: Spekulanten wetten gegen das Pfund. Die Bank of England erhöht ihren Leitzins an einem Tag von zehn auf zwölf Prozent und kündigt 15 Prozent an – vergeblich. Großbritannien verlässt den Wechselkursmechanismus, Italien folgt.
- Aug. 1993Die Schwankungsbreiten im EWS werden auf plus/minus 15 Prozent ausgeweitet; das System ist faktisch entschärft.
Ergebnis: Die Krise zeigte, was geschieht, wenn eine Zentralbank Zinsen für ihr eigenes Land setzt, andere Länder aber daran gebunden sind. Ein Zins, der für ein boomendes Deutschland richtig war, war für ein Großbritannien in der Rezession viel zu hoch. Dieses Problem kehrte mit dem Euro in neuer Form zurück: Seit 1999 gilt ein einziger Leitzins für sehr unterschiedliche Volkswirtschaften.
Fall IV: Zinserhöhungen zur falschen Zeit
2008 und 2011- Juli 2008Der Ölpreis steigt auf ein Rekordhoch. Die EZB unter Jean-Claude Trichet erhöht ihren Hauptrefinanzierungssatz auf 4,25 Prozent, obwohl sich die Finanzkrise bereits abzeichnet.
- Sept. 2008Lehman Brothers bricht zusammen. Die EZB senkt die Zinsen bis Mai 2009 auf ein Prozent.
- April/Juli 2011Wegen steigender Energiepreise erhöht die EZB erneut zweimal die Zinsen – mitten in der beginnenden Euro-Schuldenkrise.
- Nov./Dez. 2011Der neue EZB-Präsident Mario Draghi nimmt beide Erhöhungen sofort wieder zurück.
Ergebnis: Beide Erhöhungen gelten heute vielen Ökonomen als Fehler: Die EZB reagierte auf eine von Energiepreisen getriebene Inflation, während die Wirtschaft bereits in die Krise rutschte. Diese Erfahrung erklärt, warum die EZB 2021 zögerte, als die Inflation zu steigen begann – und warum sie 2026 betont, keinem festen Zinspfad zu folgen.
Fall V: „Whatever it takes“ – die Macht der Worte
2010–2012- 2010–2012In der Euro-Schuldenkrise steigen die Zinsen für griechische, portugiesische, irische, spanische und italienische Staatsanleihen stark. Anleger fürchten einen Austritt einzelner Länder aus dem Euro.
- 26.7.2012Mario Draghi erklärt in London, die EZB werde im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten.
- Sept. 2012Die EZB beschließt das Programm OMT für unbegrenzte Anleihekäufe unter Auflagen. Es wird nie eingesetzt – die Ankündigung allein senkt die Risikoaufschläge deutlich.
Ergebnis: Ein glaubwürdiges Versprechen kann mehr bewirken als jede tatsächliche Maßnahme. Zugleich übernahm die EZB damit die Rolle einer Schutzmacht für Staatsanleihen. Kritiker in Deutschland sahen darin eine verbotene Staatsfinanzierung; das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof billigten das Programm aber unter Bedingungen.
Japan erlebte nach dem Platzen einer Immobilien- und Aktienblase Anfang der 1990er Jahre jahrzehntelang schwaches Wachstum und fallende Preise (Deflation). Die Bank of Japan senkte ihre Zinsen 1999 auf null und 2016 sogar ins Negative. Japan wurde damit zum Warnbild: Sehr niedrige Zinsen allein erzeugen weder Wachstum noch Inflation, wenn Unternehmen und Haushalte nicht investieren wollen. Diese Sorge vor einer „Japanisierung“ prägte die EZB-Politik der 2010er Jahre. Erst 2024 beendete Japan die Negativzinsen; im September 2026 hob die Bank of Japan ihren Leitzins auf 1,25 Prozent, den höchsten Stand seit über drei Jahrzehnten.
- Volcker 1979–1983: Leitzins bis 20 % → Inflation gebrochen, aber schwere Rezession.
- Bundesbank: Unabhängigkeit und Geldmengenziel → deutsche Stabilitätskultur, Vorbild für die EZB.
- 1992: Hohe deutsche Zinsen nach der Einheit → Krise des EWS, Pfund verlässt das System.
- 2008 und 2011: EZB erhöht wegen Ölpreisen in den Abschwung → Fehler, rasch korrigiert.
- 2012: „Whatever it takes“ → Worte und Glaubwürdigkeit als Werkzeug.
Zwei Währungsräume, zwei Zinsen
Der Euroraum und die USA sind die beiden größten Währungsräume der westlichen Welt. Ihre Zentralbanken entscheiden unabhängig voneinander – und oft verschieden. Was das bedeutet, spürt man an der Zapfsäule, in der Exportindustrie und an den Finanzmärkten.
6.1 Warum die Leitzinsen auseinanderlaufen
Unterschiedliche Schocks
Die USA sind seit dem Schieferöl-Boom selbst großer Öl- und Gasproduzent. Europa muss Energie importieren und leidet stärker unter Preisschocks – 2022 beim Gas, 2026 beim Öl.
Unterschiedliche Aufträge
Die Fed soll neben stabilen Preisen auch hohe Beschäftigung sichern. Die EZB hat vorrangig die Preisstabilität im Blick.
Unterschiedliche Konjunktur
Die US-Wirtschaft wuchs seit 2010 meist schneller als die europäische. Ein starkes Wachstum verträgt höhere Zinsen.
Unterschiedliche Staatsfinanzen
Die USA haben seit Jahren sehr hohe Haushaltsdefizite, die die Nachfrage anheizen. Im Euroraum muss die EZB zudem auf die Lage hoch verschuldeter Länder wie Italien und Frankreich achten.
6.2 Was eine Zinsdifferenz auslöst
Liegt der Zins in den USA höher als im Euroraum, können Anleger mit Dollar-Anlagen mehr verdienen. Sie tauschen Euro in Dollar, um amerikanische Anleihen zu kaufen. Die steigende Nachfrage nach Dollar lässt seinen Kurs steigen, der Euro wird schwächer. Diese Zinsdifferenz ist einer der wichtigsten Bestimmungsgründe für den Wechselkurs – wenn auch nicht der einzige.
| Zeitpunkt | Fed (Obergrenze) | EZB-Einlagesatz | Abstand | Euro in Dollar (rund) | Einordnung |
|---|---|---|---|---|---|
| Ende 2008 | 0,25 % | 2,00 % | EZB höher | 1,40 | Die Fed senkt schneller; der Euro ist stark. |
| Frühjahr 2015 | 0,25 % | −0,20 % | 0,45 Pp. | 1,05–1,10 | EZB startet Anleihekäufe, die Fed bereitet Erhöhungen vor; der Euro verliert binnen eines Jahres rund ein Viertel. |
| Ende 2018 | 2,50 % | −0,40 % | 2,9 Pp. | 1,14 | Die Fed hat neunmal erhöht, die EZB gar nicht. |
| Herbst 2022 | 3,25 % | 0,75 % | 2,5 Pp. | unter 1,00 | Die Fed erhöht früher und schneller; der Euro fällt erstmals seit 2002 unter den Dollar. |
| Herbst 2023 | 5,50 % | 4,00 % | 1,5 Pp. | 1,06 | Beide auf dem Höhepunkt des Zinszyklus. |
| Sommer 2025 | 4,50 % | 2,00 % | 2,5 Pp. | 1,17 | Trotz großer Differenz steigt der Euro – Zölle und Zweifel an der US-Politik schwächen den Dollar. |
| September 2026 | 4,00 % | 2,50 % | 1,5 Pp. | 1,15 | Beide erhöhen; nach dem Fed-Schritt gibt der Euro nach. |
6.3 Die Folgen für Deutschland
- Exporte: Ein schwacher Euro macht deutsche Waren im Dollarraum billiger und hilft der Exportindustrie.
- Importierte Inflation: Öl, Gas und viele Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Ein schwacher Euro verteuert sie zusätzlich. 2022 trafen beide Effekte zusammen: Die Energiepreise stiegen in Dollar, und der Dollar selbst wurde teurer.
- Gekoppelte Kapitalmärkte: Steigen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen, ziehen die Renditen von Bundesanleihen meist mit, weil weltweit tätige Anleger zwischen beiden wählen. Im September 2026 stiegen beide gleichzeitig auf Mehrjahreshochs – US-Anleihen auf über fünf Prozent, Bundesanleihen auf gut 3,5 Prozent.
- Spielraum der EZB: Senkt die EZB ihre Zinsen deutlich stärker als die Fed, schwächt sie den Euro und importiert Inflation. Deshalb beobachtet sie die US-Politik genau, auch wenn sie ihr nicht folgen muss.
6.4 Wenn Zinsdifferenzen plötzlich schrumpfen: der Carry-Trade
Zinsunterschiede locken auch Spekulanten. Beim Carry-Trade leihen sich Anleger Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen – lange vor allem im japanischen Yen – und legen es dort an, wo die Zinsen höher sind. Das funktioniert, solange die Zinsdifferenz groß bleibt und die Billigwährung nicht aufwertet. Als die Bank of Japan im Juli 2024 ihren Leitzins leicht anhob und die Fed zugleich Zinssenkungen signalisierte, wertete der Yen auf. Viele Anleger mussten ihre Geschäfte in kurzer Zeit auflösen; Anfang August 2024 stürzten die Börsen weltweit kurzzeitig ab, besonders in Tokio. Das Beispiel zeigt, dass kleine Zinsschritte große Wirkungen haben können, wenn sich weltweit Wetten auf eine bestimmte Zinsdifferenz aufgebaut haben.
Rechtlich nicht, und praktisch auch nicht immer. Im Juni 2024 senkte die EZB ihre Zinsen drei Monate vor der Fed, weil die Inflation im Euroraum schneller gesunken war. Sie nahm einen etwas schwächeren Euro in Kauf. Grenzen gibt es dennoch: Weicht die EZB zu weit ab, droht eine starke Abwertung des Euro, die über teurere Importe die Inflation nach oben treibt. Viele Ökonomen sprechen deshalb davon, dass die EZB „im Schatten der Fed“ entscheidet – unabhängig im Prinzip, aber nicht unbeeinflusst.
