Deutsche und europäische Wirtschaftsgeschichte

Vom Nullzins zur neuen Zinswende

Wie Zinsen Preise, Wachstum, Vermögen und Staatsfinanzen lenken – erklärt an historischen Lehrstücken und verfolgt von den Null- und Negativzinsjahren in Deutschland bis zur neuen Zinswende im Herbst 2026.

2008 – 2026
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Einstieg

Überblick: Worum geht es?

Der Zins ist der Preis, den man dafür zahlt, heute Geld zu haben, das man erst morgen verdient. Wer diesen Preis verändert, verändert fast alles: was Häuser kosten, ob Unternehmen investieren, wie viel ein Sparbuch wert ist und wie viel Spielraum ein Finanzminister hat.

Dieses Dokument behandelt keine abgeschlossene Epoche, sondern ein Instrument und seine Folgen. Es erklärt zunächst, was ein Zins ist und wie Zentralbanken ihn nutzen, um die Wirtschaft zu lenken. Dann zeigt es an historischen Lehrstücken, was geschieht, wenn Zinsen zu spät, zu früh oder zu stark verändert werden – und warum es eine Rolle spielt, wenn Europa und die USA unterschiedliche Leitzinsen haben. Den Hauptteil bildet die Entwicklung in Deutschland und Europa seit der Finanzkrise: die Null- und Negativzinsjahre, die Rückkehr der Inflation, der Zinsschock von 2022/23 und die neue Zinswende im Jahr 2026. Am Ende stehen Szenarien für die kommenden Jahre.

Warum gerade 2008 und 2026?

2008

Die Finanzkrise

Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 senken die Zentralbanken der westlichen Welt ihre Leitzinsen in kurzer Zeit auf nahe null. Damit beginnt eine mehr als ein Jahrzehnt dauernde Phase extrem billigen Geldes, die in Europa bis in den negativen Bereich führt.

2026

Die zweite Zinswende

Nach einem Krieg um Iran und der Blockade der Straße von Hormus steigen die Energiepreise stark. Im Juni und September 2026 erhöht die Europäische Zentralbank ihre Leitzinsen, im September auch die US-Notenbank. Die Renditen deutscher Staatsanleihen erreichen den höchsten Stand seit 2011. Das Dokument endet mit dem Stand Anfang Oktober 2026.

Die Zeit in vier Abschnitten

20082014202220242026
Kurz gesagt – die ganze Entwicklung in fünf Sätzen
  1. Zentralbanken lenken die Wirtschaft vor allem über den Leitzins: Steigt er, werden Kredite teurer, die Nachfrage kühlt ab und die Inflation sinkt – mit einer Verzögerung von ein bis zwei Jahren.
  2. Nach der Finanzkrise 2008 und der Euro-Krise senkte die EZB ihre Zinsen auf null und darunter und kaufte in großem Umfang Anleihen, weil sie eine zu niedrige Inflation und einen Zerfall der Währungsunion fürchtete.
  3. In Deutschland profitierten davon vor allem Staat, Kreditnehmer und Immobilienbesitzer, während Sparer, Banken und Lebensversicherer litten.
  4. Als 2021/22 die Inflation zurückkehrte, erhöhten Fed und EZB die Zinsen so schnell wie nie zuvor seit Jahrzehnten; Bauzinsen vervierfachten sich, Immobilienpreise fielen, die Zinslast des Staates verzehnfachte sich.
  5. Nach einer kurzen Lockerung 2024/25 löste ein neuer Energiepreisschock 2026 eine zweite Zinswende aus – diesmal in einer Welt mit deutlich höheren Staatsschulden und politischem Druck auf die Notenbanken.

Der rote Faden

Die Entwicklung lässt sich als Kette von Ursachen und Folgen lesen. Jede Stufe veränderte die Ausgangslage für die nächste.

  1. 1Finanzkrise 2008Zinsen fallen gegen null
  2. 2Euro-KriseEZB als letzte Rettung
  3. 3Negativzins und Anleihekäufebilliges Geld für ein Jahrzehnt
  4. 4Vermögenspreise steigenHäuser, Aktien, Anleihen
  5. 5Inflation kehrt zurückPandemie und Energieschock
  6. 6Zinsschock 2022/23schnellste Erhöhung seit Jahrzehnten
  7. 7Neue Zinswende 2026Ölschock trifft hohe Schulden

Ein zweiter Faden zieht sich durch alle Abschnitte: Zinsen verteilen um. Jeder Zinssatz hat zwei Seiten – was der Schuldner zahlt, erhält der Gläubiger. Niedrige Zinsen entlasten Schuldner, also vor allem Staaten, Unternehmen und Hauskäufer, und belasten Sparer. Hohe Zinsen kehren dieses Verhältnis um. Deutschland ist ein Land mit vielen Sparern und einer traditionell großen Angst vor Inflation. Deshalb wurde die Zinspolitik der EZB hier stärker als in anderen Euroländern zum politischen Streitthema.

Wie dieses Dokument mit dem Thema umgeht

Geldpolitik ist ein Feld, in dem Fachleute oft gegensätzliche Meinungen vertreten. Ob die Nullzinspolitik richtig war, ob die EZB 2021 zu spät reagierte und wie sie 2026 handeln sollte, ist umstritten. Das Dokument stellt die Positionen nebeneinander und ordnet sie ihren Urhebern zu. Zahlen sind gerundet; viele Werte – etwa Inflationsraten – werden von den Statistikämtern nachträglich überarbeitet. Die Szenarien in Kapitel 13 sind Gedankenspiele auf Grundlage historischer Erfahrungen, keine Vorhersagen und keine Anlageempfehlungen.

Merke
  • Zins = Preis des Geldes über die Zeit → er beeinflusst Konsum, Investitionen, Vermögenspreise und Staatsfinanzen.
  • 2008–2022: Phase extrem niedriger, zeitweise negativer Zinsen in Europa.
  • 2022/23: Zinsschock als Antwort auf die höchste Inflation seit Jahrzehnten.
  • 2026: neue Zinswende nach einem Energiepreisschock.
  • Zinsen verteilen um – zwischen Sparern und Schuldnern, Jung und Alt, Staat und Bürgern.
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Grundlagen

Der Zins: Preis des Geldes

Bevor wir die Ereignisse verfolgen, lohnt ein Blick auf das Werkzeug selbst: Was ist ein Zins, wer bestimmt ihn, und warum gibt es nicht nur einen, sondern viele Zinssätze?

2.1 Warum es Zinsen gibt

Wer Geld verleiht, verzichtet darauf, es selbst auszugeben. Dafür verlangt er einen Ausgleich. Der Zins entschädigt den Gläubiger für drei Dinge: für das Warten, für das Risiko, dass der Schuldner nicht zahlt, und für die Gefahr, dass das Geld bis zur Rückzahlung an Kaufkraft verliert. Diese drei Bestandteile erklären, warum ein Staat wie Deutschland weniger Zinsen zahlt als ein hoch verschuldetes Land oder ein kleines Unternehmen, und warum langfristige Kredite meist teurer sind als kurzfristige.

Für die Wirtschaft ist der Zins ein Signal. Ist er hoch, lohnt es sich zu sparen und Ausgaben aufzuschieben. Ist er niedrig, lohnt es sich, Kredite aufzunehmen, zu investieren, ein Haus zu kaufen oder Aktien zu halten. Deshalb wirkt eine Zinsänderung wie das Gaspedal oder die Bremse einer Volkswirtschaft.

2.2 Nominalzins und Realzins

Der Zins, der auf dem Kontoauszug steht, heißt Nominalzins. Entscheidend für die Kaufkraft ist aber der Realzins: der Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Der amerikanische Ökonom Irving Fisher hat diesen Zusammenhang Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben.

BeispielNominalzinsInflationRealzinsWas bedeutet das?
Sparbuch 20190 %1,4 %−1,4 %Das Ersparte verliert jedes Jahr gut ein Prozent an Kaufkraft.
Einlagesatz der EZB, Oktober 20220,75 %10,6 % (Euroraum)rund −10 %Geld ist trotz Zinserhöhungen extrem billig – die Geldpolitik bremst noch kaum.
Einlagesatz der EZB, Ende 20234,0 %rund 3 %rund +1 %Erst jetzt wirkt die Geldpolitik spürbar bremsend.
Einlagesatz der EZB, September 20262,5 %3,8 % (Euroraum, Schnellschätzung)rund −1,3 %Trotz zweier Zinserhöhungen ist der Realzins wieder negativ.

Der Realzins erklärt einen scheinbaren Widerspruch: Ein Zins von vier Prozent kann großzügig sein, wenn die Preise kaum steigen, und gleichzeitig zu niedrig, wenn die Inflation bei sechs Prozent liegt.

2.3 Kurze und lange Zinsen

Es gibt nicht „den“ Zins. Die Zentralbank bestimmt direkt nur sehr kurzfristige Zinsen, zu denen sich Banken bei ihr Geld leihen oder anlegen. Diese nennt man Leitzinsen. Langfristige Zinsen – etwa für zehnjährige Staatsanleihen oder Baukredite mit zehn Jahren Zinsbindung – bilden sich am Kapitalmarkt. Sie hängen davon ab, was Anleger über die künftigen Leitzinsen, die Inflation und die Kreditwürdigkeit des Schuldners erwarten. Die Kurve, die die Zinsen nach Laufzeiten ordnet, heißt Zinsstrukturkurve.

Für deutsche Haushalte ist das wichtig: Ein Baukredit richtet sich vor allem nach der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, nicht direkt nach dem Leitzins. Deshalb können Bauzinsen steigen, obwohl die EZB nichts tut – oder fallen, obwohl sie gerade die Zinsen erhöht.

Sparer

Erhalten Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld und Anleihen. Hohe Realzinsen helfen ihnen, Negativzinsen schaden ihnen.

Kreditnehmer

Hauskäufer und Unternehmen zahlen Zinsen. Niedrige Zinsen machen Investitionen und Immobilienkäufe erschwinglich.

Der Staat

Ist der größte Schuldner im Land. Jeder Prozentpunkt mehr Zins kostet den Bund auf Dauer viele Milliarden Euro im Jahr.

Banken

Verdienen an der Differenz zwischen Kredit- und Einlagezinsen. Sehr niedrige Zinsen drücken ihre Gewinne.

Versicherer und Altersvorsorge

Müssen langfristige Zusagen erfüllen. Lebensversicherungen und Betriebsrenten leiden unter langen Niedrigzinsphasen.

2.4 Die wichtigsten Zentralbanken

Zinsen werden heute vor allem von unabhängigen Zentralbanken gesteuert. Für Deutschland ist seit 1999 die Europäische Zentralbank zuständig; die Bundesbank ist Teil des Eurosystems und sitzt mit ihrem Präsidenten im EZB-Rat.

ZentralbankGebietAuftragLeitzins Anfang Oktober 2026
Europäische Zentralbank (EZB)Euroraum (21 Staaten)Vorrangig Preisstabilität, Ziel 2 % InflationEinlagesatz 2,50 %
Deutsche BundesbankDeutschland, Teil des EurosystemsBis 1998 eigene Geldpolitik für die D-Mark; heute Umsetzung der EZB-Beschlüsse–
Federal Reserve (Fed)USADoppeltes Mandat: stabile Preise und hohe Beschäftigung3,75–4,00 %
Bank of JapanJapanPreisstabilität, Ziel 2 %1,25 %, höchster Stand seit über 30 Jahren
Bank of EnglandVereinigtes KönigreichPreisstabilität, Ziel 2 %im Sommer 2026: 3,75 %
Warum sind Zentralbanken unabhängig?

Regierungen haben einen Anreiz, die Zinsen vor Wahlen niedrig zu halten oder die Notenpresse für ihre Ausgaben zu nutzen. Die Folgen – Inflation – zeigen sich erst später. Die deutsche Erfahrung mit zwei Geldentwertungen im 20. Jahrhundert, vor allem der Hyperinflation von 1923, prägte die Überzeugung, dass Geldpolitik vor politischem Zugriff geschützt werden muss. Die Bundesbank wurde 1957 als unabhängige Notenbank gegründet und galt als Vorbild für die EZB. Diese Unabhängigkeit ist kein Naturgesetz: In den USA hat Präsident Trump 2025/26 offen Druck auf die Fed ausgeübt, um niedrigere Zinsen zu erzwingen (siehe Kapitel 11 und 12).

Merke
  • Der Zins entschädigt für Warten, Risiko und Geldentwertung.
  • Realzins = Nominalzins − Inflation → entscheidend für Kaufkraft und Bremswirkung.
  • Die Zentralbank steuert direkt nur die kurzen Zinsen; lange Zinsen bildet der Markt.
  • Bauzinsen folgen vor allem der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen.
  • Für Deutschland entscheidet seit 1999 der EZB-Rat, nicht mehr die Bundesbank allein.
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Funktionsweise

Das Werkzeug der Zentralbanken

Eine Zentralbank kann Preise nicht direkt festlegen. Sie verändert einen einzigen kurzfristigen Zinssatz – und vertraut darauf, dass sich diese Änderung über viele Stufen bis in die Supermarktregale fortpflanzt.

3.1 Die drei Leitzinsen der EZB

Die EZB legt drei Zinssätze fest. Der Einlagesatz ist der Zins, den Banken für Guthaben bei der Zentralbank erhalten (oder, wenn er negativ ist, zahlen müssen). Der Hauptrefinanzierungssatz gilt für die regelmäßigen Kredite der Zentralbank an Banken, der Spitzenrefinanzierungssatz für Übernacht-Notkredite. Weil die Banken seit der Finanzkrise sehr viel überschüssiges Geld bei der Zentralbank halten, ist der Einlagesatz zum eigentlichen Steuerungszins geworden. Seit September 2024 erklärt die EZB ihn auch offiziell zu ihrem maßgeblichen Signal. Nach der Erhöhung vom September 2026 liegen die drei Sätze bei 2,50, 2,65 und 2,90 Prozent.

