Überblick: Worum geht es?
Venture Capital ist Geld, das auf das Unwahrscheinliche setzt. Es finanziert Unternehmen, die noch keinen Gewinn machen, oft noch nicht einmal ein fertiges Produkt haben – in der Hoffnung, dass eines von vielen so groß wird, dass es alle Verluste ausgleicht.
Auf Deutsch heißt Venture Capital Wagniskapital oder Risikokapital. Gemeint ist Eigenkapital, das spezialisierte Investoren jungen, schnell wachsenden Unternehmen geben, den Start-ups. Im Gegenzug erhalten sie Anteile an diesen Firmen. Zinsen oder feste Rückzahlungen gibt es nicht. Verdient wird nur, wenn das Unternehmen später an die Börse geht oder verkauft wird – den sogenannten Exit.
Gemessen an der gesamten Wirtschaft ist Venture Capital ein kleiner Teil der Finanzwelt. Seine Wirkung ist trotzdem gewaltig: Viele der wertvollsten Unternehmen der Welt – Apple, Google, Amazon, Nvidia, Meta – wurden in ihrer Frühphase mit Wagniskapital finanziert. Seit 2023 ist der Sektor zum wichtigsten Geldgeber der künstlichen Intelligenz geworden. Im dritten Quartal 2026 floss fast zwei Drittel des weltweiten Wagniskapitals in KI-Unternehmen.
Dieses Dossier erklärt zuerst, wie die Branche funktioniert: woher das Geld kommt, warum die Rechnung nur mit wenigen extremen Erfolgen aufgeht, wie ein Unternehmen bewertet wird und was in einem Beteiligungsvertrag steht. Danach folgt die Geschichte von 1946 bis heute, ein Kapitel über Europa und Deutschland, eines über die Schattenseiten und schließlich ein Blick auf die Lage im Herbst 2026.
Warum gerade 1946 und 2026?
Die erste Wagnisgesellschaft
In Boston gründen der Harvard-Professor Georges Doriot und Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft die American Research and Development Corporation (ARD). Sie gilt als erste echte Venture-Capital-Firma: Sie sammelt Geld von Anlegern ein und wählt in deren Auftrag junge Technologieunternehmen aus. 1957 investiert sie 70.000 Dollar in die Digital Equipment Corporation – die erste große Erfolgsgeschichte der Branche.
Das Jahr der Rekorde
Die KI-Firma OpenAI sammelt im März 122 Milliarden Dollar ein, Anthropic im Mai 65 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden. SpaceX geht im Juni mit dem größten Börsengang der Geschichte an die Börse. In den ersten neun Monaten fließen weltweit 679 Milliarden Dollar Wagniskapital – so viel wie nie zuvor. Zugleich bekommen kleine Fonds und junge Gründer immer schwerer Geld. Das Dossier endet mit dem Stand Anfang Oktober 2026.
Die Geschichte in vier Abschnitten
- Wagniskapitalfonds sammeln Geld von großen Anlegern wie Pensionskassen, Stiftungen und Staatsfonds ein und investieren es über etwa zehn Jahre in junge Unternehmen mit sehr hohem Wachstumspotenzial.
- Die meisten dieser Unternehmen scheitern oder bringen wenig ein; ein einziger großer Treffer muss den ganzen Fonds tragen – dieses Potenzgesetz bestimmt alles, was Investoren tun.
- Geld fließt in Stufen (Seed, Serie A, B, C …); bei jeder Runde steigt idealerweise die Bewertung, und die Anteile der Gründer werden kleiner.
- Seit 1946 hat sich die Branche von einer Handvoll Firmen in Boston und im Silicon Valley zu einem weltweiten Markt mit Hunderten Milliarden Dollar im Jahr entwickelt, mit Blasen und Abstürzen um 2000, 2021 und womöglich auch jetzt.
- Im KI-Boom 2026 konzentriert sich das Geld wie nie zuvor auf wenige Unternehmen und wenige große Fonds; Europa und Deutschland holen auf, liegen aber weiter weit hinter den USA.
Der rote Faden
Wer Venture Capital verstehen will, kann einer Kette von Ursachen und Folgen folgen. Sie beginnt bei der Herkunft des Geldes und endet bei der Frage, ob es zurückkommt.
- 1Anleger geben KapitalPensionskassen, Stiftungen, Staatsfonds
- 2Fonds wählen Start-upswenige aus Tausenden
- 3FinanzierungsrundenGeld gegen Anteile
- 4Wachstum vor GewinnVerluste sind eingeplant
- 5Potenzgesetzwenige Treffer, viele Ausfälle
- 6ExitBörsengang oder Verkauf
- 7Rückfluss an AnlegerGrundlage für den nächsten Fonds
Ein zweiter Faden zieht sich durch die ganze Geschichte: Wagniskapital hängt vom Zins ab. Ist Geld billig, suchen Anleger nach höheren Erträgen und stecken mehr in riskante Anlagen; die Bewertungen steigen. Steigen die Zinsen, sinkt der heutige Wert künftiger Gewinne, und die Blase schrumpft. Die Nullzinsjahre bis 2021 und der Zinsschock 2022 haben die Branche deshalb ebenso geprägt wie jede technische Erfindung. Wie Zinsen wirken, erklärt das Dossier „Vom Nullzins zur neuen Zinswende“.
Zahlen zum Wagniskapital stammen von privaten Datenanbietern wie Crunchbase, PitchBook oder Dealroom und von Beratungsfirmen wie EY. Sie zählen unterschiedlich – etwa ob Kredite, Konzernbeteiligungen oder sehr große Runden mitgerechnet werden – und überarbeiten ihre Werte laufend. Zahlen verschiedener Anbieter sind deshalb nicht direkt vergleichbar; das Dossier nennt jeweils die Quelle. Bewertungen privater Unternehmen sind keine Marktpreise, sondern Verhandlungsergebnisse einzelner Runden. Die Szenarien in Kapitel 13 sind Gedankenspiele und keine Anlageempfehlungen.
- Venture Capital = Eigenkapital für junge, schnell wachsende Unternehmen gegen Anteile → Ertrag nur beim Exit.
- 1946: ARD in Boston → Beginn der modernen Branche.