2025 stieg der Euro gegenüber dem Dollar deutlich, obwohl die US-Zinsen viel höher lagen. Nach Einschätzung von Banken wie der LBBW störten die umfassenden US-Zölle vom April 2025 und die Angriffe des Präsidenten auf die Unabhängigkeit der Fed das Vertrauen in den Dollar. Wechselkurse spiegeln also nicht nur Zinsen, sondern auch Vertrauen in Institutionen, Rechtssicherheit und Politik wider.
- Höhere US-Zinsen → Kapital fließt in den Dollar → Euro wird schwächer.
- Schwacher Euro → Exporte billiger, aber Energieimporte teurer (importierte Inflation).
- Herbst 2022: größere Zinsdifferenz → Euro unter einen Dollar.
- Carry-Trade: Wetten auf Zinsdifferenzen können plötzliche Marktbeben auslösen (August 2024).
- Die EZB entscheidet unabhängig, aber „im Schatten der Fed“.
Der Weg in den Nullzins
Über mehr als ein Jahrzehnt lagen die Zinsen im Euroraum bei null oder darunter. Was als Notmaßnahme in der Finanzkrise begann, wurde zum Dauerzustand – aus Gründen, die weit über die Geldpolitik hinausreichen.
7.1 Das große Bild: Leitzinsen und Inflation seit 2008
Die Grafik zeigt den Einlagesatz der EZB, den Leitzins der US-Notenbank und die Inflationsrate in Deutschland. Gut zu erkennen sind die lange Phase, in der der europäische Leitzins unter der Nulllinie lag, der steile Anstieg ab 2022 – der erst einsetzte, als die Inflation schon hoch war – und die erneute Wende 2026.
Zinswerte jeweils zum Jahresende, für 2026 Stand Oktober. Inflation als Jahresdurchschnitt des Verbraucherpreisindex (gerundet); der Wert für 2026 ist die Prognose der Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2026.
Die Werte als Tabelle
| Jahr | EZB-Einlagesatz | Fed (Obergrenze) | Inflation Deutschland |
|---|---|---|---|
| 2008 | 2,00 % | 0,25 % | 2,6 % |
| 2009 | 0,25 % | 0,25 % | 0,3 % |
| 2010 | 0,25 % | 0,25 % | 1,0 % |
| 2011 | 0,25 % | 0,25 % | 2,2 % |
| 2012 | 0,00 % | 0,25 % | 1,9 % |
| 2013 | 0,00 % | 0,25 % | 1,5 % |
| 2014 | −0,20 % | 0,25 % | 1,0 % |
| 2015 | −0,30 % | 0,50 % | 0,5 % |
| 2016 | −0,40 % | 0,75 % | 0,5 % |
| 2017 | −0,40 % | 1,50 % | 1,5 % |
| 2018 | −0,40 % | 2,50 % | 1,8 % |
| 2019 | −0,50 % | 1,75 % | 1,4 % |
| 2020 | −0,50 % | 0,25 % | 0,5 % |
| 2021 | −0,50 % | 0,25 % | 3,1 % |
| 2022 | 2,00 % | 4,50 % | 6,9 % |
| 2023 | 4,00 % | 5,50 % | 5,9 % |
| 2024 | 3,00 % | 4,50 % | 2,2 % |
| 2025 | 2,00 % | 3,75 % | 2,2 % |
| 2026 (Okt.) | 2,50 % | 4,00 % | 2,8 % (Prognose) |
7.2 Warum die Zinsen so tief fielen
Ökonomen nennen kurzfristige und langfristige Gründe. Die kurzfristigen waren die Krisen selbst. Die langfristigen wirken leiser, aber über Jahrzehnte: Der neutrale Zins, bei dem die Wirtschaft weder angeheizt noch gebremst wird, ist in allen Industrieländern seit den 1980er Jahren gesunken.
Finanz- und Euro-Krise
Banken, Staaten und Haushalte mussten Schulden abbauen. Die Nachfrage blieb über Jahre schwach.
Alternde Gesellschaften
Wer für das Alter vorsorgt, spart. Viel Erspartes trifft auf wenig Investitionsbedarf und drückt den Zins.
Schwaches Produktivitätswachstum
Wenn neue Investitionen weniger zusätzlichen Ertrag bringen, sinkt der Zins, den Unternehmen zahlen können.
Globale Ersparnisse
Exportstarke Länder wie China, Deutschland und die Ölstaaten legten große Überschüsse an den Kapitalmärkten an.
Angst vor Deflation
2014/15 sank die Inflation im Euroraum zeitweise unter null. Die EZB fürchtete eine Abwärtsspirale wie in Japan.
7.3 Die Schritte in den Nullzins
Phase I: Krisenbekämpfung
2008–2013- Okt. 2008Nach der Lehman-Pleite senken mehrere Zentralbanken gemeinsam ihre Zinsen. Die EZB stellt Banken unbegrenzt Liquidität zur Verfügung.
- Mai 2009Der Hauptrefinanzierungssatz der EZB liegt bei 1,0 Prozent. Die Fed ist bereits seit Dezember 2008 bei null und kauft Anleihen.
- 2010–2012Euro-Schuldenkrise. Die EZB kauft erstmals Staatsanleihen von Krisenländern und vergibt dreijährige Kredite an Banken im Umfang von rund einer Billion Euro.
- Juli 2012Der Einlagesatz sinkt auf null. Draghis „Whatever it takes“ beruhigt die Märkte.
Phase II: Negativzins und Anleihekäufe
2014–2019- Juni 2014Die EZB führt als erste große Zentralbank einen negativen Einlagesatz ein: −0,1 Prozent.
- März 2015Beginn des großen Anleihekaufprogramms (APP) mit zunächst 60 Milliarden Euro im Monat, vor allem Staatsanleihen. Bis 2022 erwirbt die EZB im Rahmen des APP Wertpapiere für mehr als drei Billionen Euro.
- März 2016Der Hauptrefinanzierungssatz sinkt auf null, der Einlagesatz auf −0,4 Prozent.
- Juni 2016Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt erstmals unter null. Der Bund verdient zeitweise Geld damit, Schulden zu machen.
- Aug. 2019Selbst dreißigjährige Bundesanleihen rentieren erstmals negativ.
- Sept. 2019Zum Abschied Draghis senkt die EZB den Einlagesatz auf −0,5 Prozent und nimmt die Anleihekäufe wieder auf. Bundesbankpräsident Jens Weidmann und mehrere frühere Notenbanker kritisieren die Entscheidung öffentlich.
Phase III: Pandemie
2020–2021- März 2020Die Corona-Pandemie erschüttert die Märkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt auf ein Rekordtief von rund −0,9 Prozent. Die EZB startet das Notfallprogramm PEPP, das später auf 1,85 Billionen Euro aufgestockt wird.
- 5.5.2020Das Bundesverfassungsgericht erklärt in seinem PSPP-Urteil, die EZB habe die Verhältnismäßigkeit ihrer Anleihekäufe nicht ausreichend begründet – ein Konflikt mit dem Europäischen Gerichtshof, der die Käufe zuvor gebilligt hatte.
- Juli 2021Die EZB beschließt eine neue Strategie: Das Inflationsziel lautet nun symmetrisch zwei Prozent; zeitweise Überschreitungen werden hingenommen.
Ein negativer Einlagesatz sollte Banken dazu bringen, ihr überschüssiges Geld nicht bei der Zentralbank zu parken, sondern als Kredit an Unternehmen und Haushalte zu vergeben. Zugleich sollte er den Euro schwächen und so Exporte fördern und Importe verteuern – beides sollte die zu niedrige Inflation anheben. Um die Banken nicht zu überfordern, befreite die EZB ab 2019 einen Teil ihrer Guthaben vom Negativzins.
- Enteignung der Sparer: In Deutschland wurde der Begriff der „kalten Enteignung“ populär, weil Sparzinsen unter der Inflation lagen.
- Blasengefahr: Billiges Geld treibe die Preise von Immobilien und Aktien und begünstige diejenigen, die bereits Vermögen besitzen.
- Zombieunternehmen: Firmen, die nur dank niedriger Zinsen überleben, blockierten den Strukturwandel. Wie verbreitet dieses Phänomen war, ist in der Forschung umstritten.
- Fehlanreize für Staaten: Regierungen hoch verschuldeter Länder hätten Reformen aufgeschoben, weil die EZB ihre Finanzierung absicherte.
- Mandatsfrage: Kritiker sahen in den Anleihekäufen eine verbotene Staatsfinanzierung; Befürworter verwiesen auf die drohende Deflation und den möglichen Zerfall des Euroraums.
- Ursachen: Krisen, Alterung, schwache Produktivität, globale Ersparnisse, Deflationsangst.
- 2014: erster negativer Einlagesatz → bis 2022 negativ, Tiefpunkt −0,5 % (2019).
- 2015: Beginn massiver Anleihekäufe → Billionen-Bestände in der Zentralbankbilanz.
- 2016–2021: Bundesanleihen mit negativer Rendite.
- 2020: PSPP-Urteil des Bundesverfassungsgerichts → offener Streit über die Grenzen der EZB.
Die Nullzinsjahre in Deutschland
Kein großes Euroland hat so intensiv über die Nullzinspolitik gestritten wie Deutschland. Das hatte einen Grund: Die Deutschen gehören zu den eifrigsten Sparern Europas – und zugleich profitierte ihr Staat wie kaum ein anderer von den niedrigen Zinsen.