3.2 Der Weg vom Leitzins zur Inflation

Den Übertragungsweg nennen Fachleute Transmission. Die Bundesbank beschreibt ihn so: Die Zentralbank verändert die kurzfristigen Marktzinsen, diese wirken auf die längerfristigen Zinsen, die Banken geben die Änderung an ihre Kunden weiter – und Unternehmen und Haushalte passen ihr Verhalten an. Dabei wirken mehrere Kanäle gleichzeitig:

Zinskanal

Teurere Kredite dämpfen Investitionen, Bauvorhaben und den Kauf langlebiger Güter wie Autos. Sparen wird attraktiver.

Kreditkanal

Banken vergeben vorsichtiger Kredite, weil Schuldner schlechter zahlen können und ihre Sicherheiten an Wert verlieren.

Vermögenskanal

Höhere Zinsen senken die Kurse von Anleihen, Aktien und Immobilien. Wer sich ärmer fühlt, gibt weniger aus.

Wechselkurskanal

Höhere Zinsen ziehen Kapital an; die eigene Währung wertet auf. Importe – auch Öl, das in Dollar bezahlt wird – werden billiger.

Erwartungskanal

Glaubt die Öffentlichkeit, dass die Zentralbank die Inflation bekämpft, verlangen Gewerkschaften und Unternehmen geringere Lohn- und Preiserhöhungen. Vertrauen ist das stärkste Werkzeug.

Warum wirkt Geldpolitik so langsam?

Zwischen einer Zinsänderung und ihrer vollen Wirkung vergehen meist ein bis zwei Jahre. Viele Kredite haben feste Zinsen, Bauprojekte laufen weiter, Preise werden nur in Abständen angepasst. Die Bundesbank rechnete Ende 2022 vor, dass die Zinserhöhungen ihre stärkste Wirkung auf die Konjunktur 2023 und auf die Inflation erst 2024 entfalten würden. Eine Zentralbank muss deshalb vorausschauend handeln – und läuft ständig Gefahr, zu spät zu bremsen oder zu lange auf der Bremse zu stehen. Fachleute vergleichen das mit dem Steuern eines großen Schiffes.

3.3 Wenn der Zins bei null liegt: unkonventionelle Mittel

Lange galt null Prozent als Untergrenze für Zinsen, weil Sparer ihr Geld sonst als Bargeld horten würden. Nach 2008 stießen viele Zentralbanken an diese Grenze. Sie entwickelten deshalb neue Werkzeuge:

  • Negativzinsen: Banken zahlen für Guthaben bei der Zentralbank. Die EZB führte sie im Juni 2014 ein.
  • Anleihekaufprogramme (auch „quantitative Lockerung“ genannt): Die Zentralbank kauft in großem Umfang Staats- und Unternehmensanleihen und drückt so die langfristigen Zinsen.
  • Forward Guidance: Die Zentralbank kündigt an, wie lange die Zinsen niedrig bleiben werden, und lenkt so die Erwartungen.
  • Langfristige Kredite an Banken zu sehr günstigen Bedingungen, wenn diese das Geld an Unternehmen weiterverleihen.
  • Schutzinstrumente wie das TPI von 2022: Die EZB kann gezielt Anleihen eines Landes kaufen, wenn dessen Zinsen ohne sachlichen Grund in die Höhe schießen.
Die Grenzen des Werkzeugs
  • Ein Leitzins gilt für den gesamten Euroraum. Er kann für ein Land zu hoch und für ein anderes zu niedrig sein („one size fits all“-Problem).
  • Geldpolitik kann keine Energie herbeischaffen und keine Lieferketten reparieren. Gegen Angebotsschocks wirkt sie nur indirekt (siehe Kapitel 4).
  • Anleihekäufe verwischen die Grenze zur Staatsfinanzierung, die der EZB verboten ist. Darüber wurde in Deutschland bis vor das Bundesverfassungsgericht gestritten.
Merke
  • Einlagesatz = wichtigster Steuerungszins der EZB (seit 16.9.2026: 2,50 %).
  • Transmission über Zins-, Kredit-, Vermögens-, Wechselkurs- und Erwartungskanal.
  • Wirkung mit ein bis zwei Jahren Verzögerung → Zentralbanken müssen vorausschauend handeln.
  • An der Nullgrenze: Negativzinsen, Anleihekäufe, Forward Guidance.
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Funktionsweise

Zinsen und Inflation: ein ungleiches Paar

Die wichtigste Aufgabe des Zinses ist die Bekämpfung der Inflation. Doch nicht jede Inflation lässt sich gleich gut mit Zinsen bekämpfen – und manche Teuerung verschwindet von selbst.

4.1 Was Inflation ist und wie man sie misst

Inflation ist der allgemeine Anstieg der Preise, also der Verlust an Kaufkraft des Geldes. In Deutschland misst sie das Statistische Bundesamt mit dem Verbraucherpreisindex (VPI). Für den europäischen Vergleich und die EZB zählt der harmonisierte Index HVPI, der etwas anders gewichtet ist; deshalb weichen die deutschen Werte je nach Index leicht voneinander ab. Weil Energie- und Lebensmittelpreise stark schwanken, beobachten Zentralbanken zusätzlich die Kerninflation ohne diese Güter. Die EZB strebt seit 2021 eine Inflation von genau zwei Prozent auf mittlere Sicht an; zuvor lautete das Ziel „unter, aber nahe zwei Prozent“.

4.2 Zwei Arten von Inflation

MerkmalNachfrageinflationAngebotsinflation
UrsacheDie Menschen wollen mehr kaufen, als produziert werden kann – etwa nach billigen Krediten oder großen Staatsprogrammen.Etwas Wichtiges wird knapp und teuer – vor allem Energie, Rohstoffe oder Vorprodukte (Angebotsschock).
Folge für die WirtschaftHohe Auslastung, Beschäftigung steigt, Preise steigen.Produktion sinkt, Kaufkraft schwindet, Preise steigen – im schlimmsten Fall Stagflation.
Wirkung höherer ZinsenGut: Die Nachfrage wird gebremst, die Preise beruhigen sich.Schwierig: Zinsen machen Öl nicht billiger, schwächen aber zusätzlich die Wirtschaft.
Historische BeispieleUSA 2021/22 (Konjunkturprogramme), Deutschland nach der Wiedervereinigung 1990–92Ölkrisen 1973 und 1979, Gaskrise 2022, Hormus-Blockade 2026

4.3 Warum Zentralbanken trotzdem auf Angebotsschocks reagieren

Wenn die Inflation von Energie ausgeht, könnte eine Zentralbank theoretisch abwarten: Sobald der Ölpreis nicht mehr steigt, fällt die Inflationsrate von selbst, weil sie nur die Veränderung gegenüber dem Vorjahr misst. Gefährlich wird es aber, wenn die Teuerung sich ausbreitet – wenn Arbeitnehmer höhere Löhne fordern, um die Preise auszugleichen, und Unternehmen die höheren Löhne wiederum auf die Preise aufschlagen. Solche Zweitrundeneffekte können eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. Entscheidend ist dabei, was die Menschen für die Zukunft erwarten. Solange die Inflationserwartungen bei etwa zwei Prozent „verankert“ bleiben, kann die Zentralbank einen Energieschock eher hinnehmen. Geraten sie ins Rutschen, muss sie hart bremsen.

Kann die EZB Öl billiger machen?

Nicht direkt. Sie kann aber verhindern, dass ein einmaliger Preisschub zu dauerhaft höherer Inflation wird. Zudem wirkt ein höherer Zins über den Wechselkurs: Steigt der Euro gegenüber dem Dollar, wird in Dollar gehandeltes Öl in Euro billiger. Die Kehrseite ist, dass die ohnehin vom Energieschock geschwächte Wirtschaft zusätzlich gebremst wird. Diese Abwägung prägte die Diskussionen der EZB 2022 und erneut 2026.

4.4 Eine Faustregel für den „richtigen“ Zins

Der amerikanische Ökonom John B. Taylor schlug 1993 eine einfache Formel vor, die beschreibt, wie Zentralbanken in der Vergangenheit gehandelt haben (Taylor-Regel). Vereinfacht: Der Leitzins sollte dem neutralen Zins plus der aktuellen Inflation entsprechen, und er sollte zusätzlich steigen, wenn die Inflation über dem Ziel liegt, und sinken, wenn die Wirtschaft unter ihren Möglichkeiten bleibt. Liegt die Inflation einen Prozentpunkt über dem Ziel, sollte der Leitzins um mehr als einen Prozentpunkt steigen – sonst sinkt der Realzins und die Geldpolitik wird ungewollt lockerer.

Ein Rechenbeispiel zeigt, wie groß die Lücke 2022 war: Bei einem neutralen Realzins von etwa einem halben Prozent und einer Inflation von rund acht Prozent hätte die Regel einen Leitzins von deutlich über zehn Prozent ergeben. Tatsächlich lag der Einlagesatz der EZB Mitte 2022 noch bei minus 0,5 Prozent. Die Regel ist umstritten und wird von keiner Zentralbank mechanisch angewendet, macht aber sichtbar, wie locker die Geldpolitik damals war.

Eine Grenze der Faustregel

Niemand kennt den neutralen Zins genau – also den Zins, der die Wirtschaft weder anschiebt noch bremst. Er hängt von Bevölkerungsentwicklung, Sparneigung und Produktivität ab und hat sich über die Jahrzehnte verschoben. Die US-Notenbank schätzt ihn inzwischen höher als vor einigen Jahren. Ob der heutige Leitzins „bremst“ oder „antreibt“, ist deshalb immer auch eine Einschätzung.

Merke
  • Nachfrageinflation → Zinsen wirken gut; Angebotsinflation → Zinsen wirken schlecht und schaden dem Wachstum.
  • Gefährlich sind Zweitrundeneffekte und entankerte Inflationserwartungen.
  • Kerninflation zeigt, wie tief die Teuerung in der Wirtschaft sitzt.
  • Taylor-Regel: Steigt die Inflation, muss der Leitzins stärker steigen, sonst sinkt der Realzins.
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1973 – 2012

Lehrstücke aus der Geschichte

Zentralbanker berufen sich bei fast jeder Entscheidung auf die Vergangenheit. Fünf Episoden prägen ihr Denken bis heute – und sie erklären, warum die Notenbanken 2022 und 2026 so handelten, wie sie handelten.

Fall I: Die große Inflation und der Volcker-Schock

1973–1983
  • 1971–1973Das System fester Wechselkurse von Bretton Woods zerfällt. Die USA lösen den Dollar 1971 vom Gold.
  • 1973/74Erste Ölkrise: Die arabischen Förderländer drosseln die Lieferungen, der Ölpreis vervielfacht sich. In vielen westlichen Ländern steigt die Inflation in den zweistelligen Bereich.
  • 1970erDie US-Notenbank erhöht die Zinsen mehrfach, senkt sie aber wieder, sobald die Arbeitslosigkeit steigt („Stop and Go“). Die Inflationserwartungen geraten außer Kontrolle.
  • 1979Zweite Ölkrise nach der Revolution in Iran. Im August wird Paul Volcker Chef der Fed; im Oktober stellt sie ihre Politik radikal um.
  • März 1980Die US-Inflation erreicht mit 14,8 Prozent ihren Höhepunkt.
  • Juni 1981Der Leitzins der Fed erreicht rund 20 Prozent. Es folgt die schwerste Rezession seit den 1930er Jahren; die Arbeitslosigkeit steigt auf über zehn Prozent. Landwirte blockieren mit Traktoren die Straßen vor der Fed in Washington.
  • 1982Die hohen Dollarzinsen lösen eine Schuldenkrise in Lateinamerika aus, beginnend mit Mexiko.
  • 1983Die US-Inflation fällt unter drei Prozent.

Ergebnis: Volcker gilt seither als Beweis dafür, dass eine Zentralbank auch tief verwurzelte Inflation brechen kann – aber zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Die Lehre der Notenbanker lautet: Inflation früh bekämpfen, bevor sich die Erwartungen verschieben. Genau auf dieses Beispiel bezogen sich Fed und EZB 2022, als sie die Zinsen außergewöhnlich schnell anhoben.

Fall II: Die Bundesbank und die deutsche Stabilitätskultur

1973–1990
  • März 1973Mit dem Ende fester Wechselkurse gegenüber dem Dollar gewinnt die Bundesbank die Freiheit, ihre Zinsen allein an der heimischen Preisstabilität auszurichten.
  • 1973/74Die Inflation in der Bundesrepublik steigt auf rund sieben Prozent – hoch für deutsche Verhältnisse, aber deutlich weniger als in Großbritannien, Italien oder den USA.
  • Dez. 1974Die Bundesbank verkündet als eine der ersten Zentralbanken ein Ziel für das Wachstum der Geldmenge. Sie macht damit ihre Politik vorhersehbar.
  • 1974/75Die harte Linie trägt zu einer Rezession bei; die Zahl der Arbeitslosen steigt erstmals seit den 1950er Jahren über eine Million.
  • 1980erDie D-Mark wird zur Ankerwährung Europas. Andere Länder im Europäischen Währungssystem (EWS, seit 1979) müssen sich an den deutschen Zinsen orientieren.

Ergebnis: Die Bundesbank bewies, dass eine unabhängige Notenbank Inflation begrenzen kann, wenn die Öffentlichkeit ihr vertraut. Daraus entstand das, was oft „deutsche Stabilitätskultur“ genannt wird. Sie erklärt, warum die Konstruktion der EZB stark am Bundesbank-Modell ausgerichtet wurde – und warum die Nullzinspolitik später in Deutschland auf so viel Misstrauen stieß.