- Potenzgesetz: wenige Treffer tragen den ganzen Fonds.
- Zinsen bestimmen, wie viel Geld in den Sektor fließt und wie hoch Start-ups bewertet werden.
- 2026: Rekordsummen, aber extreme Konzentration auf KI und wenige Großfonds.
Was ist Venture Capital?
Ein junges Unternehmen ohne Gewinn, ohne Sicherheiten und mit ungewisser Zukunft bekommt von keiner Bank einen Kredit. Genau diese Lücke füllt Wagniskapital – zu einem hohen Preis.
2.1 Warum Banken keine Start-ups finanzieren
Eine Bank verdient an Zinsen. Bekommt sie ihr Geld zurück, erhält sie vielleicht fünf oder sechs Prozent im Jahr; fällt der Kredit aus, verliert sie alles. Wenn von zehn Start-ups sieben scheitern, kann kein Zinssatz diese Verluste ausgleichen. Ein Investor, der Anteile kauft, hat dagegen eine andere Rechnung: Er verliert bei einem Fehlschlag ebenfalls seinen Einsatz, gewinnt bei einem Erfolg aber nicht nur einen Zins, sondern einen Anteil am gesamten Wertzuwachs – unter Umständen das Hundertfache. Diese unbegrenzte Gewinnchance ist der Grund, warum Wagniskapital als Eigenkapital vergeben wird.
Für die Gründer ist das teuer. Sie geben einen Teil ihres Unternehmens ab, oft am Ende die Mehrheit. Dafür müssen sie nichts zurückzahlen, wenn die Idee scheitert, und bekommen neben dem Geld meist Erfahrung, Kontakte und Glaubwürdigkeit.
2.2 Was ein „Start-up“ im Sinne der Branche ist
Nicht jedes neue Unternehmen ist für Wagniskapital geeignet. Eine Bäckerei, eine Steuerkanzlei oder ein Handwerksbetrieb können sehr erfolgreich sein, wachsen aber nicht um das Hundertfache. Venture-Capital-Investoren suchen Firmen mit drei Merkmalen:
Großer Markt
Das Produkt muss Millionen Kunden oder sehr große Unternehmen erreichen können. Ein kleiner Nischenmarkt reicht nicht, selbst wenn das Unternehmen dort Marktführer wird.
Skalierbarkeit
Die Kosten dürfen nicht im gleichen Maß wachsen wie der Umsatz. Software ist das klassische Beispiel: Eine weitere Kopie kostet fast nichts.
Technischer oder struktureller Vorsprung
Neue Technik, Netzwerkeffekte oder Patente sollen verhindern, dass Konkurrenten den Erfolg einfach nachahmen.
Typische Branchen waren deshalb zuerst Elektronik und Halbleiter, dann Biotechnologie, Software, Internet und Mobilfunk; heute sind es vor allem künstliche Intelligenz, Raumfahrt, Robotik, Energie und – in Europa zunehmend – Verteidigungstechnik.
2.3 Die Stufen der Finanzierung
Ein Start-up erhält sein Geld nicht auf einmal, sondern in Finanzierungsrunden. Jede Runde soll das Unternehmen bis zum nächsten Meilenstein bringen, an dem es mehr wert ist. Die Bezeichnungen sind in den USA entstanden und werden weltweit verwendet; die Beträge haben sich in den vergangenen Jahren stark erhöht und schwanken je nach Branche.
| Stufe | Typische Geldgeber | Wofür das Geld dient | Größenordnung |
|---|---|---|---|
| Pre-Seed | Gründer selbst, Familie, Business Angels, Accelerator | Idee prüfen, erster Prototyp | bis etwa 1 Mio. € |
| Seed | Angels, spezialisierte Seed-Fonds, in Deutschland oft der High-Tech Gründerfonds | Produkt fertigstellen, erste Kunden | etwa 1 bis 5 Mio. € |
| Serie A | Wagniskapitalfonds | Nachweis, dass Kunden das Produkt wollen; Vertrieb aufbauen | etwa 5 bis 25 Mio. € |
| Serie B und C | größere Fonds, internationale Investoren | Wachstum, neue Märkte, Übernahmen | zweistellige bis dreistellige Millionenbeträge |
| Wachstums- oder Spätphase | Wachstumsfonds, Staatsfonds, Konzerne, Hedgefonds | Vorbereitung auf Börsengang oder Verkauf | von hundert Millionen bis – im KI-Boom – zweistellige Milliardenbeträge |
2.4 Die Akteure
Gründerinnen und Gründer
Sie haben die Idee, bauen das Unternehmen auf und halten zu Beginn alle Anteile. Ihr Anreiz: ein großer Wert ihrer verbleibenden Anteile beim Exit.
Business Angels
Vermögende Privatpersonen, oft frühere Gründer, die eigenes Geld in sehr junge Firmen stecken und mit Rat helfen.
Wagniskapitalfonds
Professionelle Investoren, die fremdes Geld verwalten. Die Manager heißen General Partner, die Geldgeber Limited Partner (siehe Kapitel 3).
Konzerne
Unternehmen wie Google, Nvidia, Siemens oder Bosch investieren über eigene Einheiten (Corporate Venture Capital) – oft aus strategischen Gründen, um Zugang zu neuer Technik zu bekommen.
Staat und Förderbanken
In Deutschland vor allem die KfW und ihre Tochter KfW Capital sowie der High-Tech Gründerfonds; in den USA Programme seit 1958. Sie investieren selbst oder in private Fonds.
Neue Großinvestoren
Staatsfonds aus Singapur, Abu Dhabi oder Saudi-Arabien, Vermögensverwalter und Hedgefonds investieren seit etwa 2015 in sehr großen Runden mit.