8.1 Gewinner und Verlierer
| Gruppe | Was geschah | Bilanz |
|---|---|---|
| Der Bund | Die Zinsausgaben sanken von rund 40 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf rund vier Milliarden Euro im Jahr 2021, obwohl die Schulden wuchsen. Neue Anleihen brachten zeitweise sogar Geld ein. Von 2014 bis 2019 erzielte der Bund Haushaltsüberschüsse („schwarze Null“). | Großer Gewinner. Nach Berechnungen, über die das Handelsblatt 2019 berichtete, sparte der deutsche Staat seit 2008 rund 440 Milliarden Euro an Zinsen. |
| Hauskäufer und Kreditnehmer | Baukredite mit zehnjähriger Zinsbindung kosteten 2021 im Durchschnitt rund ein Prozent, Anfang 2022 teils weniger. Die Preise für Wohnimmobilien stiegen von 2008 bis 2022 ohne Unterbrechung, zuletzt mit zweistelligen Raten. | Gewinner, vor allem wer früh kaufte. Für spätere Käufer wurden die Häuser so teuer, dass der Zinsvorteil aufgezehrt wurde. |
| Sparer | Tagesgeld und Sparbuch brachten fast nichts. Viele Banken verlangten Verwahrentgelte; auf dem Höhepunkt im Mai 2022 waren es mindestens 455 Institute, teils schon ab 5.000 Euro Guthaben. | Verlierer, solange sie ihr Geld auf Konten hielten. Der Bundesgerichtshof erklärte die Entgelte auf Spar- und Tagesgeldkonten 2025 für unzulässig. |
| Banken und Sparkassen | Die Zinsspanne der deutschen Institute sank laut Bundesregierung von 1,10 Prozent (2014) auf 0,97 Prozent (2019). Für Sparkassen und Volksbanken, die vom Einlagen- und Kreditgeschäft leben, war das schmerzhaft. | Verlierer; Fusionen und Filialschließungen beschleunigten sich. |
| Lebensversicherer und Altersvorsorge | Der Höchstrechnungszins für neue Lebensversicherungen sank schrittweise bis auf 0,25 Prozent (2022). Betriebliche Pensionszusagen wurden für Unternehmen teurer. | Verlierer; klassische Garantieprodukte verloren an Bedeutung. |
| Unternehmen | Kredite waren billig, Unternehmensanleihen fanden leicht Käufer. Die Zahl der Insolvenzen sank auf historische Tiefstände. | Gewinner, mit Nebenwirkungen: Kritiker sahen schwache Firmen künstlich am Leben gehalten. |
| Vermögende | Wer Aktien und Immobilien besaß, profitierte von steigenden Preisen. Mieter und Sparer ohne Wertpapiere hatten davon nichts. | Nach verbreiteter Einschätzung nahm die Vermögensungleichheit eher zu; das Ausmaß ist umstritten. |
8.2 Der Staat und die verpasste Gelegenheit
Für die Bundesregierung waren die Nullzinsen ein stilles Geschenk. Sie konnte die Schuldenbremse einhalten und zugleich Überschüsse erzielen, ohne harte Einschnitte. Rückblickend wird ihr aber vorgeworfen, die Gelegenheit nicht genutzt zu haben. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski sagte 2023, der Bund zahle nun den Preis dafür, dass er die Phase negativer Zinsen nicht genutzt habe, um sich langfristig günstig zu verschulden; die meisten europäischen Länder hätten das klüger gemacht. Österreich etwa gab 2019 eine Anleihe mit 100 Jahren Laufzeit zu sehr niedrigen Zinsen aus. Andere Ökonomen kritisierten, dass in dieser Zeit zu wenig in Straßen, Schienen, Digitalisierung und Verteidigung investiert worden sei, obwohl Kredite praktisch nichts kosteten.
8.3 Sparer in der Falle
Deutsche Haushalte halten einen großen Teil ihres Geldvermögens auf Bankkonten und in Versicherungen. Aktien besitzen hierzulande deutlich weniger Menschen als etwa in den USA. Deshalb traf die Nullzinspolitik die Mittelschicht direkter als in anderen Ländern. Die ersten Banken gaben Negativzinsen ab 2014 an Großkunden weiter, später auch an Privatkunden. Nach der Zinswende 2022 verschwanden die Verwahrentgelte rasch. Im Februar 2025 entschied der Bundesgerichtshof in vier Urteilen, dass entsprechende Klauseln für Tagesgeld- und Sparkonten unwirksam waren und für Girokonten in der verwendeten Form ebenfalls; Kunden können gezahlte Beträge zurückfordern.
Die Antwort hängt vom Maßstab ab. Befürworter verweisen darauf, dass der Euro die Schuldenkrise überstand, eine Deflation verhindert wurde und die Arbeitslosigkeit im Euroraum wie in Deutschland bis 2019 deutlich sank. Kritiker halten dagegen, dass die Inflation trotz aller Maßnahmen bis 2021 meist unter dem Ziel blieb, das Wachstum schwach war und die Nebenwirkungen – auf Banken, Sparer, Vermögenspreise und die Haushaltsdisziplin – unterschätzt wurden. Einig sind sich die meisten Fachleute darin, dass die EZB in dieser Zeit eine Last trug, die eigentlich auch Regierungen mit ihrer Finanz- und Reformpolitik hätten tragen müssen.
Die Zentralbanken des Eurosystems kauften Anleihen mit sehr niedrigen Zinsen und finanzierten sie mit Guthaben der Banken bei sich selbst. Solange der Einlagesatz negativ war, verdienten sie daran. Die Bundesbank begann ab 2016, Rückstellungen für den Fall steigender Zinsen zu bilden. Als die Zinsen ab 2022 stiegen, kehrte sich die Rechnung um (siehe Kapitel 10).
- Bund: Zinsausgaben von rund 40 Mrd. € (2008) auf rund 4 Mrd. € (2021) → schwarze Null, aber kaum langfristige Absicherung.
- Hauskäufer: Bauzinsen um 1 % → Immobilienboom bis Mitte 2022.
- Sparer: Realverluste und Verwahrentgelte (Mai 2022: mindestens 455 Institute) → BGH 2025: unzulässig.
- Banken, Versicherer, Altersvorsorge unter Druck.
- Zinsen verteilen um: Schuldner gewannen, Sparer verloren.
Die Rückkehr der Inflation
Jahrelang hatten die Zentralbanken vergeblich versucht, die Inflation auf zwei Prozent zu heben. Dann kam sie innerhalb weniger Monate mit einer Wucht zurück, die es in Deutschland seit siebzig Jahren nicht gegeben hatte.
9.1 Drei Ursachen kommen zusammen
Nachholende Nachfrage
Nach den Lockdowns wollten die Menschen wieder reisen und konsumieren. In den USA heizten Konjunkturprogramme im Umfang von mehreren Billionen Dollar die Nachfrage zusätzlich an.
Gestörte Lieferketten
Fehlende Halbleiter, überlastete Häfen und teure Containerfrachten machten viele Waren knapp. In Deutschland kamen Sondereffekte hinzu: die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer und der neue CO2-Preis.
Energiepreisschock
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 stiegen die Preise für Gas, Strom und Öl drastisch. Im Oktober 2022 kostete Energie für deutsche Verbraucher über 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
9.2 Die Zahlen
| Gebiet | Höchststand | Zeitpunkt | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Deutschland (VPI) | 8,8 % | Oktober und November 2022 | Zunächst als 10,4 % gemeldet; nach Umstellung auf das Basisjahr 2020 nach unten korrigiert. Jahresdurchschnitt 2022: 6,9 %, 2023: 5,9 %. |
| Deutschland (HVPI) | über 11 % | Oktober 2022 | Der europäische Index gewichtet Energie anders; 2022 im Durchschnitt 8,7 %. |
| Euroraum (HVPI) | 10,6 % | Oktober 2022 | Höchster Wert seit Einführung des Euro. |
| USA (Verbraucherpreise) | gut 9 % | Juni 2022 | Höchster Wert seit 1981. |
9.3 Die Zentralbanken reagieren – unterschiedlich schnell
Beide Notenbanken hielten den Preisanstieg 2021 zunächst für vorübergehend. Die Fed begann im März 2022 mit Zinserhöhungen und steigerte das Tempo im Juni auf drei Viertelprozentpunkte je Sitzung. Die EZB beendete zunächst ihre Netto-Anleihekäufe und erhöhte die Zinsen erst am 21. Juli 2022 – um einen halben Prozentpunkt, die erste Erhöhung seit 2011. Damit endete die Zeit der Negativzinsen. Der Euro fiel im Sommer 2022 unter die Parität zum Dollar, was Energieimporte zusätzlich verteuerte.
Die Bundesregierung versuchte, die Folgen für die Bürger abzufedern: mit einem befristeten Tankrabatt und dem 9-Euro-Ticket im Sommer 2022, einer gesenkten Mehrwertsteuer auf Gas, einer Einmalzahlung für Gas- und Wärmekunden im Dezember und den Strom- und Gaspreisbremsen 2023. Solche Maßnahmen senken die gemessene Inflation kurzfristig, kosten aber Staatsgeld und können die Nachfrage stützen, die die Zentralbank gerade bremsen will.
- Andere Ursache: In den USA war die Inflation stärker nachfragegetrieben, im Euroraum vor allem ein Energieschock – also die Art von Inflation, gegen die Zinsen wenig ausrichten.
- Die Erfahrung von 2008 und 2011: Die EZB wollte nicht erneut auf einen Ölpreisschock mit Zinserhöhungen in einen Abschwung hinein reagieren.
- Die Reihenfolge: Die EZB hatte versprochen, erst die Anleihekäufe zu beenden und dann die Zinsen zu erhöhen.
- Die Angst vor Spaltung: Steigende Zinsen trafen hoch verschuldete Länder wie Italien besonders. Die EZB beschloss deshalb zeitgleich mit der ersten Zinserhöhung das Schutzinstrument TPI.
Viele Ökonomen sehen das späte Handeln heute als Fehleinschätzung, die Zentralbanken haben ihre Prognosefehler selbst eingeräumt. Der spätere Fed-Vorsitzende Kevin Warsh nannte die Inflation von 2021/22 sogar den größten Fehler der makroökonomischen Politik seit 45 Jahren. Andere halten dagegen, dass ein Energieschock dieser Größe kaum vorherzusehen war und frühere Zinserhöhungen ihn nicht verhindert hätten. Unstrittig ist: Die Erfahrung hat die Zentralbanken geprägt. 2026 reagierten sie auf den nächsten Energieschock deutlich früher.
- Ursachen 2021/22: Nachholeffekte, Lieferketten, Energieschock nach dem 24.2.2022.
- Höchststände: Euroraum 10,6 % (Okt. 2022), Deutschland (VPI) 8,8 %, USA gut 9 %.
- Fed ab März 2022, EZB ab Juli 2022 → Ende der Negativzinsen.
- Euro unter einem Dollar → importierte Inflation.
- Lehre der Notenbanken: „vorübergehend“ ist ein gefährliches Wort.
Der Zinsschock 2022/23
Innerhalb von gut vierzehn Monaten hob die EZB ihre Zinsen um 4,5 Prozentpunkte an – schneller als je zuvor seit Einführung des Euro. Kaum ein Bereich der Wirtschaft blieb davon unberührt.