Fall III: Wiedervereinigung und die Krise des Europäischen Währungssystems

1990–1993
  • 1.7.1990Deutsch-deutsche Währungsunion: Die D-Mark wird in der DDR eingeführt. Die Kosten der Einheit werden zu großen Teilen über Kredite finanziert; die Nachfrage im Osten treibt die Preise.
  • 1990–1992Die Bundesbank erhöht ihre Zinsen in mehreren Schritten. Der Diskontsatz steigt von sechs Prozent Ende 1990 auf 8,75 Prozent im Juli 1992.
  • 1992Großbritannien, Italien und andere EWS-Länder stecken in einer Rezession, müssen aber wegen der festen Wechselkursbänder die hohen deutschen Zinsen mittragen.
  • 16.9.1992„Schwarzer Mittwoch“: Spekulanten wetten gegen das Pfund. Die Bank of England erhöht ihren Leitzins an einem Tag von zehn auf zwölf Prozent und kündigt 15 Prozent an – vergeblich. Großbritannien verlässt den Wechselkursmechanismus, Italien folgt.
  • Aug. 1993Die Schwankungsbreiten im EWS werden auf plus/minus 15 Prozent ausgeweitet; das System ist faktisch entschärft.

Ergebnis: Die Krise zeigte, was geschieht, wenn eine Zentralbank Zinsen für ihr eigenes Land setzt, andere Länder aber daran gebunden sind. Ein Zins, der für ein boomendes Deutschland richtig war, war für ein Großbritannien in der Rezession viel zu hoch. Dieses Problem kehrte mit dem Euro in neuer Form zurück: Seit 1999 gilt ein einziger Leitzins für sehr unterschiedliche Volkswirtschaften.

Fall IV: Zinserhöhungen zur falschen Zeit

2008 und 2011
  • Juli 2008Der Ölpreis steigt auf ein Rekordhoch. Die EZB unter Jean-Claude Trichet erhöht ihren Hauptrefinanzierungssatz auf 4,25 Prozent, obwohl sich die Finanzkrise bereits abzeichnet.
  • Sept. 2008Lehman Brothers bricht zusammen. Die EZB senkt die Zinsen bis Mai 2009 auf ein Prozent.
  • April/Juli 2011Wegen steigender Energiepreise erhöht die EZB erneut zweimal die Zinsen – mitten in der beginnenden Euro-Schuldenkrise.
  • Nov./Dez. 2011Der neue EZB-Präsident Mario Draghi nimmt beide Erhöhungen sofort wieder zurück.

Ergebnis: Beide Erhöhungen gelten heute vielen Ökonomen als Fehler: Die EZB reagierte auf eine von Energiepreisen getriebene Inflation, während die Wirtschaft bereits in die Krise rutschte. Diese Erfahrung erklärt, warum die EZB 2021 zögerte, als die Inflation zu steigen begann – und warum sie 2026 betont, keinem festen Zinspfad zu folgen.

Fall V: „Whatever it takes“ – die Macht der Worte

2010–2012
  • 2010–2012In der Euro-Schuldenkrise steigen die Zinsen für griechische, portugiesische, irische, spanische und italienische Staatsanleihen stark. Anleger fürchten einen Austritt einzelner Länder aus dem Euro.
  • 26.7.2012Mario Draghi erklärt in London, die EZB werde im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten.
  • Sept. 2012Die EZB beschließt das Programm OMT für unbegrenzte Anleihekäufe unter Auflagen. Es wird nie eingesetzt – die Ankündigung allein senkt die Risikoaufschläge deutlich.

Ergebnis: Ein glaubwürdiges Versprechen kann mehr bewirken als jede tatsächliche Maßnahme. Zugleich übernahm die EZB damit die Rolle einer Schutzmacht für Staatsanleihen. Kritiker in Deutschland sahen darin eine verbotene Staatsfinanzierung; das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof billigten das Programm aber unter Bedingungen.

Seitenblick: Japans lange Nullzinszeit

Japan erlebte nach dem Platzen einer Immobilien- und Aktienblase Anfang der 1990er Jahre jahrzehntelang schwaches Wachstum und fallende Preise (Deflation). Die Bank of Japan senkte ihre Zinsen 1999 auf null und 2016 sogar ins Negative. Japan wurde damit zum Warnbild: Sehr niedrige Zinsen allein erzeugen weder Wachstum noch Inflation, wenn Unternehmen und Haushalte nicht investieren wollen. Diese Sorge vor einer „Japanisierung“ prägte die EZB-Politik der 2010er Jahre. Erst 2024 beendete Japan die Negativzinsen; im September 2026 hob die Bank of Japan ihren Leitzins auf 1,25 Prozent, den höchsten Stand seit über drei Jahrzehnten.

Merke
  • Volcker 1979–1983: Leitzins bis 20 % → Inflation gebrochen, aber schwere Rezession.
  • Bundesbank: Unabhängigkeit und Geldmengenziel → deutsche Stabilitätskultur, Vorbild für die EZB.
  • 1992: Hohe deutsche Zinsen nach der Einheit → Krise des EWS, Pfund verlässt das System.
  • 2008 und 2011: EZB erhöht wegen Ölpreisen in den Abschwung → Fehler, rasch korrigiert.
  • 2012: „Whatever it takes“ → Worte und Glaubwürdigkeit als Werkzeug.
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Europa und die USA

Zwei Währungsräume, zwei Zinsen

Der Euroraum und die USA sind die beiden größten Währungsräume der westlichen Welt. Ihre Zentralbanken entscheiden unabhängig voneinander – und oft verschieden. Was das bedeutet, spürt man an der Zapfsäule, in der Exportindustrie und an den Finanzmärkten.

6.1 Warum die Leitzinsen auseinanderlaufen

Unterschiedliche Schocks

Die USA sind seit dem Schieferöl-Boom selbst großer Öl- und Gasproduzent. Europa muss Energie importieren und leidet stärker unter Preisschocks – 2022 beim Gas, 2026 beim Öl.

Unterschiedliche Aufträge

Die Fed soll neben stabilen Preisen auch hohe Beschäftigung sichern. Die EZB hat vorrangig die Preisstabilität im Blick.

Unterschiedliche Konjunktur

Die US-Wirtschaft wuchs seit 2010 meist schneller als die europäische. Ein starkes Wachstum verträgt höhere Zinsen.

Unterschiedliche Staatsfinanzen

Die USA haben seit Jahren sehr hohe Haushaltsdefizite, die die Nachfrage anheizen. Im Euroraum muss die EZB zudem auf die Lage hoch verschuldeter Länder wie Italien und Frankreich achten.

6.2 Was eine Zinsdifferenz auslöst

Liegt der Zins in den USA höher als im Euroraum, können Anleger mit Dollar-Anlagen mehr verdienen. Sie tauschen Euro in Dollar, um amerikanische Anleihen zu kaufen. Die steigende Nachfrage nach Dollar lässt seinen Kurs steigen, der Euro wird schwächer. Diese Zinsdifferenz ist einer der wichtigsten Bestimmungsgründe für den Wechselkurs – wenn auch nicht der einzige.

ZeitpunktFed (Obergrenze)EZB-EinlagesatzAbstandEuro in Dollar (rund)Einordnung
Ende 20080,25 %2,00 %EZB höher1,40Die Fed senkt schneller; der Euro ist stark.
Frühjahr 20150,25 %−0,20 %0,45 Pp.1,05–1,10EZB startet Anleihekäufe, die Fed bereitet Erhöhungen vor; der Euro verliert binnen eines Jahres rund ein Viertel.
Ende 20182,50 %−0,40 %2,9 Pp.1,14Die Fed hat neunmal erhöht, die EZB gar nicht.
Herbst 20223,25 %0,75 %2,5 Pp.unter 1,00Die Fed erhöht früher und schneller; der Euro fällt erstmals seit 2002 unter den Dollar.
Herbst 20235,50 %4,00 %1,5 Pp.1,06Beide auf dem Höhepunkt des Zinszyklus.
Sommer 20254,50 %2,00 %2,5 Pp.1,17Trotz großer Differenz steigt der Euro – Zölle und Zweifel an der US-Politik schwächen den Dollar.
September 20264,00 %2,50 %1,5 Pp.1,15Beide erhöhen; nach dem Fed-Schritt gibt der Euro nach.

6.3 Die Folgen für Deutschland

  • Exporte: Ein schwacher Euro macht deutsche Waren im Dollarraum billiger und hilft der Exportindustrie.
  • Importierte Inflation: Öl, Gas und viele Rohstoffe werden in Dollar gehandelt. Ein schwacher Euro verteuert sie zusätzlich. 2022 trafen beide Effekte zusammen: Die Energiepreise stiegen in Dollar, und der Dollar selbst wurde teurer.
  • Gekoppelte Kapitalmärkte: Steigen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen, ziehen die Renditen von Bundesanleihen meist mit, weil weltweit tätige Anleger zwischen beiden wählen. Im September 2026 stiegen beide gleichzeitig auf Mehrjahreshochs – US-Anleihen auf über fünf Prozent, Bundesanleihen auf gut 3,5 Prozent.
  • Spielraum der EZB: Senkt die EZB ihre Zinsen deutlich stärker als die Fed, schwächt sie den Euro und importiert Inflation. Deshalb beobachtet sie die US-Politik genau, auch wenn sie ihr nicht folgen muss.

6.4 Wenn Zinsdifferenzen plötzlich schrumpfen: der Carry-Trade

Zinsunterschiede locken auch Spekulanten. Beim Carry-Trade leihen sich Anleger Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen – lange vor allem im japanischen Yen – und legen es dort an, wo die Zinsen höher sind. Das funktioniert, solange die Zinsdifferenz groß bleibt und die Billigwährung nicht aufwertet. Als die Bank of Japan im Juli 2024 ihren Leitzins leicht anhob und die Fed zugleich Zinssenkungen signalisierte, wertete der Yen auf. Viele Anleger mussten ihre Geschäfte in kurzer Zeit auflösen; Anfang August 2024 stürzten die Börsen weltweit kurzzeitig ab, besonders in Tokio. Das Beispiel zeigt, dass kleine Zinsschritte große Wirkungen haben können, wenn sich weltweit Wetten auf eine bestimmte Zinsdifferenz aufgebaut haben.

Muss die EZB der Fed folgen?

Rechtlich nicht, und praktisch auch nicht immer. Im Juni 2024 senkte die EZB ihre Zinsen drei Monate vor der Fed, weil die Inflation im Euroraum schneller gesunken war. Sie nahm einen etwas schwächeren Euro in Kauf. Grenzen gibt es dennoch: Weicht die EZB zu weit ab, droht eine starke Abwertung des Euro, die über teurere Importe die Inflation nach oben treibt. Viele Ökonomen sprechen deshalb davon, dass die EZB „im Schatten der Fed“ entscheidet – unabhängig im Prinzip, aber nicht unbeeinflusst.

Die Zinsdifferenz ist nicht alles

2025 stieg der Euro gegenüber dem Dollar deutlich, obwohl die US-Zinsen viel höher lagen. Nach Einschätzung von Banken wie der LBBW störten die umfassenden US-Zölle vom April 2025 und die Angriffe des Präsidenten auf die Unabhängigkeit der Fed das Vertrauen in den Dollar. Wechselkurse spiegeln also nicht nur Zinsen, sondern auch Vertrauen in Institutionen, Rechtssicherheit und Politik wider.

Merke
  • Höhere US-Zinsen → Kapital fließt in den Dollar → Euro wird schwächer.
  • Schwacher Euro → Exporte billiger, aber Energieimporte teurer (importierte Inflation).
  • Herbst 2022: größere Zinsdifferenz → Euro unter einen Dollar.
  • Carry-Trade: Wetten auf Zinsdifferenzen können plötzliche Marktbeben auslösen (August 2024).
  • Die EZB entscheidet unabhängig, aber „im Schatten der Fed“.
7
2008 – 2021

Der Weg in den Nullzins

Über mehr als ein Jahrzehnt lagen die Zinsen im Euroraum bei null oder darunter. Was als Notmaßnahme in der Finanzkrise begann, wurde zum Dauerzustand – aus Gründen, die weit über die Geldpolitik hinausreichen.

7.1 Das große Bild: Leitzinsen und Inflation seit 2008

Die Grafik zeigt den Einlagesatz der EZB, den Leitzins der US-Notenbank und die Inflationsrate in Deutschland. Gut zu erkennen sind die lange Phase, in der der europäische Leitzins unter der Nulllinie lag, der steile Anstieg ab 2022 – der erst einsetzte, als die Inflation schon hoch war – und die erneute Wende 2026.

-1 % 0 % 1 % 2 % 3 % 4 % 5 % 6 % 7 % 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 2026 EZB-Einlagesatz (Jahresende) Fed-Leitzins, Obergrenze (Jahresende) Inflation Deutschland (VPI, Jahresdurchschnitt) Negativzins Inflationsspitze

Zinswerte jeweils zum Jahresende, für 2026 Stand Oktober. Inflation als Jahresdurchschnitt des Verbraucherpreisindex (gerundet); der Wert für 2026 ist die Prognose der Gemeinschaftsdiagnose vom Herbst 2026.