2.5 Abgrenzung: Venture Capital und Private Equity
Beide Begriffe werden oft vermischt. Private Equity im engeren Sinn kauft meist reife, profitable Unternehmen ganz oder mehrheitlich, finanziert den Kauf zu einem großen Teil mit Krediten und versucht, durch Umbau den Wert zu steigern. Venture Capital kauft dagegen Minderheitsanteile an jungen, meist verlustreichen Unternehmen und nimmt kaum Kredite auf. Es setzt nicht auf Effizienz, sondern auf Wachstum.
| Merkmal | Venture Capital | Private Equity (Buy-out) |
|---|---|---|
| Zielunternehmen | jung, wachsend, meist ohne Gewinn | etabliert, profitabel |
| Anteil | Minderheit, oft 10 bis 25 Prozent je Runde | Mehrheit oder ganzes Unternehmen |
| Fremdkapital | kaum | hoch |
| Erwartetes Ergebnis je Beteiligung | meist Verlust, selten ein Vielfaches | meist moderater Gewinn, selten Totalverlust |
| Wichtigster Hebel | Wachstum und Marktführerschaft | Kostensenkung, Umbau, Finanzierungsstruktur |
Mehrere Bedingungen kamen dort zusammen: große Forschungsuniversitäten wie Stanford, MIT und Harvard; Rüstungs- und Raumfahrtaufträge des Staates, die nach 1945 und im Kalten Krieg Technikfirmen hervorbrachten; ein großer einheitlicher Binnenmarkt; eine Kultur, in der Scheitern kein Makel ist; und – entscheidend – Pensionsfonds und Universitätsstiftungen, die ab 1979 Geld in riskante Anlagen stecken durften. Europa hatte die Forschung, aber lange weder den einheitlichen Markt noch die großen Anlegergelder (siehe Kapitel 11).
- Banken finanzieren keine Start-ups, weil Zinsen hohe Ausfallquoten nicht ausgleichen → Eigenkapital gegen Anteile.
- Wagniskapital sucht großen Markt, Skalierbarkeit und Vorsprung.
- Finanzierung in Stufen: Pre-Seed → Seed → Serie A, B, C → Wachstumsphase.
- Venture Capital = Minderheitsanteile an jungen Firmen; Private Equity = Kauf reifer Firmen mit Krediten.
Die Fondsmaschine: Wer gibt das Geld?
Wagniskapitalgeber investieren selten ihr eigenes Geld. Sie verwalten Fonds, in die andere Anleger einzahlen – und dieser Aufbau erklärt vieles, was Start-ups und Investoren tun.
3.1 General Partner und Limited Partner
Ein Wagniskapitalfonds ist in den USA meist als Limited Partnership organisiert, in Deutschland oft als GmbH & Co. KG. Es gibt zwei Rollen:
- Die General Partner (GP) sind die Fondsmanager – die „VCs“ im engeren Sinn. Sie suchen Start-ups aus, verhandeln, sitzen in Aufsichtsgremien und entscheiden über Verkäufe. Sie zahlen meist nur ein bis zwei Prozent des Fondsvolumens selbst ein.
- Die Limited Partner (LP) stellen fast das ganze Kapital, haben aber kein Mitspracherecht bei einzelnen Investitionen. Ihre Haftung ist auf ihre Einlage beschränkt.
Pensionsfonds
Die größte Gruppe in den USA. Pensionskassen von Lehrern oder Staatsbediensteten legen einen kleinen Teil ihres Vermögens in Wagniskapital an, in der Hoffnung auf höhere Erträge als an der Börse.
Stiftungen und Universitäten
Die Stiftungsvermögen von Yale, Harvard oder Stanford investieren traditionell besonders viel in Wagniskapital, weil sie sehr langfristig planen.
Staatsfonds und Versicherer
Staatsfonds wie GIC aus Singapur oder die Fonds der Golfstaaten sind seit den 2010er Jahren wichtige Geldgeber, auch direkt in großen Runden.
Family Offices und Dachfonds
Vermögende Familien und Dachfonds, die das Geld mehrerer Anleger auf viele Fonds verteilen.
3.2 Der Lebenslauf eines Fonds
Ein klassischer Fonds hat eine Laufzeit von etwa zehn Jahren, oft mit Verlängerungsmöglichkeit um zwei bis drei Jahre. Die Anleger überweisen das Geld nicht sofort, sondern sagen es nur zu. Der Fonds ruft es nach Bedarf ab (Capital Call).
Phase I bis III eines Wagniskapitalfonds
rund 10–12 Jahre- Jahr 0Fundraising: Die Manager werben ein bis zwei Jahre lang Zusagen von Anlegern ein. Erfolgreiche Teams sammeln für jeden neuen Fonds mehr Geld ein.
- Jahr 1–4Investitionsphase: Der Fonds beteiligt sich an 20 bis 40 Start-ups. Ein großer Teil des Geldes – oft die Hälfte – wird für spätere Runden der besten Firmen zurückgehalten.
- Jahr 4–8Aufbauphase: Nachfinanzierungen, Begleitung, erste Ausfälle und erste kleine Verkäufe.
- Jahr 7–12Erntephase: Börsengänge und Verkäufe; die Erlöse werden an die Anleger ausgeschüttet. Danach wird der Fonds aufgelöst.
Ergebnis: Weil die Fonds überlappen, legt ein erfolgreiches Team etwa alle drei Jahre einen neuen Fonds auf. Um ihn einzuwerben, muss es frühere Erfolge vorweisen – und braucht dafür Exits.
3.3 „Zwei und zwanzig“: Wie die Manager verdienen
Die Vergütung folgt seit Jahrzehnten einem Muster, das in der Branche „2 and 20“ heißt:
- Eine Verwaltungsgebühr von etwa zwei Prozent des zugesagten Kapitals pro Jahr. Sie bezahlt Gehälter, Büros und Prüfungen – unabhängig vom Erfolg.