10.1 Das Tempo
| Zentralbank | Beginn | Höhepunkt | Umfang | Anzahl der Schritte |
|---|---|---|---|---|
| Fed | März 2022 (0–0,25 %) | Juli 2023: 5,25–5,50 % | 5,25 Prozentpunkte | 11 |
| EZB (Einlagesatz) | Juli 2022 (−0,50 %) | September 2023: 4,00 % | 4,50 Prozentpunkte | 10 |
Allein 2022 erhöhte die EZB um 2,5 Prozentpunkte, zweimal davon um einen Dreiviertelpunkt. Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnte Ende 2022 davor, die Zügel zu früh wieder zu lockern; die Zinsen müssten ausreichend lange hoch bleiben. Bis Juni 2024 behielt die EZB den Einlagesatz bei vier Prozent.
10.2 Die Folgen in Deutschland
Bauzinsen vervierfacht
Konnten Käufer im Januar 2022 noch zehnjährige Finanzierungen unter einem Prozent abschließen, lagen die Bauzinsen im Oktober 2023 im Durchschnitt bei rund vier Prozent, teils darüber. Bei einem Kredit von 400.000 Euro bedeutet der Unterschied über zehn Jahre Mehrkosten in der Größenordnung von 100.000 Euro.
Immobilienpreise fallen
Nach dem Höhepunkt im zweiten Quartal 2022 sanken die Preise für Wohnimmobilien. 2023 lagen sie im Durchschnitt 8,4 Prozent unter dem Vorjahr – der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik im Jahr 2000. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft sprach vom stärksten Preisrückgang seit rund 60 Jahren.
Wohnungsbau bricht ein
Höhere Zinsen und teure Baustoffe ließen viele Projekte unrentabel werden. In den ersten Monaten 2023 lagen die Baugenehmigungen für Wohnungen rund ein Viertel bis ein Drittel unter dem Vorjahr. Der Wohnungsmangel in den Städten verschärfte sich.
Sparer erhalten wieder Zinsen
Verwahrentgelte verschwanden, Tages- und Festgeld brachten 2023 wieder drei bis vier Prozent. Angesichts der hohen Inflation blieb der Realzins zunächst trotzdem negativ.
Der Staat zahlt
Die Zinsausgaben des Bundes stiegen nach Angaben des damaligen Finanzministers Christian Lindner von rund vier Milliarden Euro (2021) auf rund 40 Milliarden Euro (2023) – eine Verzehnfachung. Verstärkt wurde der Anstieg durch inflationsindexierte Anleihen.
Die Bundesbank macht Verluste
Die Bundesbank hält Anleihen mit sehr niedrigen Zinsen, muss den Banken aber auf deren Guthaben den hohen Einlagesatz zahlen. Für 2024 wies sie mit 19,2 Milliarden Euro den ersten Verlust seit 1979 und den höchsten ihrer Geschichte aus; bereits seit dem Geschäftsjahr 2020 führt sie keinen Gewinn mehr an den Bund ab.
Auch die Gesamtwirtschaft litt. Das reale Bruttoinlandsprodukt Deutschlands schrumpfte 2023 und 2024. Die höheren Zinsen waren dabei nur ein Grund unter mehreren; hinzu kamen die hohen Energiepreise, die Schwäche der Industrie und die nachlassende Nachfrage aus China.
10.3 Wenn Zinsen das Finanzsystem testen
Ein schneller Zinsanstieg lässt die Kurse bereits ausgegebener Anleihen fallen. Wer viele davon hält und sie plötzlich verkaufen muss, erleidet Verluste. Zwei Ereignisse zeigten 2022/23, wie gefährlich das sein kann:
- Großbritannien, September 2022: Unfinanzierte Steuersenkungen der Regierung Truss lösten einen Ausverkauf britischer Staatsanleihen aus. Pensionsfonds gerieten in Not, die Bank of England musste eingreifen; Premierministerin Truss trat nach wenigen Wochen zurück. Die Episode wird seitdem oft als Warnung angeführt, dass Märkte unsolide Haushaltspolitik mit höheren Zinsen bestrafen.
- USA und Schweiz, März 2023: Die Silicon Valley Bank brach zusammen, nachdem sie Verluste auf ihre Anleihebestände realisieren musste und Kunden ihre Einlagen abzogen. Wenige Tage später musste die Schweizer Großbank Credit Suisse von der UBS übernommen werden.
Die Inflation in Deutschland fiel von 5,9 Prozent (2023) auf 2,2 Prozent (2024). Mehrere Gründe wirkten zusammen: Die Energiepreise gaben nach, die Lieferketten normalisierten sich, und die höheren Zinsen dämpften Kreditvergabe, Bau und Konsum. Wie groß der Anteil der Geldpolitik genau war, ist umstritten. Wichtig war nach Ansicht vieler Ökonomen vor allem, dass die Inflationserwartungen trotz zweistelliger Raten nicht dauerhaft nach oben abdrifteten – eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er Jahren blieb aus.
- Viele Familien konnten sich den Traum vom Eigenheim nicht mehr leisten; Mieten stiegen weiter, weil weniger gebaut wurde.
- Wer eine Anschlussfinanzierung brauchte, musste plötzlich ein Vielfaches an Zinsen zahlen.
- Projektentwickler und Bauunternehmen gingen in größerer Zahl in die Insolvenz.
- Die steigende Zinslast engte den Spielraum des Bundeshaushalts ein und verschärfte den Streit um die Schuldenbremse.
- EZB 2022/23: +4,5 Prozentpunkte in 14 Monaten → Einlagesatz 4,0 % (Sept. 2023).
- Bauzinsen: unter 1 % (Anfang 2022) → rund 4 % (Okt. 2023) → Immobilienpreise 2023 −8,4 %.
- Bund: Zinsausgaben verzehnfacht (rund 4 → rund 40 Mrd. €).
- Bundesbank: 2024 Verlust von 19,2 Mrd. € → erstmals seit 1979.
- Finanzsystem: Gilt-Krise 2022, Silicon Valley Bank und Credit Suisse 2023.
Lockerung und trügerische Ruhe
Als die Inflation 2024 wieder in die Nähe von zwei Prozent sank, senkten die Zentralbanken ihre Zinsen. Doch unter der Oberfläche bauten sich neue Spannungen auf: hohe Staatsschulden, Handelskonflikte und offener politischer Druck auf die US-Notenbank.
11.1 Die EZB senkt – und hält inne
Im Juni 2024 senkte die EZB ihren Einlagesatz erstmals seit 2019, drei Monate vor der Fed. Es folgten sieben weitere Schritte, bis der Satz im Juni 2025 bei 2,0 Prozent lag. Im September 2024 stellte die EZB zudem ihren geldpolitischen Handlungsrahmen um und rückte den Einlagesatz offiziell in den Mittelpunkt. Ab Juli 2025 legte sie eine fast einjährige Pause ein. Der Leitzins lag nun ungefähr in dem Bereich, den die EZB als neutral einschätzte, die Inflation in Deutschland betrug 2024 und 2025 jeweils 2,2 Prozent. Bundesbankpräsident Nagel erklärte bei der Vorlage des Jahresabschlusses 2025, die Preisstabilität im Euroraum sei wieder erreicht. Im Dezember 2025 rechneten die Fachleute des Eurosystems sogar damit, dass die Inflation 2026 und 2027 leicht unter zwei Prozent liegen würde.
11.2 Die Fed zwischen Zöllen und Präsident
Die Fed senkte im September 2024 um einen halben Prozentpunkt und bis Jahresende auf 4,25–4,50 Prozent. Dann hielt sie inne: Die umfassenden Zölle, die Präsident Donald Trump im April 2025 verkündete, ließen höhere Preise erwarten. Trump griff Fed-Chef Jerome Powell deshalb immer wieder öffentlich an und forderte drastische Zinssenkungen. Im August 2025 versuchte er, die Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen. Im Herbst 2025 senkte die Fed dreimal auf 3,50–3,75 Prozent. Ende Januar 2026 nominierte Trump den früheren Fed-Gouverneur Kevin Warsh als Nachfolger Powells, dessen Amtszeit als Vorsitzender im Mai 2026 endete.
11.3 Deutschland: die Schuldenwende
Nach der Bundestagswahl im Februar 2025 beschloss der alte Bundestag am 18. März 2025 eine Änderung des Grundgesetzes: Verteidigungsausgaben über einer bestimmten Schwelle wurden von der Schuldenbremse ausgenommen, dazu kam ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur. Schon die Ankündigung Anfang März ließ die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sprunghaft steigen. Die Märkte rechneten mit deutlich mehr deutschen Anleihen – und damit höheren Zinsen. Die lange Phase, in der Deutschland sich fast zum Nulltarif verschulden konnte, war endgültig vorbei.
Carry-Trade-Beben
Eine kleine Zinserhöhung der Bank of Japan löst weltweit Verkäufe aus (siehe Kapitel 6).
BGH-Urteile
Der Bundesgerichtshof erklärt Verwahrentgelte auf Spar- und Tagesgeldkonten für unzulässig – ein juristisches Nachspiel der Negativzinsjahre.
Bundesbank im Minus
Die Bundesbank meldet 19,2 Milliarden Euro Verlust für 2024; für 2025 folgen 8,6 Milliarden Euro.
Frankreich als Sorgenkind
Wechselnde Regierungen ohne stabile Mehrheit lassen den Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber Bundesanleihen wachsen; Ratingagenturen stufen das Land herab.
Ein Leitzins von etwa zwei Prozent bei einer Inflation von etwa zwei Prozent bedeutet einen Realzins von ungefähr null. Die EZB sah sich damit nach eigener Darstellung in einer „guten Position“: Die Geldpolitik bremste nicht mehr, heizte aber auch nicht an. Weitere Senkungen hätten bei der robusten Lohnentwicklung und den Ausgabenprogrammen der Regierungen neue Inflationsrisiken bergen können. Die Pause erwies sich als vorausschauend – sie ließ der EZB 2026 Spielraum, ohne dass sie von negativen Realzinsen aus starten musste wie 2022.
Fachleute sprechen von fiskalischer Dominanz, wenn eine Zentralbank ihre Zinsen nicht mehr nach der Inflation ausrichtet, sondern nach der Finanzierbarkeit der Staatsschulden. Der offene Druck aus dem Weißen Haus auf die Fed nährte 2025/26 die Sorge, dass dieser Zustand in den USA näher rücken könnte. Banken wie die LBBW sahen darin einen Grund für die Schwäche des Dollars 2025: Wer die Unabhängigkeit der Notenbank angreift, untergräbt das Vertrauen in die eigene Währung.