Die Werte als Tabelle
JahrEZB-EinlagesatzFed (Obergrenze)Inflation Deutschland
20082,00 %0,25 %2,6 %
20090,25 %0,25 %0,3 %
20100,25 %0,25 %1,0 %
20110,25 %0,25 %2,2 %
20120,00 %0,25 %1,9 %
20130,00 %0,25 %1,5 %
2014−0,20 %0,25 %1,0 %
2015−0,30 %0,50 %0,5 %
2016−0,40 %0,75 %0,5 %
2017−0,40 %1,50 %1,5 %
2018−0,40 %2,50 %1,8 %
2019−0,50 %1,75 %1,4 %
2020−0,50 %0,25 %0,5 %
2021−0,50 %0,25 %3,1 %
20222,00 %4,50 %6,9 %
20234,00 %5,50 %5,9 %
20243,00 %4,50 %2,2 %
20252,00 %3,75 %2,2 %
2026 (Okt.)2,50 %4,00 %2,8 % (Prognose)

7.2 Warum die Zinsen so tief fielen

Ökonomen nennen kurzfristige und langfristige Gründe. Die kurzfristigen waren die Krisen selbst. Die langfristigen wirken leiser, aber über Jahrzehnte: Der neutrale Zins, bei dem die Wirtschaft weder angeheizt noch gebremst wird, ist in allen Industrieländern seit den 1980er Jahren gesunken.

Finanz- und Euro-Krise

Banken, Staaten und Haushalte mussten Schulden abbauen. Die Nachfrage blieb über Jahre schwach.

Alternde Gesellschaften

Wer für das Alter vorsorgt, spart. Viel Erspartes trifft auf wenig Investitionsbedarf und drückt den Zins.

Schwaches Produktivitätswachstum

Wenn neue Investitionen weniger zusätzlichen Ertrag bringen, sinkt der Zins, den Unternehmen zahlen können.

Globale Ersparnisse

Exportstarke Länder wie China, Deutschland und die Ölstaaten legten große Überschüsse an den Kapitalmärkten an.

Angst vor Deflation

2014/15 sank die Inflation im Euroraum zeitweise unter null. Die EZB fürchtete eine Abwärtsspirale wie in Japan.

7.3 Die Schritte in den Nullzins

Phase I: Krisenbekämpfung

2008–2013
  • Okt. 2008Nach der Lehman-Pleite senken mehrere Zentralbanken gemeinsam ihre Zinsen. Die EZB stellt Banken unbegrenzt Liquidität zur Verfügung.
  • Mai 2009Der Hauptrefinanzierungssatz der EZB liegt bei 1,0 Prozent. Die Fed ist bereits seit Dezember 2008 bei null und kauft Anleihen.
  • 2010–2012Euro-Schuldenkrise. Die EZB kauft erstmals Staatsanleihen von Krisenländern und vergibt dreijährige Kredite an Banken im Umfang von rund einer Billion Euro.
  • Juli 2012Der Einlagesatz sinkt auf null. Draghis „Whatever it takes“ beruhigt die Märkte.

Phase II: Negativzins und Anleihekäufe

2014–2019
  • Juni 2014Die EZB führt als erste große Zentralbank einen negativen Einlagesatz ein: −0,1 Prozent.
  • März 2015Beginn des großen Anleihekaufprogramms (APP) mit zunächst 60 Milliarden Euro im Monat, vor allem Staatsanleihen. Bis 2022 erwirbt die EZB im Rahmen des APP Wertpapiere für mehr als drei Billionen Euro.
  • März 2016Der Hauptrefinanzierungssatz sinkt auf null, der Einlagesatz auf −0,4 Prozent.
  • Juni 2016Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt erstmals unter null. Der Bund verdient zeitweise Geld damit, Schulden zu machen.
  • Aug. 2019Selbst dreißigjährige Bundesanleihen rentieren erstmals negativ.
  • Sept. 2019Zum Abschied Draghis senkt die EZB den Einlagesatz auf −0,5 Prozent und nimmt die Anleihekäufe wieder auf. Bundesbankpräsident Jens Weidmann und mehrere frühere Notenbanker kritisieren die Entscheidung öffentlich.

Phase III: Pandemie

2020–2021
  • März 2020Die Corona-Pandemie erschüttert die Märkte. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fällt auf ein Rekordtief von rund −0,9 Prozent. Die EZB startet das Notfallprogramm PEPP, das später auf 1,85 Billionen Euro aufgestockt wird.
  • 5.5.2020Das Bundesverfassungsgericht erklärt in seinem PSPP-Urteil, die EZB habe die Verhältnismäßigkeit ihrer Anleihekäufe nicht ausreichend begründet – ein Konflikt mit dem Europäischen Gerichtshof, der die Käufe zuvor gebilligt hatte.
  • Juli 2021Die EZB beschließt eine neue Strategie: Das Inflationsziel lautet nun symmetrisch zwei Prozent; zeitweise Überschreitungen werden hingenommen.
Warum verlangte die EZB Zinsen von Banken?

Ein negativer Einlagesatz sollte Banken dazu bringen, ihr überschüssiges Geld nicht bei der Zentralbank zu parken, sondern als Kredit an Unternehmen und Haushalte zu vergeben. Zugleich sollte er den Euro schwächen und so Exporte fördern und Importe verteuern – beides sollte die zu niedrige Inflation anheben. Um die Banken nicht zu überfordern, befreite die EZB ab 2019 einen Teil ihrer Guthaben vom Negativzins.

Die Kritik
  • Enteignung der Sparer: In Deutschland wurde der Begriff der „kalten Enteignung“ populär, weil Sparzinsen unter der Inflation lagen.
  • Blasengefahr: Billiges Geld treibe die Preise von Immobilien und Aktien und begünstige diejenigen, die bereits Vermögen besitzen.
  • Zombieunternehmen: Firmen, die nur dank niedriger Zinsen überleben, blockierten den Strukturwandel. Wie verbreitet dieses Phänomen war, ist in der Forschung umstritten.
  • Fehlanreize für Staaten: Regierungen hoch verschuldeter Länder hätten Reformen aufgeschoben, weil die EZB ihre Finanzierung absicherte.
  • Mandatsfrage: Kritiker sahen in den Anleihekäufen eine verbotene Staatsfinanzierung; Befürworter verwiesen auf die drohende Deflation und den möglichen Zerfall des Euroraums.
Merke
  • Ursachen: Krisen, Alterung, schwache Produktivität, globale Ersparnisse, Deflationsangst.
  • 2014: erster negativer Einlagesatz → bis 2022 negativ, Tiefpunkt −0,5 % (2019).
  • 2015: Beginn massiver Anleihekäufe → Billionen-Bestände in der Zentralbankbilanz.
  • 2016–2021: Bundesanleihen mit negativer Rendite.
  • 2020: PSPP-Urteil des Bundesverfassungsgerichts → offener Streit über die Grenzen der EZB.
8
2014 – 2021

Die Nullzinsjahre in Deutschland

Kein großes Euroland hat so intensiv über die Nullzinspolitik gestritten wie Deutschland. Das hatte einen Grund: Die Deutschen gehören zu den eifrigsten Sparern Europas – und zugleich profitierte ihr Staat wie kaum ein anderer von den niedrigen Zinsen.

8.1 Gewinner und Verlierer

GruppeWas geschahBilanz
Der BundDie Zinsausgaben sanken von rund 40 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf rund vier Milliarden Euro im Jahr 2021, obwohl die Schulden wuchsen. Neue Anleihen brachten zeitweise sogar Geld ein. Von 2014 bis 2019 erzielte der Bund Haushaltsüberschüsse („schwarze Null“).Großer Gewinner. Nach Berechnungen, über die das Handelsblatt 2019 berichtete, sparte der deutsche Staat seit 2008 rund 440 Milliarden Euro an Zinsen.
Hauskäufer und KreditnehmerBaukredite mit zehnjähriger Zinsbindung kosteten 2021 im Durchschnitt rund ein Prozent, Anfang 2022 teils weniger. Die Preise für Wohnimmobilien stiegen von 2008 bis 2022 ohne Unterbrechung, zuletzt mit zweistelligen Raten.Gewinner, vor allem wer früh kaufte. Für spätere Käufer wurden die Häuser so teuer, dass der Zinsvorteil aufgezehrt wurde.
SparerTagesgeld und Sparbuch brachten fast nichts. Viele Banken verlangten Verwahrentgelte; auf dem Höhepunkt im Mai 2022 waren es mindestens 455 Institute, teils schon ab 5.000 Euro Guthaben.Verlierer, solange sie ihr Geld auf Konten hielten. Der Bundesgerichtshof erklärte die Entgelte auf Spar- und Tagesgeldkonten 2025 für unzulässig.
Banken und SparkassenDie Zinsspanne der deutschen Institute sank laut Bundesregierung von 1,10 Prozent (2014) auf 0,97 Prozent (2019). Für Sparkassen und Volksbanken, die vom Einlagen- und Kreditgeschäft leben, war das schmerzhaft.Verlierer; Fusionen und Filialschließungen beschleunigten sich.
Lebensversicherer und AltersvorsorgeDer Höchstrechnungszins für neue Lebensversicherungen sank schrittweise bis auf 0,25 Prozent (2022). Betriebliche Pensionszusagen wurden für Unternehmen teurer.Verlierer; klassische Garantieprodukte verloren an Bedeutung.
UnternehmenKredite waren billig, Unternehmensanleihen fanden leicht Käufer. Die Zahl der Insolvenzen sank auf historische Tiefstände.Gewinner, mit Nebenwirkungen: Kritiker sahen schwache Firmen künstlich am Leben gehalten.
VermögendeWer Aktien und Immobilien besaß, profitierte von steigenden Preisen. Mieter und Sparer ohne Wertpapiere hatten davon nichts.Nach verbreiteter Einschätzung nahm die Vermögensungleichheit eher zu; das Ausmaß ist umstritten.

8.2 Der Staat und die verpasste Gelegenheit

Für die Bundesregierung waren die Nullzinsen ein stilles Geschenk. Sie konnte die Schuldenbremse einhalten und zugleich Überschüsse erzielen, ohne harte Einschnitte. Rückblickend wird ihr aber vorgeworfen, die Gelegenheit nicht genutzt zu haben. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski sagte 2023, der Bund zahle nun den Preis dafür, dass er die Phase negativer Zinsen nicht genutzt habe, um sich langfristig günstig zu verschulden; die meisten europäischen Länder hätten das klüger gemacht. Österreich etwa gab 2019 eine Anleihe mit 100 Jahren Laufzeit zu sehr niedrigen Zinsen aus. Andere Ökonomen kritisierten, dass in dieser Zeit zu wenig in Straßen, Schienen, Digitalisierung und Verteidigung investiert worden sei, obwohl Kredite praktisch nichts kosteten.

8.3 Sparer in der Falle

Deutsche Haushalte halten einen großen Teil ihres Geldvermögens auf Bankkonten und in Versicherungen. Aktien besitzen hierzulande deutlich weniger Menschen als etwa in den USA. Deshalb traf die Nullzinspolitik die Mittelschicht direkter als in anderen Ländern. Die ersten Banken gaben Negativzinsen ab 2014 an Großkunden weiter, später auch an Privatkunden. Nach der Zinswende 2022 verschwanden die Verwahrentgelte rasch. Im Februar 2025 entschied der Bundesgerichtshof in vier Urteilen, dass entsprechende Klauseln für Tagesgeld- und Sparkonten unwirksam waren und für Girokonten in der verwendeten Form ebenfalls; Kunden können gezahlte Beträge zurückfordern.

Hat die Nullzinspolitik gewirkt?

Die Antwort hängt vom Maßstab ab. Befürworter verweisen darauf, dass der Euro die Schuldenkrise überstand, eine Deflation verhindert wurde und die Arbeitslosigkeit im Euroraum wie in Deutschland bis 2019 deutlich sank. Kritiker halten dagegen, dass die Inflation trotz aller Maßnahmen bis 2021 meist unter dem Ziel blieb, das Wachstum schwach war und die Nebenwirkungen – auf Banken, Sparer, Vermögenspreise und die Haushaltsdisziplin – unterschätzt wurden. Einig sind sich die meisten Fachleute darin, dass die EZB in dieser Zeit eine Last trug, die eigentlich auch Regierungen mit ihrer Finanz- und Reformpolitik hätten tragen müssen.

Ein Risiko für später

Die Zentralbanken des Eurosystems kauften Anleihen mit sehr niedrigen Zinsen und finanzierten sie mit Guthaben der Banken bei sich selbst. Solange der Einlagesatz negativ war, verdienten sie daran. Die Bundesbank begann ab 2016, Rückstellungen für den Fall steigender Zinsen zu bilden. Als die Zinsen ab 2022 stiegen, kehrte sich die Rechnung um (siehe Kapitel 10).

Merke
  • Bund: Zinsausgaben von rund 40 Mrd. € (2008) auf rund 4 Mrd. € (2021) → schwarze Null, aber kaum langfristige Absicherung.
  • Hauskäufer: Bauzinsen um 1 % → Immobilienboom bis Mitte 2022.
  • Sparer: Realverluste und Verwahrentgelte (Mai 2022: mindestens 455 Institute) → BGH 2025: unzulässig.
  • Banken, Versicherer, Altersvorsorge unter Druck.
  • Zinsen verteilen um: Schuldner gewannen, Sparer verloren.
9
2021 – 2022

Die Rückkehr der Inflation

Jahrelang hatten die Zentralbanken vergeblich versucht, die Inflation auf zwei Prozent zu heben. Dann kam sie innerhalb weniger Monate mit einer Wucht zurück, die es in Deutschland seit siebzig Jahren nicht gegeben hatte.

9.1 Drei Ursachen kommen zusammen

2021

Nachholende Nachfrage

Nach den Lockdowns wollten die Menschen wieder reisen und konsumieren. In den USA heizten Konjunkturprogramme im Umfang von mehreren Billionen Dollar die Nachfrage zusätzlich an.