- Eine Gewinnbeteiligung, der Carried Interest, von meist 20 Prozent des Gewinns, sobald die Anleger ihr eingezahltes Kapital zurückerhalten haben. Sehr gefragte Fonds verlangen 25 oder 30 Prozent.
| Rechenbeispiel: Fonds mit 100 Mio. € | Betrag | Erläuterung |
|---|---|---|
| Zugesagtes Kapital | 100 Mio. € | von den Limited Partnern |
| Gebühren über die Laufzeit | rund 20 Mio. € | zwei Prozent jährlich, in späteren Jahren oft geringer |
| Tatsächlich investiert | rund 80 Mio. € | in etwa 25 Start-ups einschließlich Nachfinanzierungen |
| Erlöse aus allen Exits | 300 Mio. € | das ist ein sehr guter Fonds |
| Gewinn über dem eingezahlten Kapital | 200 Mio. € | 300 minus 100 |
| Carried Interest (20 %) | 40 Mio. € | geht an die Fondsmanager |
| Ausschüttung an die Anleger | 260 Mio. € | das 2,6-Fache ihres Einsatzes nach etwa zehn bis zwölf Jahren |
Vereinfacht gerechnet – als wäre das ganze Geld am ersten Tag eingezahlt worden – entspricht ein 2,6-Faches in elf Jahren einer jährlichen Rendite von gut neun Prozent; weil das Kapital tatsächlich nach und nach abgerufen wird, liegt die echte Jahresrendite etwas höher. Das klingt gut, ist aber nur wenig mehr, als ein breiter Aktienindex in guten Jahrzehnten bringt – bei weit höherem Risiko und ohne die Möglichkeit, jederzeit zu verkaufen. Ein durchschnittlicher Fonds liegt deutlich darunter (siehe Kapitel 4).
3.4 Wie Erfolg gemessen wird
TVPI
Gesamtwert im Verhältnis zum eingezahlten Kapital – ausgeschüttetes Geld plus geschätzter Wert der noch gehaltenen Anteile. Er enthält also auch Bewertungen auf dem Papier (TVPI).
DPI
Nur das tatsächlich zurückgezahlte Geld im Verhältnis zum Eingezahlten. Anleger sagen: „DPI ist das, was zählt“ (DPI).
IRR
Der interne Zinsfuß, also die jährliche Rendite unter Berücksichtigung, wann Geld floss. Er belohnt schnelle Rückzahlungen.
Typisch für einen Wagniskapitalfonds ist die J-Kurve: In den ersten Jahren ist die Rendite negativ, weil Gebühren anfallen und Fehlschläge früher sichtbar werden als Erfolge. Erst nach fünf bis acht Jahren steigt die Kurve, wenn überhaupt.
- Die Uhr läuft: Nach etwa zehn Jahren muss der Fonds verkaufen. Investoren drängen deshalb manchmal auf einen Exit, auch wenn die Gründer weiter wachsen wollen.
- Gebühren belohnen Größe: Zwei Prozent von einer Milliarde sind 20 Millionen im Jahr, egal wie der Fonds abschneidet. Große Fonds verdienen schon an der Verwaltung gut; Kritiker sehen darin einen Anreiz, immer größere Fonds aufzulegen.
- Der nächste Fonds zählt: Hohe Papierbewertungen im laufenden Fonds helfen beim Einwerben des nächsten. Das kann Bewertungen in Boomzeiten zusätzlich treiben.
Das System funktioniert nur, solange Geld zurückfließt. Nach 2021 blieben Börsengänge und Verkäufe jahrelang aus. Anleger erhielten wenig zurück und konnten deshalb weniger in neue Fonds geben. Laut PitchBook und dem US-Branchenverband NVCA sammelten US-Wagniskapitalfonds 2025 nur noch rund 66 bis 67 Milliarden Dollar ein – der niedrigste Wert seit vielen Jahren und weniger als ein Drittel des Höchststands von 2022. Die Zahl der Erstfonds neuer Teams fiel 2025 auf 101, den niedrigsten Stand seit 2011. Gleichzeitig konzentrierte sich das Geld auf wenige Namen: Die zehn größten Fonds erhielten fast ein Drittel aller Zusagen. Andreessen Horowitz allein meldete im Januar 2026 neue Fonds über mehr als 15 Milliarden Dollar. Zugleich lag bei den großen Fonds viel zugesagtes, aber noch nicht investiertes Kapital bereit (Dry Powder).
- GP = Fondsmanager, LP = Geldgeber (Pensionsfonds, Stiftungen, Staatsfonds).
- Laufzeit rund zehn Jahre → Investieren, Aufbauen, Ernten.
- „2 and 20“: zwei Prozent Gebühr, 20 Prozent Gewinnbeteiligung.
- DPI misst echtes zurückgezahltes Geld, TVPI enthält Papierwerte; typisch ist die J-Kurve.
- Ohne Exits keine Ausschüttungen → ohne Ausschüttungen kein neues Fondskapital.
Das Potenzgesetz: Warum wenige Treffer alles entscheiden
Die meisten Geldanlagen schwanken um einen Durchschnitt. Beim Wagniskapital gibt es keinen sinnvollen Durchschnitt: Ein einziger Erfolg kann mehr einbringen als alle anderen Beteiligungen zusammen.
4.1 Glockenkurve und Potenzgesetz
Viele Dinge im Alltag sind „normalverteilt“: Die meisten Menschen sind ungefähr gleich groß, sehr kleine und sehr große sind selten, und niemand ist zehnmal so groß wie der Durchschnitt. Die Erträge von Start-ups folgen dagegen einem Potenzgesetz: Sehr viele Beteiligungen bringen nichts oder wenig, ganz wenige bringen ein Vielfaches – und der größte Treffer ist oft um Größenordnungen größer als der zweitgrößte. Der Begriff stammt aus der Mathematik und Physik; durch das Buch The Power Law des Journalisten Sebastian Mallaby (2022) wurde er auch außerhalb der Branche bekannt.
4.2 Was die Daten zeigen
Horsley Bridge
Der Dachfonds Horsley Bridge, der in Hunderte Wagniskapitalfonds investiert hat, wertete rund 7.000 Beteiligungen aus drei Jahrzehnten aus: Etwa 6 Prozent der Investitionen – mit nur rund 4,5 Prozent des eingesetzten Geldes – brachten rund 60 Prozent aller Erträge.
Correlation Ventures
Eine Auswertung von über 21.000 Finanzierungen der Jahre 2004 bis 2013 ergab: Rund zwei Drittel brachten weniger als das eingesetzte Geld zurück, nur etwa jede zehnte mehr als das Fünffache.
Die besten Fonds verlieren öfter
Ein überraschender Befund der Horsley-Bridge-Daten: Die erfolgreichsten Fonds hatten nicht weniger, sondern eher mehr Fehlschläge als mittelmäßige. Sie gingen größere Risiken ein und hatten dafür die größeren Treffer.