- EZB: acht Senkungen von Juni 2024 bis Juni 2025 → Einlagesatz 2,0 %, dann Pause.
- Fed: Senkungen 2024 und Herbst 2025 → 3,50–3,75 %; Druck durch Präsident Trump.
- März 2025: Lockerung der Schuldenbremse → Renditen deutscher Anleihen steigen.
- Januar 2026: Kevin Warsh als neuer Fed-Chef nominiert.
- Inflation in Deutschland 2024 und 2025 bei je 2,2 % → scheinbare Normalität.
Die neue Zinswende 2026
Ende Februar 2026 beginnt ein Krieg am Persischen Golf. Er trifft die Weltwirtschaft an ihrer empfindlichsten Stelle – der Energieversorgung – und zwingt die Zentralbanken dazu, die Zinsen wieder zu erhöhen, kaum dass sie sie gesenkt haben.
12.1 Der Auslöser: Krieg und die Straße von Hormus
Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel Iran an; im Verlauf des Krieges wurde auch Irans Oberster Führer Ali Chamenei getötet. Iran blockierte daraufhin faktisch die Straße von Hormus, die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs. Durch sie wurde vor dem Krieg rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls und ein großer Teil des Flüssiggases transportiert. Deutschland bezieht sein Öl zwar kaum direkt aus dieser Region, ist aber über die Weltmarktpreise betroffen.
Der Ölpreis als Fieberkurve
2026- Anfang MärzDer Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent steigt binnen Tagen von gut 70 auf über 100 US-Dollar. Benzin und Diesel kosten in Deutschland über zwei Euro je Liter. Die Internationale Energieagentur gibt in Rekordumfang strategische Reserven frei.
- MaiBrent erreicht in der Spitze knapp 115 US-Dollar.
- Mitte JuniEine Waffenruhe und ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran lassen den Ölpreis kräftig fallen; Tanker passieren die Meerenge wieder.
- 23. JuliNach neuen Kämpfen notiert Brent zeitweise wieder über 100 US-Dollar.
- Anfang Aug.Hoffnungen auf eine Einigung zwischen Iran und Oman über eine Schifffahrtsroute drücken den Preis unter 80 US-Dollar.
- SeptemberEine 60-tägige Waffenruhe läuft aus, die USA lehnen eine Verlängerung ab. Ende September weist Präsident Trump ein iranisches Angebot einer siebentägigen Waffenruhe zurück; Brent steigt über 107 US-Dollar.
Stand Anfang Oktober 2026: Eine vollständige und dauerhafte Öffnung der Meerenge ist nicht in Sicht. Selbst nach einer Einigung müssten Minen geräumt und Sicherheitsgarantien geklärt werden; Fachleute rechnen dann mit Monaten bis zur Normalisierung.
12.2 Die Inflation kehrt zurück
| Gebiet | Frühjahr 2026 | August 2026 | September 2026 | Bemerkung |
|---|---|---|---|---|
| Deutschland (VPI) | März 2,7 %, April 2,9 % | 2,9 % | 3,3 % (vorläufig) | Energie +14,9 %; Kerninflation stabil bei 2,4 %. |
| Euroraum (HVPI) | Mai 3,2 % | 3,2 % | 3,8 % (Schnellschätzung) | Energie +18,8 %; Dienstleistungen 3,2 %. Erwartet waren 3,6 %. |
| USA (Verbraucherpreise) | Juni 3,5 % | 3,4 % | – | Kerninflation 2,4 %, niedrigster Wert seit 2021. |
Das Muster ähnelt 2022, ist aber schwächer ausgeprägt: Treiber ist die Energie, während die Kerninflation bisher kaum steigt. Für die Zentralbanken ist genau das die entscheidende Frage – bleibt es bei einem Energieschock, oder greift die Teuerung auf Löhne und Dienstleistungen über? Ein Zwischentief der deutschen Inflation im Mai und Juni führten Volkswirte unter anderem auf einen erneuten staatlichen Tankrabatt zurück.
12.3 Die EZB erhöht – früher als 2022
Anders als 2021/22 wartete die EZB diesmal nicht lange. Nach drei Sitzungen ohne Änderung erhöhte sie am 11. Juni 2026 überraschend ihre Leitzinsen um einen Viertelpunkt (25 Basispunkte) – die erste Erhöhung seit September 2023. Am 10. September 2026 folgte bei einer auswärtigen Sitzung in Berlin der zweite Schritt. Seit dem 16. September liegen Einlagesatz, Hauptrefinanzierungssatz und Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,50, 2,65 und 2,90 Prozent.
| EZB-Projektion vom September 2026 | 2026 | 2027 | 2028 |
|---|---|---|---|
| Inflation (Euroraum) | 3,0 % | 2,5 % | 2,1 % |
| Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel | 2,5 % | 2,6 % | 2,3 % |
| Wirtschaftswachstum | 0,9 % | 1,4 % | 1,5 % |
EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründete die Entscheidung damit, dass der Konflikt im Nahen Osten weiter Inflationsdruck erzeuge und die Teuerung für längere Zeit deutlich über dem Zielwert bleiben dürfte. Die Risiken für die Inflation sah der EZB-Rat aufwärts-, die für das Wachstum abwärtsgerichtet. Auf einen weiteren Zinspfad legte er sich ausdrücklich nicht fest. Volkswirte großer Banken wie JP Morgan und BNP Paribas rechneten bereits vor der Septembersitzung mit einem weiteren Schritt im Dezember; die überraschend hohe Septemberinflation von 3,8 Prozent hat diese Erwartung verstärkt. Kritik kam von Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und manchen Ökonomen, die befürchten, dass die EZB eine ohnehin schwache Konjunktur abwürgt.
12.4 Die Fed unter neuer Führung
In den USA übernahm im Mai 2026 Kevin Warsh den Vorsitz der Fed. Präsident Trump hatte sich von ihm niedrigere Zinsen erhofft. Stattdessen stand Warsh vor steigender Inflation. Im Juni und Juli hielt die Fed ihren Leitzins bei 3,50–3,75 Prozent; im Juli stimmten drei regionale Notenbankpräsidenten für eine Erhöhung – für einen neuen Vorsitzenden ungewöhnlich viel Widerspruch. Am 16. September 2026 erhöhte die Fed um einen Viertelpunkt auf 3,75–4,00 Prozent, die erste Erhöhung seit 2023. Die Mehrheit der Notenbanker erwartet bis Jahresende noch einen weiteren Schritt. Zugleich schätzt die Fed den neutralen Zins inzwischen deutlich höher als 2019 – ein Hinweis darauf, dass die Ära sehr niedriger Zinsen nach ihrer Einschätzung vorbei ist.
12.5 Unruhe an den Anleihemärkten
Seit dem Sommer 2026 geraten Staatsanleihen weltweit unter Verkaufsdruck. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg im Juli über 3,2 Prozent und Mitte September auf rund 3,5 Prozent, zeitweise darüber – der höchste Stand seit 2011. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen überschritt am 15. September fünf Prozent und erreichte den höchsten Stand seit 2007. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern liegt das nicht nur an der Inflation:
- Hohe Schulden: Viele westliche Staaten – darunter die USA, Japan und Frankreich – sind sehr hoch verschuldet und bringen immer mehr Anleihen auf den Markt. Um genügend Käufer zu finden, müssen sie höhere Zinsen bieten.
- Konkurrenz um Kapital: Große Technologiekonzerne finanzieren ihre Investitionen in künstliche Intelligenz zunehmend über Anleihen. Alphabet, Amazon und Meta gaben 2026 schon bis August Anleihen über rund 220 Milliarden Dollar aus.
- Frankreich: Ohne stabile Regierungsmehrheit und mit einer Schuldenquote von fast 120 Prozent verlangen Anleger einen wachsenden Risikoaufschlag. Am 1. Oktober 2026 lag er gegenüber Bundesanleihen bei bis zu 1,33 Prozentpunkten; französische Anleihen rentieren inzwischen höher als italienische. Die EZB hat ihr Schutzinstrument TPI bisher nie eingesetzt.
12.6 Was das für Deutschland bedeutet
Bauzinsen
Zehnjährige Baukredite verteuerten sich von rund 3,7 Prozent Ende August auf rund 4,1 Prozent Mitte September 2026 (beste Konditionen). Das dämpft die Erholung des Immobilienmarkts.
Sparer
Tages- und Festgeld werfen wieder mehr ab. Real bleibt bei über drei Prozent Inflation wenig übrig.
Bundeshaushalt
Der Entwurf für 2027 sieht Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro und eine Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro im Kernhaushalt vor. Die Zinsausgaben sollen von 41,9 Milliarden Euro (2027) auf voraussichtlich 80,7 Milliarden Euro (2030) steigen.
Konjunktur
Die Wirtschaftsinstitute erwarten im Herbstgutachten 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent (2026) und 1,1 Prozent (2027), getragen vor allem von staatlichen Ausgaben. Die Inflation soll 2027 auf 3,2 Prozent steigen. Ihr Gutachten trägt den Untertitel „Finanzpolitik auf Abwegen“.
Euro
Der Euro notierte Mitte September bei rund 1,15 US-Dollar und gab nach der Fed-Erhöhung nach – die Zinsdifferenz zu den USA wirkt wieder.
Bundesbank
Sie rechnet auch für 2026 mit einem Verlust; die aufgelaufenen Verluste lagen Ende 2025 bei 27,8 Milliarden Euro, gedeckt durch hohe Bewertungsreserven vor allem beim Gold.
Finanzminister Lars Klingbeil verteidigte die höhere Verschuldung mit der Sicherheitslage: Mit der schwarzen Null könne man sich nicht gegen Putin verteidigen. Kritiker aus Opposition und Wissenschaft halten dagegen, dass steigende Zinsen jeden neuen Kredit teurer machen und die Lücken in den kommenden Haushalten – für 2028 bis 2030 zwischen 22 und 47 Milliarden Euro jährlich – weiter vergrößern.
- Die Lehre von 2022: Wer zu lange wartet, muss später umso härter bremsen. Die Notenbanken wollen verhindern, dass sich die Inflationserwartungen erneut nach oben verschieben.
- Verlorenes Vertrauen: Kommentatoren wie die Börsen-Zeitung weisen darauf hin, dass die EZB nach 2022 in der Bevölkerung an Vertrauen verloren hat. Eine frühe Reaktion soll Entschlossenheit zeigen.