2021

Gestörte Lieferketten

Fehlende Halbleiter, überlastete Häfen und teure Containerfrachten machten viele Waren knapp. In Deutschland kamen Sondereffekte hinzu: die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer und der neue CO2-Preis.

2022

Energiepreisschock

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 stiegen die Preise für Gas, Strom und Öl drastisch. Im Oktober 2022 kostete Energie für deutsche Verbraucher über 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

9.2 Die Zahlen

GebietHöchststandZeitpunktAnmerkung
Deutschland (VPI)8,8 %Oktober und November 2022Zunächst als 10,4 % gemeldet; nach Umstellung auf das Basisjahr 2020 nach unten korrigiert. Jahresdurchschnitt 2022: 6,9 %, 2023: 5,9 %.
Deutschland (HVPI)über 11 %Oktober 2022Der europäische Index gewichtet Energie anders; 2022 im Durchschnitt 8,7 %.
Euroraum (HVPI)10,6 %Oktober 2022Höchster Wert seit Einführung des Euro.
USA (Verbraucherpreise)gut 9 %Juni 2022Höchster Wert seit 1981.

9.3 Die Zentralbanken reagieren – unterschiedlich schnell

Beide Notenbanken hielten den Preisanstieg 2021 zunächst für vorübergehend. Die Fed begann im März 2022 mit Zinserhöhungen und steigerte das Tempo im Juni auf drei Viertelprozentpunkte je Sitzung. Die EZB beendete zunächst ihre Netto-Anleihekäufe und erhöhte die Zinsen erst am 21. Juli 2022 – um einen halben Prozentpunkt, die erste Erhöhung seit 2011. Damit endete die Zeit der Negativzinsen. Der Euro fiel im Sommer 2022 unter die Parität zum Dollar, was Energieimporte zusätzlich verteuerte.

Die Bundesregierung versuchte, die Folgen für die Bürger abzufedern: mit einem befristeten Tankrabatt und dem 9-Euro-Ticket im Sommer 2022, einer gesenkten Mehrwertsteuer auf Gas, einer Einmalzahlung für Gas- und Wärmekunden im Dezember und den Strom- und Gaspreisbremsen 2023. Solche Maßnahmen senken die gemessene Inflation kurzfristig, kosten aber Staatsgeld und können die Nachfrage stützen, die die Zentralbank gerade bremsen will.

Warum reagierte die EZB später als die Fed?
  • Andere Ursache: In den USA war die Inflation stärker nachfragegetrieben, im Euroraum vor allem ein Energieschock – also die Art von Inflation, gegen die Zinsen wenig ausrichten.
  • Die Erfahrung von 2008 und 2011: Die EZB wollte nicht erneut auf einen Ölpreisschock mit Zinserhöhungen in einen Abschwung hinein reagieren.
  • Die Reihenfolge: Die EZB hatte versprochen, erst die Anleihekäufe zu beenden und dann die Zinsen zu erhöhen.
  • Die Angst vor Spaltung: Steigende Zinsen trafen hoch verschuldete Länder wie Italien besonders. Die EZB beschloss deshalb zeitgleich mit der ersten Zinserhöhung das Schutzinstrument TPI.
Ein historischer Fehler?

Viele Ökonomen sehen das späte Handeln heute als Fehleinschätzung, die Zentralbanken haben ihre Prognosefehler selbst eingeräumt. Der spätere Fed-Vorsitzende Kevin Warsh nannte die Inflation von 2021/22 sogar den größten Fehler der makroökonomischen Politik seit 45 Jahren. Andere halten dagegen, dass ein Energieschock dieser Größe kaum vorherzusehen war und frühere Zinserhöhungen ihn nicht verhindert hätten. Unstrittig ist: Die Erfahrung hat die Zentralbanken geprägt. 2026 reagierten sie auf den nächsten Energieschock deutlich früher.

Merke
  • Ursachen 2021/22: Nachholeffekte, Lieferketten, Energieschock nach dem 24.2.2022.
  • Höchststände: Euroraum 10,6 % (Okt. 2022), Deutschland (VPI) 8,8 %, USA gut 9 %.
  • Fed ab März 2022, EZB ab Juli 2022 → Ende der Negativzinsen.
  • Euro unter einem Dollar → importierte Inflation.
  • Lehre der Notenbanken: „vorübergehend“ ist ein gefährliches Wort.
10
Juli 2022 – Mitte 2024

Der Zinsschock 2022/23

Innerhalb von gut vierzehn Monaten hob die EZB ihre Zinsen um 4,5 Prozentpunkte an – schneller als je zuvor seit Einführung des Euro. Kaum ein Bereich der Wirtschaft blieb davon unberührt.

10.1 Das Tempo

ZentralbankBeginnHöhepunktUmfangAnzahl der Schritte
FedMärz 2022 (0–0,25 %)Juli 2023: 5,25–5,50 %5,25 Prozentpunkte11
EZB (Einlagesatz)Juli 2022 (−0,50 %)September 2023: 4,00 %4,50 Prozentpunkte10

Allein 2022 erhöhte die EZB um 2,5 Prozentpunkte, zweimal davon um einen Dreiviertelpunkt. Bundesbankpräsident Joachim Nagel warnte Ende 2022 davor, die Zügel zu früh wieder zu lockern; die Zinsen müssten ausreichend lange hoch bleiben. Bis Juni 2024 behielt die EZB den Einlagesatz bei vier Prozent.

10.2 Die Folgen in Deutschland

Bauzinsen vervierfacht

Konnten Käufer im Januar 2022 noch zehnjährige Finanzierungen unter einem Prozent abschließen, lagen die Bauzinsen im Oktober 2023 im Durchschnitt bei rund vier Prozent, teils darüber. Bei einem Kredit von 400.000 Euro bedeutet der Unterschied über zehn Jahre Mehrkosten in der Größenordnung von 100.000 Euro.

Immobilienpreise fallen

Nach dem Höhepunkt im zweiten Quartal 2022 sanken die Preise für Wohnimmobilien. 2023 lagen sie im Durchschnitt 8,4 Prozent unter dem Vorjahr – der stärkste Rückgang seit Beginn der Statistik im Jahr 2000. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft sprach vom stärksten Preisrückgang seit rund 60 Jahren.

Wohnungsbau bricht ein

Höhere Zinsen und teure Baustoffe ließen viele Projekte unrentabel werden. In den ersten Monaten 2023 lagen die Baugenehmigungen für Wohnungen rund ein Viertel bis ein Drittel unter dem Vorjahr. Der Wohnungsmangel in den Städten verschärfte sich.

Sparer erhalten wieder Zinsen

Verwahrentgelte verschwanden, Tages- und Festgeld brachten 2023 wieder drei bis vier Prozent. Angesichts der hohen Inflation blieb der Realzins zunächst trotzdem negativ.

Der Staat zahlt

Die Zinsausgaben des Bundes stiegen nach Angaben des damaligen Finanzministers Christian Lindner von rund vier Milliarden Euro (2021) auf rund 40 Milliarden Euro (2023) – eine Verzehnfachung. Verstärkt wurde der Anstieg durch inflationsindexierte Anleihen.

Die Bundesbank macht Verluste

Die Bundesbank hält Anleihen mit sehr niedrigen Zinsen, muss den Banken aber auf deren Guthaben den hohen Einlagesatz zahlen. Für 2024 wies sie mit 19,2 Milliarden Euro den ersten Verlust seit 1979 und den höchsten ihrer Geschichte aus; bereits seit dem Geschäftsjahr 2020 führt sie keinen Gewinn mehr an den Bund ab.

Auch die Gesamtwirtschaft litt. Das reale Bruttoinlandsprodukt Deutschlands schrumpfte 2023 und 2024. Die höheren Zinsen waren dabei nur ein Grund unter mehreren; hinzu kamen die hohen Energiepreise, die Schwäche der Industrie und die nachlassende Nachfrage aus China.

10.3 Wenn Zinsen das Finanzsystem testen

Ein schneller Zinsanstieg lässt die Kurse bereits ausgegebener Anleihen fallen. Wer viele davon hält und sie plötzlich verkaufen muss, erleidet Verluste. Zwei Ereignisse zeigten 2022/23, wie gefährlich das sein kann:

  • Großbritannien, September 2022: Unfinanzierte Steuersenkungen der Regierung Truss lösten einen Ausverkauf britischer Staatsanleihen aus. Pensionsfonds gerieten in Not, die Bank of England musste eingreifen; Premierministerin Truss trat nach wenigen Wochen zurück. Die Episode wird seitdem oft als Warnung angeführt, dass Märkte unsolide Haushaltspolitik mit höheren Zinsen bestrafen.
  • USA und Schweiz, März 2023: Die Silicon Valley Bank brach zusammen, nachdem sie Verluste auf ihre Anleihebestände realisieren musste und Kunden ihre Einlagen abzogen. Wenige Tage später musste die Schweizer Großbank Credit Suisse von der UBS übernommen werden.
Warum sank die Inflation wieder?

Die Inflation in Deutschland fiel von 5,9 Prozent (2023) auf 2,2 Prozent (2024). Mehrere Gründe wirkten zusammen: Die Energiepreise gaben nach, die Lieferketten normalisierten sich, und die höheren Zinsen dämpften Kreditvergabe, Bau und Konsum. Wie groß der Anteil der Geldpolitik genau war, ist umstritten. Wichtig war nach Ansicht vieler Ökonomen vor allem, dass die Inflationserwartungen trotz zweistelliger Raten nicht dauerhaft nach oben abdrifteten – eine Lohn-Preis-Spirale wie in den 1970er Jahren blieb aus.

Die Schattenseiten
  • Viele Familien konnten sich den Traum vom Eigenheim nicht mehr leisten; Mieten stiegen weiter, weil weniger gebaut wurde.
  • Wer eine Anschlussfinanzierung brauchte, musste plötzlich ein Vielfaches an Zinsen zahlen.
  • Projektentwickler und Bauunternehmen gingen in größerer Zahl in die Insolvenz.
  • Die steigende Zinslast engte den Spielraum des Bundeshaushalts ein und verschärfte den Streit um die Schuldenbremse.
Merke
  • EZB 2022/23: +4,5 Prozentpunkte in 14 Monaten → Einlagesatz 4,0 % (Sept. 2023).
  • Bauzinsen: unter 1 % (Anfang 2022) → rund 4 % (Okt. 2023) → Immobilienpreise 2023 −8,4 %.
  • Bund: Zinsausgaben verzehnfacht (rund 4 → rund 40 Mrd. €).
  • Bundesbank: 2024 Verlust von 19,2 Mrd. € → erstmals seit 1979.
  • Finanzsystem: Gilt-Krise 2022, Silicon Valley Bank und Credit Suisse 2023.
11
Juni 2024 – Februar 2026

Lockerung und trügerische Ruhe

Als die Inflation 2024 wieder in die Nähe von zwei Prozent sank, senkten die Zentralbanken ihre Zinsen. Doch unter der Oberfläche bauten sich neue Spannungen auf: hohe Staatsschulden, Handelskonflikte und offener politischer Druck auf die US-Notenbank.

11.1 Die EZB senkt – und hält inne

Im Juni 2024 senkte die EZB ihren Einlagesatz erstmals seit 2019, drei Monate vor der Fed. Es folgten sieben weitere Schritte, bis der Satz im Juni 2025 bei 2,0 Prozent lag. Im September 2024 stellte die EZB zudem ihren geldpolitischen Handlungsrahmen um und rückte den Einlagesatz offiziell in den Mittelpunkt. Ab Juli 2025 legte sie eine fast einjährige Pause ein. Der Leitzins lag nun ungefähr in dem Bereich, den die EZB als neutral einschätzte, die Inflation in Deutschland betrug 2024 und 2025 jeweils 2,2 Prozent. Bundesbankpräsident Nagel erklärte bei der Vorlage des Jahresabschlusses 2025, die Preisstabilität im Euroraum sei wieder erreicht. Im Dezember 2025 rechneten die Fachleute des Eurosystems sogar damit, dass die Inflation 2026 und 2027 leicht unter zwei Prozent liegen würde.

11.2 Die Fed zwischen Zöllen und Präsident

Die Fed senkte im September 2024 um einen halben Prozentpunkt und bis Jahresende auf 4,25–4,50 Prozent. Dann hielt sie inne: Die umfassenden Zölle, die Präsident Donald Trump im April 2025 verkündete, ließen höhere Preise erwarten. Trump griff Fed-Chef Jerome Powell deshalb immer wieder öffentlich an und forderte drastische Zinssenkungen. Im August 2025 versuchte er, die Fed-Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen. Im Herbst 2025 senkte die Fed dreimal auf 3,50–3,75 Prozent. Ende Januar 2026 nominierte Trump den früheren Fed-Gouverneur Kevin Warsh als Nachfolger Powells, dessen Amtszeit als Vorsitzender im Mai 2026 endete.

11.3 Deutschland: die Schuldenwende

Nach der Bundestagswahl im Februar 2025 beschloss der alte Bundestag am 18. März 2025 eine Änderung des Grundgesetzes: Verteidigungsausgaben über einer bestimmten Schwelle wurden von der Schuldenbremse ausgenommen, dazu kam ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur. Schon die Ankündigung Anfang März ließ die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sprunghaft steigen. Die Märkte rechneten mit deutlich mehr deutschen Anleihen – und damit höheren Zinsen. Die lange Phase, in der Deutschland sich fast zum Nulltarif verschulden konnte, war endgültig vorbei.

Aug. 2024

Carry-Trade-Beben

Eine kleine Zinserhöhung der Bank of Japan löst weltweit Verkäufe aus (siehe Kapitel 6).