4.3 Ein Fonds in Zahlen
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein vereinfachtes Beispiel für den Fonds aus Kapitel 3: 80 Millionen Euro, verteilt auf 25 Start-ups mit je 3,2 Millionen Euro.
| Ergebnis | Anzahl | Vielfaches des Einsatzes | Rückfluss |
|---|---|---|---|
| Totalverlust | 13 | 0 | 0 Mio. € |
| Geld zurück | 7 | 1-fach | 22,4 Mio. € |
| Ordentlicher Verkauf | 3 | 3-fach | 28,8 Mio. € |
| Großer Erfolg | 1 | 10-fach | 32,0 Mio. € |
| Ausreißer | 1 | 70-fach | 224,0 Mio. € |
| Summe | 25 | rund 3,8-fach | 307,2 Mio. € |
Mehr als die Hälfte der Beteiligungen geht verloren, und doch ist der Fonds ein großer Erfolg. Das liegt fast nur an dem einen Ausreißer: Er allein bringt mehr als das Doppelte des gesamten Fonds zurück. Ohne ihn hätten die Anleger nach Gebühren Geld verloren. In der Branche heißt ein solches Unternehmen Fund Returner.
4.4 Die Rechnung rückwärts: Wie groß muss ein Erfolg sein?
Hält ein Fonds mit 100 Millionen Euro beim Verkauf eines Unternehmens noch 10 Prozent der Anteile, muss dieses Unternehmen für eine Milliarde Euro verkauft werden, damit allein dieser Anteil den Fonds zurückzahlt. Bei einem Fonds von einer Milliarde Euro braucht es entsprechend einen Exit von zehn Milliarden. Daraus folgt eine harte Auswahlregel: Investoren interessieren sich nur für Firmen, die mit einiger Wahrscheinlichkeit Milliarden wert werden können. Ein solides Unternehmen, das in zehn Jahren 100 Millionen wert ist, kann für die Gründer ein Erfolg sein – für einen großen Fonds ist es fast bedeutungslos.
- Verpasste Chancen sind schlimmer als Fehlschläge: Wer in ein Unternehmen investiert, das scheitert, verliert höchstens den Einsatz. Wer das nächste Google ablehnt, verliert ein Vielfaches des ganzen Fonds.
- Gegen den Konsens setzen: Die größten Treffer wirken anfangs oft abwegig. Airbnb oder frühe KI-Labore galten vielen Investoren zunächst als unseriös.
- Gewinner nachfinanzieren: Fonds halten Reserven zurück, um in den erfolgreichsten Firmen ihren Anteil zu verteidigen (Pro-rata-Recht).
- Wachstum vor Gewinn: Investoren drängen Gründer zu schnellem Wachstum, weil nur der Marktführer den großen Wert erreicht. Mittelmaß ist für sie fast so schlecht wie Scheitern.
4.5 Lohnt sich Wagniskapital für die Anleger?
Für die Branche als Ganzes ist diese Frage umstritten. Die besten Fonds erzielen über Jahrzehnte weit höhere Renditen als die Börse, und viele Studien zeigen, dass erfolgreiche Teams häufiger als bei anderen Anlageformen erfolgreich bleiben – sie bekommen die besten Gründer, weil sie bekannt sind, und werden dadurch noch bekannter. Der Durchschnitt sieht schlechter aus. Die Kauffman-Stiftung, selbst ein großer Anleger, wertete 2012 ihre Beteiligungen an rund 100 Fonds aus und kam zu dem Schluss, dass die Mehrheit nach Gebühren nicht mehr erwirtschaftet hatte als ein vergleichbarer Aktienindex. Der Abstand zwischen dem besten und dem schwächsten Viertel der Fonds ist in kaum einer Anlageklasse so groß wie hier.
Die Fonds sind seit den 2000er Jahren um ein Vielfaches gewachsen, die Zahl der ganz großen Erfolge aber nicht im gleichen Maß. Kritiker halten es deshalb für fraglich, ob Fonds mit zehn oder mehr Milliarden Dollar noch die Renditen kleiner Frühphasenfonds erreichen können. Für sie braucht es Exits im Wert von Hunderten Milliarden – die es im KI-Boom zwar gibt, aber nur bei sehr wenigen Unternehmen.
- Potenzgesetz: rund 6 % der Beteiligungen → rund 60 % der Erträge (Horsley Bridge).
- Ein einziger Fund Returner entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Fonds.
- Fonds mit 100 Mio. € braucht einen Exit von rund 1 Mrd. €, um sich mit einer Beteiligung zurückzuzahlen.
- Folge: Suche nach Milliardenpotenzial, Wetten gegen den Konsens, Druck auf schnelles Wachstum.
- Spitzenfonds schlagen die Börse deutlich, der Durchschnitt oft nicht.
Der Deal: Bewertung, Anteile und Vertrag
Was ist ein Unternehmen wert, das keinen Gewinn macht? Die ehrliche Antwort lautet: so viel, wie ein Investor zu zahlen bereit ist. Die Bedingungen im Kleingedruckten sind dabei oft wichtiger als die Zahl in der Schlagzeile.
5.1 Pre-Money und Post-Money
Die Bewertung einer Finanzierungsrunde wird in zwei Zahlen angegeben. Die Pre-Money-Bewertung ist der Wert des Unternehmens vor dem neuen Geld, die Post-Money-Bewertung der Wert danach. Investiert ein Fonds 2 Millionen Euro bei einer Pre-Money-Bewertung von 8 Millionen, beträgt die Post-Money-Bewertung 10 Millionen – und der Fonds erhält 2 von 10, also 20 Prozent der Anteile. Wenn Medien melden, ein Start-up sei „eine Milliarde wert“, ist meist die Post-Money-Bewertung der letzten Runde gemeint.
5.2 Wie Bewertungen zustande kommen
Für junge Firmen gibt es keine Gewinne, die man mit einem Börsen-Multiplikator vergleichen könnte. Investoren nutzen deshalb vor allem drei Ansätze:
Die Venture-Capital-Methode
Man schätzt, was das Unternehmen bei einem Erfolg in sieben bis zehn Jahren wert sein könnte, und rechnet rückwärts mit einer Zielrendite. Erwartet ein Investor einen Exit von 500 Millionen Euro und will das Zehnfache verdienen, darf er heute höchstens zu 50 Millionen Euro einsteigen – vor Berücksichtigung späterer Verwässerung.