- Ein besserer Ausgangspunkt: Anders als 2022 starten die Zinsen nicht im negativen Bereich. Kleine Schritte genügen, um ein Signal zu senden.
- Kein Nachfrageboom: Weil die Kerninflation bisher stabil ist, bleiben die Schritte klein. Beide Zentralbanken erhöhen um je einen Viertelpunkt, nicht um ganze Prozentpunkte wie 2022.
Die Zentralbanken stehen vor einem dreifachen Dilemma. Erstens bekämpfen sie mit Zinsen einen Angebotsschock, gegen den Zinsen wenig ausrichten. Zweitens erhöhen sie die Zinslast von Staaten, die ohnehin hoch verschuldet sind und gleichzeitig mehr für Verteidigung, Infrastruktur und Entlastungen ausgeben wollen – Geld- und Finanzpolitik ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Drittens wächst in den USA der politische Druck auf die Notenbank, und in Europa hängt über allem die Frage, ob die EZB im Ernstfall französische Anleihen stützen würde.
- 28.2.2026: Krieg gegen Iran → Hormus blockiert → Brent zeitweise knapp 115 US-$.
- Inflation September 2026: Deutschland 3,3 %, Euroraum 3,8 % → Energie als Treiber, Kerninflation stabil.
- EZB: Erhöhungen am 11.6. und 10.9.2026 → Einlagesatz 2,50 %.
- Fed: unter Warsh am 16.9.2026 → 3,75–4,00 %.
- Anleihen: Bundesanleihen rund 3,5 % (höchster Stand seit 2011), US-Anleihen über 5 %, Frankreich unter Druck.
Ausblick: Vier Szenarien
Niemand kann die Zukunft der Zinsen vorhersagen. Aber die Erfahrungen der vergangenen fünfzig Jahre zeigen, welche Kräfte wirken und wie Zentralbanken typischerweise reagieren. Daraus lassen sich Szenarien ableiten – mögliche Pfade, keine Prognosen.
13.1 Was die Geschichte für 2026 lehrt
| Lehre | Historisches Beispiel | Bedeutung für die Lage im Herbst 2026 |
|---|---|---|
| Auf Angebotsschocks nicht überreagieren | EZB 2008 und 2011 | Spricht dafür, dass die EZB in kleinen Schritten vorgeht und bei sinkendem Ölpreis rasch pausiert. |
| Erwartungen nicht entgleiten lassen | USA in den 1970er Jahren, Volcker | Spricht für weitere Erhöhungen, falls Löhne und Kerninflation anziehen. |
| Zinsen wirken mit Verzögerung | Zinsschock 2022/23 | Die Erhöhungen von Juni und September 2026 entfalten ihre volle Wirkung erst 2027. |
| Ein Zins für viele Länder erzeugt Spannungen | EWS-Krise 1992, Euro-Krise 2010–2012 | Höhere Zinsen treffen Frankreich und Italien stärker als Deutschland; das Schutzinstrument TPI könnte erstmals gebraucht werden. |
| Glaubwürdigkeit wirkt stärker als Taten | „Whatever it takes“ 2012 | Klare Worte der EZB könnten Spreads und Erwartungen beruhigen, bevor sie handeln muss. |
13.2 Die vier Szenarien
Die folgenden Spannbreiten sind Annahmen dieses Dokuments. Sie orientieren sich an den Projektionen der EZB, am Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute und an historischen Mustern, sollen aber nur die Richtung veranschaulichen.
Szenario I: Rasche Entspannung
Hormus öffnet bis Anfang 2027- AnnahmeEine dauerhafte Vereinbarung öffnet die Meerenge; der Ölpreis fällt bis Mitte 2027 auf 70 bis 85 US-Dollar.
- InflationWeil die Inflationsrate den Vergleich zum Vorjahr misst, fällt sie 2027 kräftig, sobald die hohen Energiepreise aus der Rechnung fallen. Die EZB selbst erwartet, dass die Energiepreisinflation bis Mitte 2028 negativ wird.
- ZinsenDie EZB belässt den Einlagesatz bei 2,50 Prozent und senkt ihn womöglich Ende 2027 wieder. Bundesanleihen fallen in Richtung drei Prozent, Bauzinsen auf etwa 3,5 Prozent.
- FolgenDer Immobilienmarkt erholt sich, das staatlich getragene Wachstum setzt sich fort. Die Erhöhungen von 2026 erscheinen im Rückblick als vorsichtige „Versicherung“.
Szenario II: Zähe Hochphase
nahe am Basisszenario der EZB- AnnahmeDie Meerenge bleibt bis weit in das Jahr 2027 nur eingeschränkt passierbar; Öl kostet 85 bis 110 US-Dollar und schwankt stark.
- InflationDie Teuerung im Euroraum bleibt 2027 zwischen 2,5 und 3 Prozent; in Deutschland erwarten die Institute 3,2 Prozent. Die Kerninflation steigt leicht, weil höhere Energiekosten in Dienstleistungen und Löhne einsickern.
- ZinsenDie EZB erhöht noch ein- oder zweimal – etwa im Dezember 2026 und Anfang 2027 – auf 2,75 bis 3,0 Prozent und hält diesen Satz länger. Die Fed bleibt bei rund vier Prozent oder etwas darüber. Bundesanleihen pendeln zwischen 3,25 und 4 Prozent, Bauzinsen zwischen 4 und 4,5 Prozent.
- FolgenDer Wohnungsbau stagniert, die Zinslast des Bundes wächst wie geplant oder schneller. Der Euro bleibt gegenüber dem Dollar eher schwach, was Energieimporte zusätzlich verteuert.
Szenario III: Stagflation mit Zweitrundeneffekten
das Muster der 1970er Jahre- AnnahmeDer Krieg eskaliert, Förderanlagen am Golf werden zerstört; Öl liegt über Monate bei mehr als 120 US-Dollar. Gewerkschaften setzen hohe Lohnabschlüsse durch, um die Kaufkraft zu sichern.
- InflationDie Inflation steigt 2027 über vier Prozent, und – entscheidend – auch die Kerninflation zieht an. Die Inflationserwartungen geraten in Bewegung.
- ZinsenDie Zentralbanken handeln nach der Volcker-Lehre: Die EZB erhöht auf 3,5 bis 4 Prozent, die Fed deutlich darüber. Lange Zinsen steigen weiter.
- FolgenRezession in Deutschland und im Euroraum, steigende Arbeitslosigkeit und Insolvenzen, erneut fallende Immobilienpreise. Frankreich und Italien geraten unter Druck; die EZB muss möglicherweise erstmals das TPI einsetzen – mit absehbarem Streit, auch vor deutschen Gerichten.
Szenario IV: Schuldenstress und Druck auf die Notenbanken
kann sich mit II oder III verbinden- AnnahmeUnabhängig vom Ölpreis verlieren Anleger das Vertrauen in die Haushaltspolitik großer Staaten – in den USA, in Frankreich, in Japan oder in Großbritannien. Sie verlangen deutlich höhere Zinsen für lange Laufzeiten.
- ZinsenDie langfristigen Zinsen steigen stärker als die Leitzinsen. Regierungen drängen ihre Zentralbanken, Anleihen zu kaufen oder die Zinsen niedrig zu halten.
- WeggabelungGeben die Notenbanken nach, beruhigen sich die Anleihemärkte kurzfristig, doch die Inflation droht auf Dauer höher zu bleiben (fiskalische Dominanz). Bleiben sie hart, drohen Haushaltskrisen und erzwungene Sparprogramme wie in Großbritannien 2022.
- FolgenFür Deutschland würde der Spielraum für Verteidigung und Infrastruktur enger; in der Währungsunion käme die alte Frage zurück, wie weit die EZB für einzelne Staaten einstehen darf.
13.3 Die Szenarien im Vergleich
| Größe (bis Ende 2027) | I: Entspannung | II: Zähe Hochphase | III: Stagflation | IV: Schuldenstress |
|---|---|---|---|---|
| Ölpreis (Brent) | 70–85 US-$ | 85–110 US-$ | über 120 US-$ | beliebig |
| Inflation Euroraum 2027 | um 2 % | 2,5–3 % | über 4 % | über dem Ziel, auf Dauer |
| EZB-Einlagesatz | 2,0–2,5 % | 2,75–3,0 % | 3,5–4,0 % | unter politischem Druck |
| Zehnjährige Bundesanleihe | um 3 % | 3,25–4 % | 4 % und mehr | stark steigend |
| Bauzinsen (10 Jahre) | um 3,5 % | 4–4,5 % | über 4,5 % | stark steigend |
| Wachstum Deutschland | über 1 % | um 1 %, staatlich gestützt | Rezession | schwach |
| Historisches Vorbild | Ölpreisrückgang 1986, 2023 | 2011, 2023/24 | 1974, 1980/81 | Großbritannien 2022 |
13.4 Woran man erkennt, welcher Pfad eintritt
- Straße von Hormus und Ölpreis: der wichtigste Einzelfaktor für die Inflation der kommenden Monate.
- Kerninflation und Dienstleistungspreise: Steigen sie deutlich über 2,5 Prozent, rückt Szenario III näher.
- Lohnabschlüsse: Die EZB rechnet für Anfang 2027 mit einem moderaten Anstieg der Tariflöhne um rund 2,7 Prozent. Deutlich höhere Abschlüsse wären ein Warnsignal.
- Termine der Zentralbanken: EZB am 29. Oktober und 17. Dezember 2026 (mit neuen Projektionen), Fed am 27./28. Oktober 2026.
- Risikoaufschläge: Der Abstand französischer zu deutschen Anleihen sowie die Ratingentscheidungen zu Frankreich (Moody’s am 23. Oktober, S&P am 27. November 2026).
- Politik: der Bundeshaushalt 2027 (Verabschiedung Ende November), der Umgang der US-Regierung mit der Fed und die Nachfolge von Christine Lagarde, deren Amtszeit im Oktober 2027 endet.
- Günstiger: Die Inflation ist mit drei bis vier Prozent weit von zweistelligen Raten entfernt; die Kerninflation ist bisher stabil; die Zinsen starten nicht im negativen Bereich; die Zentralbanken haben früher reagiert.