Feb. 2025

BGH-Urteile

Der Bundesgerichtshof erklärt Verwahrentgelte auf Spar- und Tagesgeldkonten für unzulässig – ein juristisches Nachspiel der Negativzinsjahre.

Feb. 2025

Bundesbank im Minus

Die Bundesbank meldet 19,2 Milliarden Euro Verlust für 2024; für 2025 folgen 8,6 Milliarden Euro.

2024/25

Frankreich als Sorgenkind

Wechselnde Regierungen ohne stabile Mehrheit lassen den Risikoaufschlag französischer Anleihen gegenüber Bundesanleihen wachsen; Ratingagenturen stufen das Land herab.

Warum blieb die EZB bei zwei Prozent stehen?

Ein Leitzins von etwa zwei Prozent bei einer Inflation von etwa zwei Prozent bedeutet einen Realzins von ungefähr null. Die EZB sah sich damit nach eigener Darstellung in einer „guten Position“: Die Geldpolitik bremste nicht mehr, heizte aber auch nicht an. Weitere Senkungen hätten bei der robusten Lohnentwicklung und den Ausgabenprogrammen der Regierungen neue Inflationsrisiken bergen können. Die Pause erwies sich als vorausschauend – sie ließ der EZB 2026 Spielraum, ohne dass sie von negativen Realzinsen aus starten musste wie 2022.

Wenn Regierungen über Zinsen bestimmen wollen

Fachleute sprechen von fiskalischer Dominanz, wenn eine Zentralbank ihre Zinsen nicht mehr nach der Inflation ausrichtet, sondern nach der Finanzierbarkeit der Staatsschulden. Der offene Druck aus dem Weißen Haus auf die Fed nährte 2025/26 die Sorge, dass dieser Zustand in den USA näher rücken könnte. Banken wie die LBBW sahen darin einen Grund für die Schwäche des Dollars 2025: Wer die Unabhängigkeit der Notenbank angreift, untergräbt das Vertrauen in die eigene Währung.

Merke
  • EZB: acht Senkungen von Juni 2024 bis Juni 2025 → Einlagesatz 2,0 %, dann Pause.
  • Fed: Senkungen 2024 und Herbst 2025 → 3,50–3,75 %; Druck durch Präsident Trump.
  • März 2025: Lockerung der Schuldenbremse → Renditen deutscher Anleihen steigen.
  • Januar 2026: Kevin Warsh als neuer Fed-Chef nominiert.
  • Inflation in Deutschland 2024 und 2025 bei je 2,2 % → scheinbare Normalität.
12
Februar – Oktober 2026

Die neue Zinswende 2026

Ende Februar 2026 beginnt ein Krieg am Persischen Golf. Er trifft die Weltwirtschaft an ihrer empfindlichsten Stelle – der Energieversorgung – und zwingt die Zentralbanken dazu, die Zinsen wieder zu erhöhen, kaum dass sie sie gesenkt haben.

12.1 Der Auslöser: Krieg und die Straße von Hormus

Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel Iran an; im Verlauf des Krieges wurde auch Irans Oberster Führer Ali Chamenei getötet. Iran blockierte daraufhin faktisch die Straße von Hormus, die Meerenge am Ausgang des Persischen Golfs. Durch sie wurde vor dem Krieg rund ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls und ein großer Teil des Flüssiggases transportiert. Deutschland bezieht sein Öl zwar kaum direkt aus dieser Region, ist aber über die Weltmarktpreise betroffen.

Der Ölpreis als Fieberkurve

2026
  • Anfang MärzDer Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent steigt binnen Tagen von gut 70 auf über 100 US-Dollar. Benzin und Diesel kosten in Deutschland über zwei Euro je Liter. Die Internationale Energieagentur gibt in Rekordumfang strategische Reserven frei.
  • MaiBrent erreicht in der Spitze knapp 115 US-Dollar.
  • Mitte JuniEine Waffenruhe und ein Rahmenabkommen zwischen den USA und Iran lassen den Ölpreis kräftig fallen; Tanker passieren die Meerenge wieder.
  • 23. JuliNach neuen Kämpfen notiert Brent zeitweise wieder über 100 US-Dollar.
  • Anfang Aug.Hoffnungen auf eine Einigung zwischen Iran und Oman über eine Schifffahrtsroute drücken den Preis unter 80 US-Dollar.
  • SeptemberEine 60-tägige Waffenruhe läuft aus, die USA lehnen eine Verlängerung ab. Ende September weist Präsident Trump ein iranisches Angebot einer siebentägigen Waffenruhe zurück; Brent steigt über 107 US-Dollar.

Stand Anfang Oktober 2026: Eine vollständige und dauerhafte Öffnung der Meerenge ist nicht in Sicht. Selbst nach einer Einigung müssten Minen geräumt und Sicherheitsgarantien geklärt werden; Fachleute rechnen dann mit Monaten bis zur Normalisierung.

12.2 Die Inflation kehrt zurück

GebietFrühjahr 2026August 2026September 2026Bemerkung
Deutschland (VPI)März 2,7 %, April 2,9 %2,9 %3,3 % (vorläufig)Energie +14,9 %; Kerninflation stabil bei 2,4 %.
Euroraum (HVPI)Mai 3,2 %3,2 %3,8 % (Schnellschätzung)Energie +18,8 %; Dienstleistungen 3,2 %. Erwartet waren 3,6 %.
USA (Verbraucherpreise)Juni 3,5 %3,4 %–Kerninflation 2,4 %, niedrigster Wert seit 2021.

Das Muster ähnelt 2022, ist aber schwächer ausgeprägt: Treiber ist die Energie, während die Kerninflation bisher kaum steigt. Für die Zentralbanken ist genau das die entscheidende Frage – bleibt es bei einem Energieschock, oder greift die Teuerung auf Löhne und Dienstleistungen über? Ein Zwischentief der deutschen Inflation im Mai und Juni führten Volkswirte unter anderem auf einen erneuten staatlichen Tankrabatt zurück.

12.3 Die EZB erhöht – früher als 2022

Anders als 2021/22 wartete die EZB diesmal nicht lange. Nach drei Sitzungen ohne Änderung erhöhte sie am 11. Juni 2026 überraschend ihre Leitzinsen um einen Viertelpunkt (25 Basispunkte) – die erste Erhöhung seit September 2023. Am 10. September 2026 folgte bei einer auswärtigen Sitzung in Berlin der zweite Schritt. Seit dem 16. September liegen Einlagesatz, Hauptrefinanzierungssatz und Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,50, 2,65 und 2,90 Prozent.

EZB-Projektion vom September 2026202620272028
Inflation (Euroraum)3,0 %2,5 %2,1 %
Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel2,5 %2,6 %2,3 %
Wirtschaftswachstum0,9 %1,4 %1,5 %

EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründete die Entscheidung damit, dass der Konflikt im Nahen Osten weiter Inflationsdruck erzeuge und die Teuerung für längere Zeit deutlich über dem Zielwert bleiben dürfte. Die Risiken für die Inflation sah der EZB-Rat aufwärts-, die für das Wachstum abwärtsgerichtet. Auf einen weiteren Zinspfad legte er sich ausdrücklich nicht fest. Volkswirte großer Banken wie JP Morgan und BNP Paribas rechneten bereits vor der Septembersitzung mit einem weiteren Schritt im Dezember; die überraschend hohe Septemberinflation von 3,8 Prozent hat diese Erwartung verstärkt. Kritik kam von Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und manchen Ökonomen, die befürchten, dass die EZB eine ohnehin schwache Konjunktur abwürgt.

12.4 Die Fed unter neuer Führung

In den USA übernahm im Mai 2026 Kevin Warsh den Vorsitz der Fed. Präsident Trump hatte sich von ihm niedrigere Zinsen erhofft. Stattdessen stand Warsh vor steigender Inflation. Im Juni und Juli hielt die Fed ihren Leitzins bei 3,50–3,75 Prozent; im Juli stimmten drei regionale Notenbankpräsidenten für eine Erhöhung – für einen neuen Vorsitzenden ungewöhnlich viel Widerspruch. Am 16. September 2026 erhöhte die Fed um einen Viertelpunkt auf 3,75–4,00 Prozent, die erste Erhöhung seit 2023. Die Mehrheit der Notenbanker erwartet bis Jahresende noch einen weiteren Schritt. Zugleich schätzt die Fed den neutralen Zins inzwischen deutlich höher als 2019 – ein Hinweis darauf, dass die Ära sehr niedriger Zinsen nach ihrer Einschätzung vorbei ist.

12.5 Unruhe an den Anleihemärkten

Seit dem Sommer 2026 geraten Staatsanleihen weltweit unter Verkaufsdruck. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg im Juli über 3,2 Prozent und Mitte September auf rund 3,5 Prozent, zeitweise darüber – der höchste Stand seit 2011. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen überschritt am 15. September fünf Prozent und erreichte den höchsten Stand seit 2007. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern liegt das nicht nur an der Inflation:

  • Hohe Schulden: Viele westliche Staaten – darunter die USA, Japan und Frankreich – sind sehr hoch verschuldet und bringen immer mehr Anleihen auf den Markt. Um genügend Käufer zu finden, müssen sie höhere Zinsen bieten.
  • Konkurrenz um Kapital: Große Technologiekonzerne finanzieren ihre Investitionen in künstliche Intelligenz zunehmend über Anleihen. Alphabet, Amazon und Meta gaben 2026 schon bis August Anleihen über rund 220 Milliarden Dollar aus.
  • Frankreich: Ohne stabile Regierungsmehrheit und mit einer Schuldenquote von fast 120 Prozent verlangen Anleger einen wachsenden Risikoaufschlag. Am 1. Oktober 2026 lag er gegenüber Bundesanleihen bei bis zu 1,33 Prozentpunkten; französische Anleihen rentieren inzwischen höher als italienische. Die EZB hat ihr Schutzinstrument TPI bisher nie eingesetzt.

12.6 Was das für Deutschland bedeutet

Bauzinsen

Zehnjährige Baukredite verteuerten sich von rund 3,7 Prozent Ende August auf rund 4,1 Prozent Mitte September 2026 (beste Konditionen). Das dämpft die Erholung des Immobilienmarkts.

Sparer

Tages- und Festgeld werfen wieder mehr ab. Real bleibt bei über drei Prozent Inflation wenig übrig.

Bundeshaushalt

Der Entwurf für 2027 sieht Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro und eine Nettokreditaufnahme von 118,7 Milliarden Euro im Kernhaushalt vor. Die Zinsausgaben sollen von 41,9 Milliarden Euro (2027) auf voraussichtlich 80,7 Milliarden Euro (2030) steigen.

Konjunktur

Die Wirtschaftsinstitute erwarten im Herbstgutachten 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent (2026) und 1,1 Prozent (2027), getragen vor allem von staatlichen Ausgaben. Die Inflation soll 2027 auf 3,2 Prozent steigen. Ihr Gutachten trägt den Untertitel „Finanzpolitik auf Abwegen“.

Euro

Der Euro notierte Mitte September bei rund 1,15 US-Dollar und gab nach der Fed-Erhöhung nach – die Zinsdifferenz zu den USA wirkt wieder.

Bundesbank

Sie rechnet auch für 2026 mit einem Verlust; die aufgelaufenen Verluste lagen Ende 2025 bei 27,8 Milliarden Euro, gedeckt durch hohe Bewertungsreserven vor allem beim Gold.

Finanzminister Lars Klingbeil verteidigte die höhere Verschuldung mit der Sicherheitslage: Mit der schwarzen Null könne man sich nicht gegen Putin verteidigen. Kritiker aus Opposition und Wissenschaft halten dagegen, dass steigende Zinsen jeden neuen Kredit teurer machen und die Lücken in den kommenden Haushalten – für 2028 bis 2030 zwischen 22 und 47 Milliarden Euro jährlich – weiter vergrößern.

Warum handeln die Zentralbanken diesmal schneller?
  • Die Lehre von 2022: Wer zu lange wartet, muss später umso härter bremsen. Die Notenbanken wollen verhindern, dass sich die Inflationserwartungen erneut nach oben verschieben.
  • Verlorenes Vertrauen: Kommentatoren wie die Börsen-Zeitung weisen darauf hin, dass die EZB nach 2022 in der Bevölkerung an Vertrauen verloren hat. Eine frühe Reaktion soll Entschlossenheit zeigen.
  • Ein besserer Ausgangspunkt: Anders als 2022 starten die Zinsen nicht im negativen Bereich. Kleine Schritte genügen, um ein Signal zu senden.
  • Kein Nachfrageboom: Weil die Kerninflation bisher stabil ist, bleiben die Schritte klein. Beide Zentralbanken erhöhen um je einen Viertelpunkt, nicht um ganze Prozentpunkte wie 2022.
Die Zwickmühle

Die Zentralbanken stehen vor einem dreifachen Dilemma. Erstens bekämpfen sie mit Zinsen einen Angebotsschock, gegen den Zinsen wenig ausrichten. Zweitens erhöhen sie die Zinslast von Staaten, die ohnehin hoch verschuldet sind und gleichzeitig mehr für Verteidigung, Infrastruktur und Entlastungen ausgeben wollen – Geld- und Finanzpolitik ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Drittens wächst in den USA der politische Druck auf die Notenbank, und in Europa hängt über allem die Frage, ob die EZB im Ernstfall französische Anleihen stützen würde.