Vergleiche
Bewertungen ähnlicher Firmen, oft als Vielfaches des jährlichen wiederkehrenden Umsatzes. Im Software-Boom 2021 waren 50- oder 100-fache Umsätze keine Seltenheit; danach fielen die Vielfachen stark.
Verhandlung und Wettbewerb
Wollen mehrere Fonds in eine Runde, steigt der Preis. In Boomphasen bestimmt oft weniger die Rechnung als die Angst, einen Treffer zu verpassen.
Der Wert eines Unternehmens ergibt sich aus den Gewinnen, die es künftig erwirtschaftet, umgerechnet auf heute. Diese Abzinsung hängt vom Zins ab: Bei hohen Zinsen ist ein Euro Gewinn in zehn Jahren heute deutlich weniger wert als bei niedrigen. Start-ups erwarten ihre Gewinne erst weit in der Zukunft, ihre Bewertungen reagieren deshalb besonders stark. So erklärt sich, warum die Bewertungen in der Nullzinsphase bis 2021 so hoch stiegen und mit dem Zinsschock 2022 so stark fielen.
5.3 Verwässerung: ein Beispiel über drei Runden
Mit jeder Runde kommen neue Anteile hinzu. Die alten Eigentümer besitzen danach einen kleineren Prozentsatz, im Erfolgsfall aber von einem wertvolleren Unternehmen. Diesen Effekt nennt man Verwässerung. Die Eigentumsverhältnisse werden in der Cap Table festgehalten. Das folgende Beispiel ist vereinfacht; vor der Serie A wird ein Pool für Mitarbeiteranteile von 10 Prozent geschaffen, wie es üblich ist.
| Runde | Investition | Pre- / Post-Money | Gründer | Seed-Investor | Mitarbeiter-Pool | Serie A | Serie B |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Gründung | – | – | 100 % | – | – | – | – |
| Seed | 2 Mio. € | 8 / 10 Mio. € | 80 % | 20 % | – | – | – |
| Serie A | 10 Mio. € | 30 / 40 Mio. € | 52 % | 13 % | 10 % | 25 % | – |
| Serie B | 30 Mio. € | 120 / 150 Mio. € | 41,6 % | 10,4 % | 8 % | 20 % | 20 % |
Nach der Serie B halten die Gründer nur noch gut 40 Prozent – aber ihr Anteil ist auf dem Papier 62 Millionen Euro wert. Der Seed-Investor hat aus 2 Millionen Euro einen Papierwert von 15,6 Millionen gemacht, das 7,8-Fache. Ob davon jemals Geld fließt, entscheidet erst der Exit. Nach vier oder fünf weiteren Runden besitzen Gründer erfolgreicher Unternehmen häufig nur noch 10 bis 20 Prozent.
5.4 Das Term Sheet: Was im Kleingedruckten steht
Die wichtigsten Bedingungen einer Runde werden zuerst in einem kurzen Term Sheet festgehalten, bevor Anwälte die eigentlichen Verträge schreiben. Neben der Bewertung zählen vor allem diese Klauseln:
| Klausel | Was sie regelt | Warum sie wichtig ist |
|---|---|---|
| Liquidationspräferenz | Bei einem Verkauf erhalten die Investoren zuerst ihr Geld zurück (meist das Einfache), bevor die übrigen Anteilseigner etwas bekommen. | Schützt Investoren bei mittelmäßigen Exits; kann Gründer und Mitarbeiter fast leer ausgehen lassen. |
| Verwässerungsschutz | Findet später eine Runde zu niedrigerer Bewertung statt (Down Round), erhalten frühere Investoren zusätzliche Anteile. | Die Last einer Abwertung trifft dann vor allem Gründer und Mitarbeiter. |
| Pro-rata-Recht | Das Recht, sich an künftigen Runden so zu beteiligen, dass der eigene Anteil gleich bleibt. | Ermöglicht es Investoren, bei Gewinnern nachzulegen. |
| Sitz im Aufsichtsgremium | Leitende Investoren erhalten einen Sitz im Board oder Beirat. | Mitsprache bei Strategie, Personal und Verkauf. |
| Zustimmungsvorbehalte | Wichtige Entscheidungen – neue Runden, Verkauf, große Ausgaben – brauchen die Zustimmung der Investoren. | Investoren können Entscheidungen blockieren. |
| Vesting | Die Anteile der Gründer „verdienen“ sich über meist vier Jahre; wer früher geht, verliert einen Teil. | Hält das Gründerteam zusammen. |
| Mitverkaufsrechte und -pflichten | Tag-along und Drag-along: Minderheiten dürfen bei einem Verkauf mitverkaufen oder müssen es. | Verhindert, dass einzelne Gesellschafter einen Verkauf blockieren. |
Angenommen, das Unternehmen aus dem Beispiel wird nach der Serie B für 45 Millionen Euro verkauft. Die Investoren haben zusammen 42 Millionen eingezahlt und besitzen eine einfache, nicht partizipierende Liquidationspräferenz. Vereinfacht erhalten sie zuerst ihre 42 Millionen zurück; für Gründer und Mitarbeiter bleiben rund 3 Millionen Euro – obwohl ihnen auf dem Papier rund die Hälfte des Unternehmens gehört. Hohe Bewertungen in Boomzeiten werden oft mit solchen Schutzklauseln „erkauft“. Eine hohe Schlagzeilenbewertung sagt deshalb wenig darüber, wer im Ernstfall wie viel bekommt.
5.5 Wandeldarlehen und SAFE
In sehr frühen Runden verzichten Gründer und Investoren oft darauf, eine Bewertung festzulegen. Stattdessen gibt der Investor Geld, das erst in der nächsten richtigen Runde in Anteile umgewandelt wird – meist mit einem Rabatt auf den dann gültigen Preis und einer Obergrenze für die Bewertung. In den USA ist dafür seit 2013 der von Y Combinator entworfene SAFE verbreitet, in Deutschland das Wandeldarlehen. Das spart Zeit und Anwaltskosten, kann aber zu unerwartet starker Verwässerung führen, wenn sich viele solche Instrumente ansammeln. Ergänzend nehmen viele Start-ups heute spezielle Kredite auf (Venture Debt), um ihre Laufzeit bis zur nächsten Runde zu verlängern, ohne weitere Anteile abzugeben.