- Ungünstiger: Die Staatsschulden sind höher, die Zinsen auf langlaufende Anleihen ebenfalls; Deutschland hat seine Schuldenbremse gelockert; die Unabhängigkeit der Fed ist politisch umkämpft; und die geopolitische Lage ist instabiler. Höhere Zinsen treffen deshalb Staaten härter als 2022.
Zinsentwicklungen hängen von politischen Entscheidungen in Washington, Teheran, Paris und Berlin ab, die sich nicht berechnen lassen. Prognosen von Zentralbanken und Instituten mussten in den vergangenen Jahren immer wieder stark korrigiert werden: Im Dezember 2025 erwartete das Eurosystem für 2026 noch eine Inflation unter zwei Prozent, neun Monate später waren es drei Prozent. Die Szenarien beschreiben deshalb Möglichkeiten, keine Wahrscheinlichkeiten, und sind keine Grundlage für Finanzentscheidungen.
- Szenario I: Hormus öffnet → Inflation fällt 2027 → Zinsgipfel bei 2,5 % erreicht.
- Szenario II: zähe Energiekrise → ein bis zwei weitere Erhöhungen → Bauzinsen über 4 %.
- Szenario III: Zweitrundeneffekte → Volcker-Logik → Rezession und Spannungen im Euroraum.
- Szenario IV: Schuldenstress → Druck auf Notenbanken → Gefahr fiskalischer Dominanz.
- Entscheidende Signale: Ölpreis, Kerninflation, Löhne, Spreads, Unabhängigkeit der Zentralbanken.
Bilanz: Was hat sich verändert?
In achtzehn Jahren hat Europa erlebt, was frühere Generationen über Jahrzehnte verteilt erfuhren: Krisenzinsen, Negativzinsen, eine Inflationswelle, einen Zinsschock und eine zweite Zinswende.
| Bereich | Um 2008 | Um 2021 | Herbst 2026 |
|---|---|---|---|
| EZB-Leitzins | Hauptrefinanzierungssatz 4,25 % (Juli 2008) | Einlagesatz −0,50 % | Einlagesatz 2,50 %, Tendenz steigend |
| Fed-Leitzins | ab Dezember 2008 nahe null | 0–0,25 % | 3,75–4,00 % |
| Inflation Deutschland | 2,6 % | 3,1 %, steigend | 3,3 % (September) |
| Zehnjährige Bundesanleihe | um 4 % | leicht negativ | rund 3,5 % |
| Bauzinsen (10 Jahre) | um 5 % | um 1 % | rund 4 % |
| Zinsausgaben des Bundes | rund 40 Mrd. € | rund 4 Mrd. € | 41,9 Mrd. € geplant für 2027, rund 80 Mrd. € für 2030 |
| Sparzinsen | mehrere Prozent | null, teils Verwahrentgelte | wieder positiv, real aber kaum |
| Bundesbank | Gewinne in Milliardenhöhe für den Bund | keine Ausschüttung mehr | Verluste, Ausgleich durch Bewertungsreserven |
| Unabhängigkeit der Zentralbanken | weithin anerkannt | Streit vor allem über Anleihekäufe | in den USA offen politisch angegriffen |
Sechs große Entwicklungslinien
Vom Ausnahme- zum Normalfall
Null- und Negativzinsen galten 2008 als undenkbar. Ein Jahrzehnt später waren sie Alltag – und die Rückkehr zu „normalen“ Zinsen wurde zum Schock.
Die Zentralbank als Retter
Die EZB rettete den Euro mit Worten und Anleihekäufen. Damit wuchs ihre Macht, aber auch die Kritik an ihr, besonders in Deutschland.
Zinsen verteilen um
Erst gewannen Schuldner und Vermögensbesitzer, dann Sparer. Staat, Häuslebauer und Banken erlebten beide Seiten.
Die Rückkehr der Inflation
Nach Jahrzehnten der Ruhe zeigte 2022, dass Inflation nicht verschwunden war. 2026 reagieren die Notenbanken deshalb früher.
Energie als Taktgeber
Ölkrisen in den 1970er Jahren, Gaskrise 2022, Hormus-Blockade 2026: Europas Abhängigkeit von Energieimporten macht seine Inflation und damit seine Zinsen verwundbar.
Geld- und Finanzpolitik im Konflikt
Höhere Staatsschulden machen jeden Zinsschritt teurer. Die Frage, ob Zentralbanken unabhängig bleiben können, wenn Staaten hoch verschuldet sind (fiskalische Dominanz), prägt die kommenden Jahre.
- 27./28. Oktober 2026: Sitzung der Fed – folgt ein weiterer Schritt?
- 29. Oktober 2026: Sitzung der EZB, erste Reaktion auf die Septemberinflation von 3,8 Prozent.
- Ende November 2026: Der Bundestag soll den Haushalt 2027 beschließen; die Zinslast ist einer der größten Streitpunkte.
- 17. Dezember 2026: letzte EZB-Sitzung des Jahres mit neuen Projektionen – nach Erwartung vieler Volkswirte ein möglicher Termin für eine dritte Erhöhung.
- 2027: Die Zinserhöhungen von 2026 entfalten ihre volle Wirkung. Im Oktober 2027 endet die Amtszeit von EZB-Präsidentin Lagarde – die Nachfolge entscheidet mit über den Kurs der Geldpolitik.
- Der Zins ist das zentrale Steuerungsinstrument der Wirtschaft – und zugleich ein Instrument der Umverteilung.
- 2008–2021: Nullzins → Entlastung für Staat und Schuldner, Belastung für Sparer.
- 2022–2023: Zinsschock → Immobilienkrise, Zinslast des Staates verzehnfacht.
- 2026: neue Zinswende nach einem Energieschock, unter den Bedingungen hoher Schulden und politischen Drucks.
Zeitleiste 1957–2026
Die wichtigsten Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Über die Schaltflächen lassen sich einzelne Bereiche auswählen.
Wichtige Personen
Die Personen sind grob nach dem Zeitraum geordnet, in dem sie für die Zinspolitik wichtig wurden.
Irving Fisher
Amerikanischer Ökonom, beschrieb den Zusammenhang von Nominalzins, Realzins und erwarteter Inflation („Fisher-Gleichung“).
Milton Friedman
Begründer des Monetarismus. Seine These, Inflation sei stets ein Phänomen zu viel Geldes, prägte die Bundesbank und die Fed der 1970er und 1980er Jahre.
Otmar Emminger
Verteidigte die Unabhängigkeit der Bundesbank beim Eintritt in das Europäische Währungssystem; Symbol der deutschen Stabilitätskultur.
Paul Volcker
Brach die amerikanische Inflation mit Leitzinsen von bis zu 20 Prozent; bis heute Vorbild für entschlossene Inflationsbekämpfung.
Karl Otto Pöhl
Führte die Bundesbank durch die 1980er Jahre und die deutsch-deutsche Währungsunion, deren Umtauschkurs er kritisch sah.
John B. Taylor
Stanford-Ökonom, formulierte 1993 die nach ihm benannte Faustregel für den angemessenen Leitzins.
Wim Duisenberg
Erster Präsident der EZB; baute die neue Notenbank nach dem Vorbild der Bundesbank auf.
Jean-Claude Trichet
Führte die EZB durch die Finanzkrise; seine Zinserhöhungen von 2008 und 2011 gelten vielen als Fehler.
Ben Bernanke
Senkte die US-Zinsen in der Finanzkrise auf null und führte umfangreiche Anleihekäufe ein; erhielt 2022 den Wirtschaftsnobelpreis für Forschung zu Banken und Finanzkrisen.
Mario Draghi
Rettete mit „Whatever it takes“ den Euro; verantwortete Negativzinsen und Anleihekäufe. In Deutschland stark kritisiert.
Wolfgang Schäuble
Stand für die „schwarze Null“, die auch dank sinkender Zinsausgaben möglich wurde; kritisierte zugleich die Folgen der Nullzinspolitik für Sparer.
Jens Weidmann
Wichtigster Kritiker der Anleihekäufe im EZB-Rat; trat Ende 2021 vorzeitig zurück.
Haruhiko Kuroda
Führte Japan 2016 in Negativzinsen und kaufte in gewaltigem Umfang Anleihen und sogar Aktienfonds.
Christine Lagarde
Verantwortet die späte Zinswende 2022, den Zinsschock und die erneuten Erhöhungen 2026. Ihre Amtszeit endet im Oktober 2027.
Jerome Powell
Bezeichnete die Inflation 2021 zunächst als vorübergehend, erhöhte dann so schnell wie seit Volcker nicht. Stand ab 2025 unter massivem Druck des Präsidenten.
Isabel Schnabel
Deutsche Ökonomin im EZB-Direktorium, zuständig für die Marktoperationen; gilt als einflussreiche Stimme für eine wachsame Inflationsbekämpfung.
Christian Lindner
Musste die Verzehnfachung der Zinsausgaben des Bundes verkraften und verteidigte mit diesem Argument die Schuldenbremse.
Joachim Nagel
Warnte im Zinsschock vor zu früher Lockerung; verantwortet die Verluste der Bundesbank als vorübergehende Folge der Geldpolitik.
Kazuo Ueda
Beendete 2024 die Negativzinsen in Japan und hob den Leitzins bis September 2026 auf 1,25 Prozent.
Kevin Warsh
Von Trump nominiert, erhöhte im September 2026 dennoch die Zinsen. Setzt auf weniger Vorab-Signale und hofft auf Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz.
Lars Klingbeil
Verantwortet die höhere Verschuldung für Verteidigung und Infrastruktur – und die steigende Zinslast des Bundes.
Glossar
- Angebotsschock
- Plötzliche Verknappung oder Verteuerung wichtiger Güter wie Öl oder Gas. Er treibt die Preise und dämpft zugleich die Produktion.
- Anleihe
- Schuldverschreibung, mit der sich Staaten oder Unternehmen am Kapitalmarkt Geld leihen. Der Käufer erhält feste Zinsen und am Ende den Nennwert zurück.
- Anleihekaufprogramm
- Kauf großer Mengen von Anleihen durch eine Zentralbank (auch „quantitative Lockerung“). Er drückt die langfristigen Zinsen und bringt zusätzliches Geld in das Finanzsystem.
- Basispunkt
- Ein Hundertstel Prozentpunkt. Eine Erhöhung um 25 Basispunkte entspricht 0,25 Prozentpunkten.
- Carry-Trade
- Geschäft, bei dem Anleger Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen leihen und in einer Währung mit höheren Zinsen anlegen. Es lohnt sich, solange die Zinsdifferenz groß und der Wechselkurs stabil bleibt.