Merke
  • 28.2.2026: Krieg gegen Iran → Hormus blockiert → Brent zeitweise knapp 115 US-$.
  • Inflation September 2026: Deutschland 3,3 %, Euroraum 3,8 % → Energie als Treiber, Kerninflation stabil.
  • EZB: Erhöhungen am 11.6. und 10.9.2026 → Einlagesatz 2,50 %.
  • Fed: unter Warsh am 16.9.2026 → 3,75–4,00 %.
  • Anleihen: Bundesanleihen rund 3,5 % (höchster Stand seit 2011), US-Anleihen über 5 %, Frankreich unter Druck.
13
Ausblick bis 2028

Ausblick: Vier Szenarien

Niemand kann die Zukunft der Zinsen vorhersagen. Aber die Erfahrungen der vergangenen fünfzig Jahre zeigen, welche Kräfte wirken und wie Zentralbanken typischerweise reagieren. Daraus lassen sich Szenarien ableiten – mögliche Pfade, keine Prognosen.

13.1 Was die Geschichte für 2026 lehrt

LehreHistorisches BeispielBedeutung für die Lage im Herbst 2026
Auf Angebotsschocks nicht überreagierenEZB 2008 und 2011Spricht dafür, dass die EZB in kleinen Schritten vorgeht und bei sinkendem Ölpreis rasch pausiert.
Erwartungen nicht entgleiten lassenUSA in den 1970er Jahren, VolckerSpricht für weitere Erhöhungen, falls Löhne und Kerninflation anziehen.
Zinsen wirken mit VerzögerungZinsschock 2022/23Die Erhöhungen von Juni und September 2026 entfalten ihre volle Wirkung erst 2027.
Ein Zins für viele Länder erzeugt SpannungenEWS-Krise 1992, Euro-Krise 2010–2012Höhere Zinsen treffen Frankreich und Italien stärker als Deutschland; das Schutzinstrument TPI könnte erstmals gebraucht werden.
Glaubwürdigkeit wirkt stärker als Taten„Whatever it takes“ 2012Klare Worte der EZB könnten Spreads und Erwartungen beruhigen, bevor sie handeln muss.

13.2 Die vier Szenarien

Die folgenden Spannbreiten sind Annahmen dieses Dokuments. Sie orientieren sich an den Projektionen der EZB, am Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute und an historischen Mustern, sollen aber nur die Richtung veranschaulichen.

Szenario I: Rasche Entspannung

Hormus öffnet bis Anfang 2027
  • AnnahmeEine dauerhafte Vereinbarung öffnet die Meerenge; der Ölpreis fällt bis Mitte 2027 auf 70 bis 85 US-Dollar.
  • InflationWeil die Inflationsrate den Vergleich zum Vorjahr misst, fällt sie 2027 kräftig, sobald die hohen Energiepreise aus der Rechnung fallen. Die EZB selbst erwartet, dass die Energiepreisinflation bis Mitte 2028 negativ wird.
  • ZinsenDie EZB belässt den Einlagesatz bei 2,50 Prozent und senkt ihn womöglich Ende 2027 wieder. Bundesanleihen fallen in Richtung drei Prozent, Bauzinsen auf etwa 3,5 Prozent.
  • FolgenDer Immobilienmarkt erholt sich, das staatlich getragene Wachstum setzt sich fort. Die Erhöhungen von 2026 erscheinen im Rückblick als vorsichtige „Versicherung“.

Szenario II: Zähe Hochphase

nahe am Basisszenario der EZB
  • AnnahmeDie Meerenge bleibt bis weit in das Jahr 2027 nur eingeschränkt passierbar; Öl kostet 85 bis 110 US-Dollar und schwankt stark.
  • InflationDie Teuerung im Euroraum bleibt 2027 zwischen 2,5 und 3 Prozent; in Deutschland erwarten die Institute 3,2 Prozent. Die Kerninflation steigt leicht, weil höhere Energiekosten in Dienstleistungen und Löhne einsickern.
  • ZinsenDie EZB erhöht noch ein- oder zweimal – etwa im Dezember 2026 und Anfang 2027 – auf 2,75 bis 3,0 Prozent und hält diesen Satz länger. Die Fed bleibt bei rund vier Prozent oder etwas darüber. Bundesanleihen pendeln zwischen 3,25 und 4 Prozent, Bauzinsen zwischen 4 und 4,5 Prozent.
  • FolgenDer Wohnungsbau stagniert, die Zinslast des Bundes wächst wie geplant oder schneller. Der Euro bleibt gegenüber dem Dollar eher schwach, was Energieimporte zusätzlich verteuert.

Szenario III: Stagflation mit Zweitrundeneffekten

das Muster der 1970er Jahre
  • AnnahmeDer Krieg eskaliert, Förderanlagen am Golf werden zerstört; Öl liegt über Monate bei mehr als 120 US-Dollar. Gewerkschaften setzen hohe Lohnabschlüsse durch, um die Kaufkraft zu sichern.
  • InflationDie Inflation steigt 2027 über vier Prozent, und – entscheidend – auch die Kerninflation zieht an. Die Inflationserwartungen geraten in Bewegung.
  • ZinsenDie Zentralbanken handeln nach der Volcker-Lehre: Die EZB erhöht auf 3,5 bis 4 Prozent, die Fed deutlich darüber. Lange Zinsen steigen weiter.
  • FolgenRezession in Deutschland und im Euroraum, steigende Arbeitslosigkeit und Insolvenzen, erneut fallende Immobilienpreise. Frankreich und Italien geraten unter Druck; die EZB muss möglicherweise erstmals das TPI einsetzen – mit absehbarem Streit, auch vor deutschen Gerichten.

Szenario IV: Schuldenstress und Druck auf die Notenbanken

kann sich mit II oder III verbinden
  • AnnahmeUnabhängig vom Ölpreis verlieren Anleger das Vertrauen in die Haushaltspolitik großer Staaten – in den USA, in Frankreich, in Japan oder in Großbritannien. Sie verlangen deutlich höhere Zinsen für lange Laufzeiten.
  • ZinsenDie langfristigen Zinsen steigen stärker als die Leitzinsen. Regierungen drängen ihre Zentralbanken, Anleihen zu kaufen oder die Zinsen niedrig zu halten.
  • WeggabelungGeben die Notenbanken nach, beruhigen sich die Anleihemärkte kurzfristig, doch die Inflation droht auf Dauer höher zu bleiben (fiskalische Dominanz). Bleiben sie hart, drohen Haushaltskrisen und erzwungene Sparprogramme wie in Großbritannien 2022.
  • FolgenFür Deutschland würde der Spielraum für Verteidigung und Infrastruktur enger; in der Währungsunion käme die alte Frage zurück, wie weit die EZB für einzelne Staaten einstehen darf.

13.3 Die Szenarien im Vergleich

Größe (bis Ende 2027)I: EntspannungII: Zähe HochphaseIII: StagflationIV: Schuldenstress
Ölpreis (Brent)70–85 US-$85–110 US-$über 120 US-$beliebig
Inflation Euroraum 2027um 2 %2,5–3 %über 4 %über dem Ziel, auf Dauer
EZB-Einlagesatz2,0–2,5 %2,75–3,0 %3,5–4,0 %unter politischem Druck
Zehnjährige Bundesanleiheum 3 %3,25–4 %4 % und mehrstark steigend
Bauzinsen (10 Jahre)um 3,5 %4–4,5 %über 4,5 %stark steigend
Wachstum Deutschlandüber 1 %um 1 %, staatlich gestütztRezessionschwach
Historisches VorbildÖlpreisrückgang 1986, 20232011, 2023/241974, 1980/81Großbritannien 2022

13.4 Woran man erkennt, welcher Pfad eintritt

  • Straße von Hormus und Ölpreis: der wichtigste Einzelfaktor für die Inflation der kommenden Monate.
  • Kerninflation und Dienstleistungspreise: Steigen sie deutlich über 2,5 Prozent, rückt Szenario III näher.
  • Lohnabschlüsse: Die EZB rechnet für Anfang 2027 mit einem moderaten Anstieg der Tariflöhne um rund 2,7 Prozent. Deutlich höhere Abschlüsse wären ein Warnsignal.
  • Termine der Zentralbanken: EZB am 29. Oktober und 17. Dezember 2026 (mit neuen Projektionen), Fed am 27./28. Oktober 2026.
  • Risikoaufschläge: Der Abstand französischer zu deutschen Anleihen sowie die Ratingentscheidungen zu Frankreich (Moody’s am 23. Oktober, S&P am 27. November 2026).
  • Politik: der Bundeshaushalt 2027 (Verabschiedung Ende November), der Umgang der US-Regierung mit der Fed und die Nachfolge von Christine Lagarde, deren Amtszeit im Oktober 2027 endet.
Was ist anders als 2022?
  • Günstiger: Die Inflation ist mit drei bis vier Prozent weit von zweistelligen Raten entfernt; die Kerninflation ist bisher stabil; die Zinsen starten nicht im negativen Bereich; die Zentralbanken haben früher reagiert.
  • Ungünstiger: Die Staatsschulden sind höher, die Zinsen auf langlaufende Anleihen ebenfalls; Deutschland hat seine Schuldenbremse gelockert; die Unabhängigkeit der Fed ist politisch umkämpft; und die geopolitische Lage ist instabiler. Höhere Zinsen treffen deshalb Staaten härter als 2022.
Grenzen jeder Vorschau

Zinsentwicklungen hängen von politischen Entscheidungen in Washington, Teheran, Paris und Berlin ab, die sich nicht berechnen lassen. Prognosen von Zentralbanken und Instituten mussten in den vergangenen Jahren immer wieder stark korrigiert werden: Im Dezember 2025 erwartete das Eurosystem für 2026 noch eine Inflation unter zwei Prozent, neun Monate später waren es drei Prozent. Die Szenarien beschreiben deshalb Möglichkeiten, keine Wahrscheinlichkeiten, und sind keine Grundlage für Finanzentscheidungen.

Merke
  • Szenario I: Hormus öffnet → Inflation fällt 2027 → Zinsgipfel bei 2,5 % erreicht.
  • Szenario II: zähe Energiekrise → ein bis zwei weitere Erhöhungen → Bauzinsen über 4 %.
  • Szenario III: Zweitrundeneffekte → Volcker-Logik → Rezession und Spannungen im Euroraum.
  • Szenario IV: Schuldenstress → Druck auf Notenbanken → Gefahr fiskalischer Dominanz.
  • Entscheidende Signale: Ölpreis, Kerninflation, Löhne, Spreads, Unabhängigkeit der Zentralbanken.
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Zusammenfassung

Bilanz: Was hat sich verändert?

In achtzehn Jahren hat Europa erlebt, was frühere Generationen über Jahrzehnte verteilt erfuhren: Krisenzinsen, Negativzinsen, eine Inflationswelle, einen Zinsschock und eine zweite Zinswende.

BereichUm 2008Um 2021Herbst 2026
EZB-LeitzinsHauptrefinanzierungssatz 4,25 % (Juli 2008)Einlagesatz −0,50 %Einlagesatz 2,50 %, Tendenz steigend
Fed-Leitzinsab Dezember 2008 nahe null0–0,25 %3,75–4,00 %
Inflation Deutschland2,6 %3,1 %, steigend3,3 % (September)
Zehnjährige Bundesanleiheum 4 %leicht negativrund 3,5 %
Bauzinsen (10 Jahre)um 5 %um 1 %rund 4 %
Zinsausgaben des Bundesrund 40 Mrd. €rund 4 Mrd. €41,9 Mrd. € geplant für 2027, rund 80 Mrd. € für 2030
Sparzinsenmehrere Prozentnull, teils Verwahrentgeltewieder positiv, real aber kaum
BundesbankGewinne in Milliardenhöhe für den Bundkeine Ausschüttung mehrVerluste, Ausgleich durch Bewertungsreserven
Unabhängigkeit der Zentralbankenweithin anerkanntStreit vor allem über Anleihekäufein den USA offen politisch angegriffen

Sechs große Entwicklungslinien

Vom Ausnahme- zum Normalfall

Null- und Negativzinsen galten 2008 als undenkbar. Ein Jahrzehnt später waren sie Alltag – und die Rückkehr zu „normalen“ Zinsen wurde zum Schock.

Die Zentralbank als Retter

Die EZB rettete den Euro mit Worten und Anleihekäufen. Damit wuchs ihre Macht, aber auch die Kritik an ihr, besonders in Deutschland.

Zinsen verteilen um

Erst gewannen Schuldner und Vermögensbesitzer, dann Sparer. Staat, Häuslebauer und Banken erlebten beide Seiten.

Die Rückkehr der Inflation

Nach Jahrzehnten der Ruhe zeigte 2022, dass Inflation nicht verschwunden war. 2026 reagieren die Notenbanken deshalb früher.

Energie als Taktgeber

Ölkrisen in den 1970er Jahren, Gaskrise 2022, Hormus-Blockade 2026: Europas Abhängigkeit von Energieimporten macht seine Inflation und damit seine Zinsen verwundbar.

Geld- und Finanzpolitik im Konflikt

Höhere Staatsschulden machen jeden Zinsschritt teurer. Die Frage, ob Zentralbanken unabhängig bleiben können, wenn Staaten hoch verschuldet sind (fiskalische Dominanz), prägt die kommenden Jahre.

Ausblick: Wie geht es nach Oktober 2026 weiter?
  • 27./28. Oktober 2026: Sitzung der Fed – folgt ein weiterer Schritt?
  • 29. Oktober 2026: Sitzung der EZB, erste Reaktion auf die Septemberinflation von 3,8 Prozent.
  • Ende November 2026: Der Bundestag soll den Haushalt 2027 beschließen; die Zinslast ist einer der größten Streitpunkte.
  • 17. Dezember 2026: letzte EZB-Sitzung des Jahres mit neuen Projektionen – nach Erwartung vieler Volkswirte ein möglicher Termin für eine dritte Erhöhung.
  • 2027: Die Zinserhöhungen von 2026 entfalten ihre volle Wirkung. Im Oktober 2027 endet die Amtszeit von EZB-Präsidentin Lagarde – die Nachfolge entscheidet mit über den Kurs der Geldpolitik.
Merke
  • Der Zins ist das zentrale Steuerungsinstrument der Wirtschaft – und zugleich ein Instrument der Umverteilung.
  • 2008–2021: Nullzins → Entlastung für Staat und Schuldner, Belastung für Sparer.
  • 2022–2023: Zinsschock → Immobilienkrise, Zinslast des Staates verzehnfacht.
  • 2026: neue Zinswende nach einem Energieschock, unter den Bedingungen hoher Schulden und politischen Drucks.
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Zum Nachschlagen

Zeitleiste 1957–2026

Die wichtigsten Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Über die Schaltflächen lassen sich einzelne Bereiche auswählen.