5.6 Mitarbeiterbeteiligung
Start-ups können anfangs keine Gehälter wie Großkonzerne zahlen. Sie locken Fachkräfte deshalb mit Anteilen oder Optionen (ESOP). In den USA sind echte Optionen üblich und steuerlich günstig. In Deutschland war das lange schwierig: Echte Anteile an einer GmbH müssen notariell übertragen werden, und Mitarbeiter mussten teilweise Steuern zahlen, bevor sie etwas verkaufen konnten. Viele Firmen nutzten deshalb „virtuelle“ Programme (VSOP), die nur einen Geldanspruch beim Exit gewähren. Das Zukunftsfinanzierungsgesetz von 2023 hat die steuerlichen Regeln verbessert; ob Deutschland damit international aufschließt, ist unter Fachleuten umstritten.
- Post-Money = Pre-Money + Investition; Anteil des Investors = Investition ÷ Post-Money.
- Bewertungen junger Firmen sind Verhandlungsergebnisse; sie reagieren stark auf Zinsen.
- Verwässerung: Gründer halten nach mehreren Runden oft nur noch 10–40 %.
- Liquidationspräferenz und Verwässerungsschutz entscheiden, wer bei einem mittelmäßigen Exit Geld bekommt.
- Frühe Runden oft über Wandeldarlehen oder SAFE; Mitarbeiter über Options- oder virtuelle Programme.
Auswahl, Begleitung und Ausstieg
Ein Wagniskapitalgeber sagt fast immer Nein. Hat er einmal Ja gesagt, begleitet er ein Unternehmen oft ein Jahrzehnt lang – bis zu dem Moment, in dem er verkaufen kann.
6.1 Der Trichter: von Tausenden zu einer Handvoll
Ein etablierter Fonds erhält im Jahr Tausende Anfragen. Die meisten scheiden nach einem kurzen Blick aus, einige Hundert erhalten ein erstes Gespräch, wenige Dutzend werden genauer geprüft. Am Ende investiert der Fonds in weniger als ein Prozent der Firmen, die er gesehen hat. Die besten Gelegenheiten kommen selten über unaufgeforderte E-Mails, sondern über Empfehlungen aus dem eigenen Netzwerk: frühere Gründer, andere Investoren, Universitäten. Wer das beste Netzwerk hat, sieht die besten Firmen zuerst – ein Grund, warum etablierte Fonds ihren Vorsprung oft halten.
Der Weg zur Investitionsentscheidung
wenige Wochen bis Monate- SichtungEin Partner oder Analyst prüft das Pitch Deck: Team, Markt, Produkt, erste Kennzahlen.
- GesprächeMehrere Treffen mit den Gründern, Gespräche mit Kunden und Fachleuten.
- PrüfungBei der Due Diligence werden Zahlen, Verträge, Technik und Rechte geprüft. In der Frühphase zählt vor allem das Team.
- EntscheidungVorstellung in der Partnerrunde; bei Zustimmung folgt das Term Sheet.
- AbschlussVerträge, in Deutschland notarielle Beurkundung, dann Überweisung des Geldes.
6.2 Was Investoren neben Geld bieten
Gute Fonds werben damit, mehr als nur Kapital zu geben. Sie helfen bei der Suche nach Führungskräften, öffnen Türen zu Großkunden und späteren Investoren und bringen Erfahrung aus vielen ähnlichen Firmen mit. Große Fonds unterhalten dafür eigene Teams für Personal, Marketing oder Politik. Wie viel diese Hilfe tatsächlich bewirkt, ist schwer zu messen. Unbestritten ist der Signalwert: Ein bekannter Fonds als Investor macht es leichter, Mitarbeiter, Kunden und weitere Geldgeber zu gewinnen.
Das Verhältnis kann auch belasten. Investoren können Gründer bei Fehlentwicklungen absetzen, auf zu schnelles Wachstum drängen oder einen Verkauf blockieren. Umgekehrt haben Gründer erfolgreicher Firmen in Boomzeiten so viel Verhandlungsmacht, dass Investoren kaum Kontrolle ausüben – mit teils fatalen Folgen (siehe Kapitel 12).
6.3 Die Wege zum Exit
Börsengang (IPO)
Das Unternehmen gibt Aktien an die Öffentlichkeit aus (IPO). Investoren dürfen meist erst nach einer Sperrfrist von sechs Monaten oder länger verkaufen. Der Börsengang gilt als Krönung, ist aber teuer und nur für große Firmen möglich.
Verkauf an ein Unternehmen
Der häufigste Weg: Ein Konzern oder ein größeres Start-up kauft die Firma. Ein Rekord war 2025 die Übernahme des Sicherheitsunternehmens Wiz durch Google für 32 Milliarden Dollar; 2026 kündigte SpaceX an, das KI-Programmierwerkzeug Cursor für rund 60 Milliarden Dollar zu übernehmen – der höchste Preis, der je für ein privates, wagniskapitalfinanziertes Start-up geboten wurde.
Verkauf an andere Investoren
Auf dem Zweitmarkt (Secondaries) verkaufen Fonds, Gründer oder Mitarbeiter Anteile an neue Investoren, ohne dass das Unternehmen an die Börse geht.
Abschreibung
Der weitaus häufigste Ausgang in absoluten Zahlen: Das Unternehmen wird aufgelöst, insolvent oder für weniger als das eingesetzte Kapital verkauft.
6.4 Länger privat: das Liquiditätsproblem
Bis etwa 2000 gingen erfolgreiche Start-ups oft schon nach vier bis sechs Jahren an die Börse; Amazon war bei seinem Börsengang 1997 gerade drei Jahre alt. Heute bleiben viele Unternehmen zehn Jahre und länger privat. Gründe sind strengere Pflichten für börsennotierte Firmen, die Scheu vor Kursschwankungen und vor allem das viele private Geld: Wer von Staatsfonds und Großinvestoren Milliarden bekommt, braucht die Börse nicht. Für die Fonds und ihre Anleger bedeutet das, dass sie viel länger auf ihr Geld warten.