- Deflation
- Anhaltend sinkendes Preisniveau. Sie kann eine Abwärtsspirale auslösen, weil Verbraucher Käufe aufschieben und Schulden real schwerer wiegen.
- Einlagesatz
- Zins, den Banken für Guthaben bei der Zentralbank erhalten oder zahlen. Seit 2024 der maßgebliche Steuerungszins der EZB.
- EZB-Rat
- Oberstes Entscheidungsgremium der EZB aus den sechs Mitgliedern des Direktoriums und den Präsidenten der nationalen Zentralbanken des Euroraums, darunter der Bundesbankpräsident.
- Federal Reserve (Fed)
- Zentralbank der USA, gegründet 1913. Ihr Leitzins ist ein Zielkorridor für den Zins, zu dem sich Banken über Nacht gegenseitig Geld leihen.
- Fiskalische Dominanz
- Zustand, in dem eine Zentralbank ihre Zinsen nicht mehr nach der Inflation, sondern nach der Finanzierbarkeit der Staatsschulden ausrichtet. Er gilt als Weg zu dauerhaft höherer Inflation.
- Forward Guidance
- Ankündigung einer Zentralbank über ihren künftigen Kurs. Sie soll die Erwartungen und damit die langfristigen Zinsen lenken.
- Hauptrefinanzierungssatz
- Zins, zu dem sich Banken bei der EZB regelmäßig gegen Sicherheiten Geld leihen. Lange der bekannteste „Leitzins“; seit September 2024 liegt er 0,15 Prozentpunkte über dem Einlagesatz.
- HVPI
- Harmonisierter Verbraucherpreisindex. Europaweit einheitlich berechnete Inflationsrate, an der sich die EZB orientiert.
- Inflation
- Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, gemessen als Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat. Sie bedeutet einen Verlust an Kaufkraft des Geldes.
- Inflationserwartungen
- Die Inflation, mit der Haushalte, Unternehmen und Anleger für die Zukunft rechnen. Sie beeinflussen Lohnforderungen und Preissetzung und gelten als Schlüssel der Geldpolitik.
- Kerninflation
- Inflationsrate ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel. Sie zeigt den grundlegenden Preistrend.
- Leitzins
- Von der Zentralbank festgelegter kurzfristiger Zinssatz, über den sie das gesamte Zinsniveau beeinflusst.
- Mandat
- Gesetzlicher Auftrag einer Zentralbank. Die EZB ist vorrangig der Preisstabilität verpflichtet, die Fed zusätzlich einer hohen Beschäftigung.
- Negativzins
- Zinssatz unter null: Der Geldgeber zahlt dafür, dass er Geld anlegt. Die EZB berechnete Banken von 2014 bis 2022 negative Zinsen auf Einlagen.
- Neutraler Zins
- Gedachter Zinssatz, bei dem die Geldpolitik die Wirtschaft weder anregt noch bremst. Er lässt sich nicht beobachten, nur schätzen.
- Realzins
- Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Er zeigt, wie sich die Kaufkraft eines Guthabens oder die tatsächliche Last eines Kredits entwickelt.
- Rendite
- Tatsächlicher jährlicher Ertrag einer Anlage, etwa einer Anleihe, bezogen auf ihren Kaufpreis. Steigt der Kurs einer Anleihe, sinkt ihre Rendite und umgekehrt.
- Risikoaufschlag (Spread)
- Zinsunterschied zwischen einer Anleihe und einer als besonders sicher geltenden Vergleichsanleihe, im Euroraum meist der Bundesanleihe.
- Schuldenbremse
- Regel im Grundgesetz seit 2009, die die Neuverschuldung von Bund und Ländern begrenzt. 2025 für Verteidigung und ein Infrastruktur-Sondervermögen gelockert.
- Stagflation
- Gleichzeitiges Auftreten von wirtschaftlicher Stagnation und hoher Inflation, wie in den 1970er Jahren.
- Taylor-Regel
- Faustregel für den angemessenen Leitzins in Abhängigkeit von Inflation und Auslastung der Wirtschaft, 1993 von John B. Taylor vorgeschlagen.
- TPI
- Transmission Protection Instrument. Seit 2022 bestehendes Instrument, mit dem die EZB Anleihen einzelner Euroländer kaufen kann, wenn deren Zinsen ungerechtfertigt stark steigen. Bisher nie eingesetzt.
- Transmission
- Übertragungsweg, über den eine Leitzinsänderung auf Marktzinsen, Kredite, Nachfrage und schließlich auf die Preise wirkt.
- Verwahrentgelt
- Gebühr, die Banken in der Negativzinsphase für größere Guthaben verlangten. Der Bundesgerichtshof erklärte die verwendeten Klauseln 2025 für unwirksam.
- Zinsdifferenz
- Unterschied der Zinsniveaus zwischen zwei Währungsräumen. Er beeinflusst Kapitalströme und Wechselkurse.
- Zinsstrukturkurve
- Darstellung der Zinsen für Anleihen eines Schuldners nach ihrer Laufzeit. Normalerweise sind lange Laufzeiten höher verzinst als kurze.
- Zinswende
- Umkehr der Zinsrichtung nach einer längeren Phase sinkender oder steigender Zinsen, etwa im Juli 2022 und im Juni 2026.
- Zweitrundeneffekte
- Wenn ein ursprünglicher Preisschub – etwa bei Energie – höhere Löhne und weitere Preiserhöhungen auslöst. Sie können eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.
Quellen & Weiterlesen
Hinweis: Inflationsraten werden von den Statistikämtern nachträglich überarbeitet; Monatswerte für 2026 sind teils vorläufige Schätzungen. Markt- und Zinsdaten schwanken täglich und sind gerundet. Die Szenarien in Kapitel 13 sind eigene Gedankenspiele auf Grundlage der genannten Quellen und keine Anlageberatung.
Zentralbanken und amtliche Statistik
- Deutsche Bundesbank: EZB-Rat hebt Leitzinsen um 25 Basispunkte an (10.9.2026)
- EZB: Einleitende Bemerkungen zur Pressekonferenz vom 10.9.2026 (deutsche Fassung, PDF)
- EZB: Pressekonferenz vom 18.12.2025 mit den Projektionen für 2026
- Deutsche Bundesbank: Was bedeutet geldpolitische Transmission?
- Deutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik, Kapitel 6 – Die Geldpolitik des Eurosystems (PDF)
- Deutsche Bundesbank: Joachim Nagel – Geldpolitik nicht zu früh lockern (2022)
- Deutsche Bundesbank: Statement zum Jahresabschluss 2025
- Statistisches Bundesamt: Inflationsrate im September 2026 voraussichtlich +3,3 %
- Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreisindex Dezember und Jahr 2025
- Statistisches Bundesamt: Prices of residential property 2023 (−8,4 %)
- Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung zu den Folgen der Null- und Negativzinspolitik (Drucksache 19/32499)
Forschung und Analysen
- Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Herbst 2026 – Aufschwung mit Strukturproblemen, Finanzpolitik auf Abwegen
- DIW aktuell: Blockade der Straße von Hormus – Angebotsschock (2026)
- KfW Research: Blockade der Straße von Hormus (10.3.2026, PDF)
- LBBW Research: Jahresausblick 2026 – Zinsdifferenzen und Wechselkurse
- KPMG Economics: July 2026 FOMC meeting
- Rothschild & Co Asset Management: The Volcker shock (PDF)
- Bank of England: Operation of monetary policy, Quarterly Bulletin 1992 Q4 (PDF)
Berichterstattung
- Börsen-Zeitung (Reuters): Zehnjährige mit höchster Rendite seit April 2011 (2026)
- Euronews: US-Rendite für zehnjährige Staatsanleihen überschreitet 5 Prozent (15.9.2026)
- Euronews: Ölpreise steigen, nachdem Trump Irans Waffenstillstandsangebot ablehnt (28.9.2026)
- Option Finance: Inflation im Euroraum im September 2026 über den Erwartungen (französisch)
- cash.ch (Reuters): Zinsschritt mit Ansage – wie die EZB die Inflation zügeln will (September 2026)
- Börsen-Zeitung: Ein Symbol der EZB reicht aus (Kommentar, Juni 2026)
- Associated Press: Fed leaves interest rate unchanged but with 3 dissents (29.7.2026)
- Admiral Markets: Fed raised interest rates to 3.75 %–4.00 % (16.9.2026)
- stock3: Kevin Warsh soll neuer US-Notenbankchef werden (30.1.2026)
- stock3: Bank of Japan erhöht Leitzins auf 31-Jahres-Hoch (18.9.2026)
- Tagesspiegel (dpa): Haushaltswoche in unruhigen Zeiten – das steckt im Etat 2027 (8.9.2026)
- Volksstimme (dpa): Mehr Schulden, weniger Finanzhilfen – Zinsausgaben bis 2030
- Capitalo: Bundesanleihen-Rendite und Bauzinsen im September 2026
- Dr. Web: Frankreichs Staatsanleihen, Risikoaufschlag und das TPI (Oktober 2026)
- Börsen-Zeitung: BGH erklärt Verwahrentgelte für unzulässig (2025)
- Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Lindner – Zinsausgaben des Bundes haben sich verzehnfacht (2023)
- Börsen-Zeitung: Deutsche Inflation 2022 nach Revision niedriger (2023)
- Börsen-Zeitung: Anleiheverzinsungen rutschen ab – Bundrendite auf Rekordtief (März 2020)
- stock3: So knackte George Soros die Bank of England (zur EWS-Krise 1992)
- Sparkasse.de: Fragen und Antworten zu Negativzins und Nullzins
Bücher zum Vertiefen
- Deutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik. Lehrbuch, Frankfurt am Main (laufend aktualisiert, online verfügbar).
- Otmar Issing: Einführung in die Geldtheorie. München (Vahlen), zahlreiche Auflagen.
- Ben S. Bernanke: 21st Century Monetary Policy. The Federal Reserve from the Great Inflation to COVID-19. New York 2022.
- Paul A. Volcker, Christine Harper: Keeping At It. The Quest for Sound Money and Good Government. New York 2018.
- Edward Chancellor: The Price of Time. The Real Story of Interest. London 2022.
- Hans-Werner Sinn: Die wundersame Geldvermehrung. Staatsverschuldung, Negativzinsen, Inflation. Freiburg 2021.