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    Wer war wer?

    Wichtige Personen

    Die Personen sind grob nach dem Zeitraum geordnet, in dem sie für die Zinspolitik wichtig wurden.

    Ökonom

    Irving Fisher

    1867 – 1947

    Amerikanischer Ökonom, beschrieb den Zusammenhang von Nominalzins, Realzins und erwarteter Inflation („Fisher-Gleichung“).

    Ökonom

    Milton Friedman

    1912 – 2006

    Begründer des Monetarismus. Seine These, Inflation sei stets ein Phänomen zu viel Geldes, prägte die Bundesbank und die Fed der 1970er und 1980er Jahre.

    Bundesbankpräsident 1977–1979

    Otmar Emminger

    1911 – 1986

    Verteidigte die Unabhängigkeit der Bundesbank beim Eintritt in das Europäische Währungssystem; Symbol der deutschen Stabilitätskultur.

    Fed-Vorsitzender 1979–1987

    Paul Volcker

    1927 – 2019

    Brach die amerikanische Inflation mit Leitzinsen von bis zu 20 Prozent; bis heute Vorbild für entschlossene Inflationsbekämpfung.

    Bundesbankpräsident 1980–1991

    Karl Otto Pöhl

    1929 – 2014

    Führte die Bundesbank durch die 1980er Jahre und die deutsch-deutsche Währungsunion, deren Umtauschkurs er kritisch sah.

    Ökonom

    John B. Taylor

    geb. 1946

    Stanford-Ökonom, formulierte 1993 die nach ihm benannte Faustregel für den angemessenen Leitzins.

    EZB-Präsident 1998–2003

    Wim Duisenberg

    1935 – 2005

    Erster Präsident der EZB; baute die neue Notenbank nach dem Vorbild der Bundesbank auf.

    EZB-Präsident 2003–2011

    Jean-Claude Trichet

    geb. 1942

    Führte die EZB durch die Finanzkrise; seine Zinserhöhungen von 2008 und 2011 gelten vielen als Fehler.

    Fed-Vorsitzender 2006–2014

    Ben Bernanke

    geb. 1953

    Senkte die US-Zinsen in der Finanzkrise auf null und führte umfangreiche Anleihekäufe ein; erhielt 2022 den Wirtschaftsnobelpreis für Forschung zu Banken und Finanzkrisen.

    EZB-Präsident 2011–2019

    Mario Draghi

    geb. 1947

    Rettete mit „Whatever it takes“ den Euro; verantwortete Negativzinsen und Anleihekäufe. In Deutschland stark kritisiert.

    Bundesfinanzminister 2009–2017

    Wolfgang Schäuble

    1942 – 2023

    Stand für die „schwarze Null“, die auch dank sinkender Zinsausgaben möglich wurde; kritisierte zugleich die Folgen der Nullzinspolitik für Sparer.

    Bundesbankpräsident 2011–2021

    Jens Weidmann

    geb. 1968

    Wichtigster Kritiker der Anleihekäufe im EZB-Rat; trat Ende 2021 vorzeitig zurück.

    Gouverneur der Bank of Japan 2013–2023

    Haruhiko Kuroda

    geb. 1944

    Führte Japan 2016 in Negativzinsen und kaufte in gewaltigem Umfang Anleihen und sogar Aktienfonds.

    EZB-Präsidentin seit 2019

    Christine Lagarde

    geb. 1956

    Verantwortet die späte Zinswende 2022, den Zinsschock und die erneuten Erhöhungen 2026. Ihre Amtszeit endet im Oktober 2027.

    Fed-Vorsitzender 2018–2026

    Jerome Powell

    geb. 1953

    Bezeichnete die Inflation 2021 zunächst als vorübergehend, erhöhte dann so schnell wie seit Volcker nicht. Stand ab 2025 unter massivem Druck des Präsidenten.

    EZB-Direktorin seit 2020

    Isabel Schnabel

    geb. 1971

    Deutsche Ökonomin im EZB-Direktorium, zuständig für die Marktoperationen; gilt als einflussreiche Stimme für eine wachsame Inflationsbekämpfung.

    Bundesfinanzminister 2021–2024

    Christian Lindner

    geb. 1979

    Musste die Verzehnfachung der Zinsausgaben des Bundes verkraften und verteidigte mit diesem Argument die Schuldenbremse.

    Bundesbankpräsident seit 2022

    Joachim Nagel

    geb. 1966

    Warnte im Zinsschock vor zu früher Lockerung; verantwortet die Verluste der Bundesbank als vorübergehende Folge der Geldpolitik.

    Gouverneur der Bank of Japan seit 2023

    Kazuo Ueda

    geb. 1951

    Beendete 2024 die Negativzinsen in Japan und hob den Leitzins bis September 2026 auf 1,25 Prozent.

    Fed-Vorsitzender seit 2026

    Kevin Warsh

    geb. 1970

    Von Trump nominiert, erhöhte im September 2026 dennoch die Zinsen. Setzt auf weniger Vorab-Signale und hofft auf Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz.

    Bundesfinanzminister seit 2025

    Lars Klingbeil

    geb. 1978

    Verantwortet die höhere Verschuldung für Verteidigung und Infrastruktur – und die steigende Zinslast des Bundes.

    17
    Wichtige Begriffe

    Glossar

    Angebotsschock
    Plötzliche Verknappung oder Verteuerung wichtiger Güter wie Öl oder Gas. Er treibt die Preise und dämpft zugleich die Produktion.
    Anleihe
    Schuldverschreibung, mit der sich Staaten oder Unternehmen am Kapitalmarkt Geld leihen. Der Käufer erhält feste Zinsen und am Ende den Nennwert zurück.
    Anleihekaufprogramm
    Kauf großer Mengen von Anleihen durch eine Zentralbank (auch „quantitative Lockerung“). Er drückt die langfristigen Zinsen und bringt zusätzliches Geld in das Finanzsystem.
    Basispunkt
    Ein Hundertstel Prozentpunkt. Eine Erhöhung um 25 Basispunkte entspricht 0,25 Prozentpunkten.
    Carry-Trade
    Geschäft, bei dem Anleger Geld in einer Währung mit niedrigen Zinsen leihen und in einer Währung mit höheren Zinsen anlegen. Es lohnt sich, solange die Zinsdifferenz groß und der Wechselkurs stabil bleibt.
    Deflation
    Anhaltend sinkendes Preisniveau. Sie kann eine Abwärtsspirale auslösen, weil Verbraucher Käufe aufschieben und Schulden real schwerer wiegen.
    Einlagesatz
    Zins, den Banken für Guthaben bei der Zentralbank erhalten oder zahlen. Seit 2024 der maßgebliche Steuerungszins der EZB.
    EZB-Rat
    Oberstes Entscheidungsgremium der EZB aus den sechs Mitgliedern des Direktoriums und den Präsidenten der nationalen Zentralbanken des Euroraums, darunter der Bundesbankpräsident.
    Federal Reserve (Fed)
    Zentralbank der USA, gegründet 1913. Ihr Leitzins ist ein Zielkorridor für den Zins, zu dem sich Banken über Nacht gegenseitig Geld leihen.
    Fiskalische Dominanz
    Zustand, in dem eine Zentralbank ihre Zinsen nicht mehr nach der Inflation, sondern nach der Finanzierbarkeit der Staatsschulden ausrichtet. Er gilt als Weg zu dauerhaft höherer Inflation.
    Forward Guidance
    Ankündigung einer Zentralbank über ihren künftigen Kurs. Sie soll die Erwartungen und damit die langfristigen Zinsen lenken.
    Hauptrefinanzierungssatz
    Zins, zu dem sich Banken bei der EZB regelmäßig gegen Sicherheiten Geld leihen. Lange der bekannteste „Leitzins“; seit September 2024 liegt er 0,15 Prozentpunkte über dem Einlagesatz.
    HVPI
    Harmonisierter Verbraucherpreisindex. Europaweit einheitlich berechnete Inflationsrate, an der sich die EZB orientiert.
    Inflation
    Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, gemessen als Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat. Sie bedeutet einen Verlust an Kaufkraft des Geldes.
    Inflationserwartungen
    Die Inflation, mit der Haushalte, Unternehmen und Anleger für die Zukunft rechnen. Sie beeinflussen Lohnforderungen und Preissetzung und gelten als Schlüssel der Geldpolitik.
    Kerninflation
    Inflationsrate ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel. Sie zeigt den grundlegenden Preistrend.
    Leitzins
    Von der Zentralbank festgelegter kurzfristiger Zinssatz, über den sie das gesamte Zinsniveau beeinflusst.
    Mandat
    Gesetzlicher Auftrag einer Zentralbank. Die EZB ist vorrangig der Preisstabilität verpflichtet, die Fed zusätzlich einer hohen Beschäftigung.
    Negativzins
    Zinssatz unter null: Der Geldgeber zahlt dafür, dass er Geld anlegt. Die EZB berechnete Banken von 2014 bis 2022 negative Zinsen auf Einlagen.
    Neutraler Zins
    Gedachter Zinssatz, bei dem die Geldpolitik die Wirtschaft weder anregt noch bremst. Er lässt sich nicht beobachten, nur schätzen.
    Realzins
    Nominalzins abzüglich der Inflationsrate. Er zeigt, wie sich die Kaufkraft eines Guthabens oder die tatsächliche Last eines Kredits entwickelt.
    Rendite
    Tatsächlicher jährlicher Ertrag einer Anlage, etwa einer Anleihe, bezogen auf ihren Kaufpreis. Steigt der Kurs einer Anleihe, sinkt ihre Rendite und umgekehrt.
    Risikoaufschlag (Spread)
    Zinsunterschied zwischen einer Anleihe und einer als besonders sicher geltenden Vergleichsanleihe, im Euroraum meist der Bundesanleihe.
    Schuldenbremse
    Regel im Grundgesetz seit 2009, die die Neuverschuldung von Bund und Ländern begrenzt. 2025 für Verteidigung und ein Infrastruktur-Sondervermögen gelockert.
    Stagflation
    Gleichzeitiges Auftreten von wirtschaftlicher Stagnation und hoher Inflation, wie in den 1970er Jahren.
    Taylor-Regel
    Faustregel für den angemessenen Leitzins in Abhängigkeit von Inflation und Auslastung der Wirtschaft, 1993 von John B. Taylor vorgeschlagen.
    TPI
    Transmission Protection Instrument. Seit 2022 bestehendes Instrument, mit dem die EZB Anleihen einzelner Euroländer kaufen kann, wenn deren Zinsen ungerechtfertigt stark steigen. Bisher nie eingesetzt.
    Transmission
    Übertragungsweg, über den eine Leitzinsänderung auf Marktzinsen, Kredite, Nachfrage und schließlich auf die Preise wirkt.
    Verwahrentgelt
    Gebühr, die Banken in der Negativzinsphase für größere Guthaben verlangten. Der Bundesgerichtshof erklärte die verwendeten Klauseln 2025 für unwirksam.
    Zinsdifferenz
    Unterschied der Zinsniveaus zwischen zwei Währungsräumen. Er beeinflusst Kapitalströme und Wechselkurse.
    Zinsstrukturkurve
    Darstellung der Zinsen für Anleihen eines Schuldners nach ihrer Laufzeit. Normalerweise sind lange Laufzeiten höher verzinst als kurze.
    Zinswende
    Umkehr der Zinsrichtung nach einer längeren Phase sinkender oder steigender Zinsen, etwa im Juli 2022 und im Juni 2026.
    Zweitrundeneffekte
    Wenn ein ursprünglicher Preisschub – etwa bei Energie – höhere Löhne und weitere Preiserhöhungen auslöst. Sie können eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen.
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    Zum Weiterlesen

    Quellen & Weiterlesen

    Hinweis: Inflationsraten werden von den Statistikämtern nachträglich überarbeitet; Monatswerte für 2026 sind teils vorläufige Schätzungen. Markt- und Zinsdaten schwanken täglich und sind gerundet. Die Szenarien in Kapitel 13 sind eigene Gedankenspiele auf Grundlage der genannten Quellen und keine Anlageberatung.

    Zentralbanken und amtliche Statistik

    Forschung und Analysen

    Berichterstattung

    Bücher zum Vertiefen

    • Deutsche Bundesbank: Geld und Geldpolitik. Lehrbuch, Frankfurt am Main (laufend aktualisiert, online verfügbar).
    • Otmar Issing: Einführung in die Geldtheorie. München (Vahlen), zahlreiche Auflagen.
    • Ben S. Bernanke: 21st Century Monetary Policy. The Federal Reserve from the Great Inflation to COVID-19. New York 2022.
    • Paul A. Volcker, Christine Harper: Keeping At It. The Quest for Sound Money and Good Government. New York 2018.
    • Edward Chancellor: The Price of Time. The Real Story of Interest. London 2022.
    • Hans-Werner Sinn: Die wundersame Geldvermehrung. Staatsverschuldung, Negativzinsen, Inflation. Freiburg 2021.