Als Ausweg ist der Zweitmarkt stark gewachsen. Neben dem Verkauf einzelner Anteile gibt es Continuation Funds: Ein Fondsmanager überträgt seine besten Beteiligungen in einen neuen Fonds; alte Anleger können aussteigen, neue einsteigen. Laut dem Jahrbuch des US-Verbands NVCA flossen 2025 über Verkäufe auf dem Zweitmarkt fast so viel Geld an Anleger zurück wie über Börsengänge und Übernahmen. Im gesamten privaten Kapitalmarkt – Private Equity eingeschlossen – erreichten Zweitmarktgeschäfte im ersten Halbjahr 2026 nach Schätzungen von Lazard und Evercore mit über 120 Milliarden Dollar einen Rekord.
Papierbewertungen lassen sich nicht ausgeben. Erst wenn ein Unternehmen verkauft wird oder an die Börse geht, wird aus einem Buchwert Geld, das an Pensionskassen und Stiftungen zurückfließt. Bleiben Exits aus, stockt die gesamte Kette aus Kapitel 3: Die Anleger bekommen nichts zurück, geben weniger für neue Fonds, und junge Unternehmen finden weniger Geldgeber. Genau das geschah von 2022 bis 2025. Laut PitchBook lagen die Nettozahlungen an die Anleger von US-Wagniskapitalfonds seit Beginn des Abschwungs 2022 bis Ende 2025 bei fast minus 200 Milliarden Dollar – die Fonds riefen also weit mehr Geld ab, als sie zurückzahlten.
- Fonds investieren in weniger als ein Prozent der Firmen, die sie prüfen; Netzwerk und Empfehlungen sind entscheidend.
- Investoren bieten Geld, Kontakte und Signalwert – und erhalten Mitsprache.
- Exit-Wege: Börsengang, Verkauf an Unternehmen, Verkauf auf dem Zweitmarkt, Abschreibung.
- Unternehmen bleiben heute länger privat → Zweitmarkt und Continuation Funds wachsen.
- Ohne Exits stockt der Kreislauf aus Kapital, Rückfluss und neuen Fonds.
Die Pionierzeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten Professoren, Militärs und Bankiers in Boston nach einem Weg, Forschung in Unternehmen zu verwandeln. Dreißig Jahre später war daraus im Süden von San Francisco eine eigene Branche geworden.
7.1 Vor dem Wagniskapital
Riskante Unternehmungen wurden schon immer finanziert – von den Kaufleuten, die Walfangfahrten aus Neuengland bezahlten, bis zu den Bankiers, die im 19. Jahrhundert Eisenbahnen und Elektrizitätswerke ermöglichten. Bis in die 1940er Jahre kam solches Geld aber vor allem von reichen Familien wie den Rockefellers oder den Whitneys, die mit ihrem eigenen Vermögen investierten. Was fehlte, war eine Institution, die das Geld vieler Anleger professionell in junge Technikfirmen lenkt.
7.2 Georges Doriot und die ARD
Diese Institution schuf 1946 Georges Doriot, ein aus Frankreich stammender Professor der Harvard Business School, der im Krieg als General die Forschung und Beschaffung der US-Armee geleitet hatte. Gemeinsam mit dem Präsidenten des MIT, Karl Compton, und dem Unternehmer und späteren Senator Ralph Flanders gründete er die American Research and Development Corporation (ARD). Sie sollte Erfindungen aus Labors und Kriegsforschung in marktfähige Firmen verwandeln. Anders als die Familienvermögen sammelte ARD Geld von außen ein; sie war sogar an der Börse notiert. Doriot legte Wert auf die Menschen hinter einer Idee und begleitete die Gründer aktiv – ein Stil, der bis heute als Vorbild gilt.
Den Durchbruch brachte 1957 eine Investition von 70.000 Dollar in die Digital Equipment Corporation (DEC), gegründet von zwei Ingenieuren des MIT. ARD erhielt dafür rund 70 Prozent der Anteile. Als DEC 1968 an die Börse ging, war diese Beteiligung über 355 Millionen Dollar wert – mehr als das Fünftausendfache. Es war der erste große Treffer im Sinne des Potenzgesetzes, und er zeigte, dass man mit jungen Technikfirmen sehr viel Geld verdienen kann.
7.3 Die „Verräterischen Acht“ und das Silicon Valley
Der eigentliche Mittelpunkt der Branche entstand an der Westküste. 1956 hatte der Physiker und Nobelpreisträger William Shockley in Mountain View ein Halbleiterlabor gegründet. Sein Führungsstil vertrieb schon nach einem Jahr acht seiner besten Mitarbeiter, darunter Robert Noyce, Gordon Moore und Eugene Kleiner. Der junge New Yorker Bankier Arthur Rock fand für sie einen Geldgeber, den Kamerahersteller Fairchild Camera and Instrument. So entstand 1957 Fairchild Semiconductor. Shockley nannte die Abtrünnigen später die „verräterischen Acht“.
Fairchild wurde zur Keimzelle des Silicon Valley. Aus ihr gingen Dutzende neue Firmen hervor, die „Fairchildren“, darunter 1968 Intel, für das Arthur Rock das Startkapital besorgte. Ein Muster wurde sichtbar: Erfolgreiche Mitarbeiter gründen eigene Firmen, erfolgreiche Gründer werden Investoren, und das Geld bleibt in der Region.
Von Boston nach Kalifornien
1946–1978- 1946Gründung der ARD in Boston; im selben Jahr entsteht in New York J. H. Whitney & Company.
- 1957ARD investiert in DEC; in Kalifornien entsteht Fairchild Semiconductor.
- 1958Der Small Business Investment Act erlaubt staatlich geförderte Beteiligungsgesellschaften (SBICs), die mit günstigen Staatskrediten in kleine Firmen investieren.
- 1961Arthur Rock und Tommy Davis gründen in San Francisco Davis & Rock als befristete Partnerschaft mit Gewinnbeteiligung der Manager – das Grundmodell heutiger Fonds.
- 1968Gründung von Intel; DEC geht an die Börse.
- 1971Start der elektronischen Börse Nasdaq, die später Hunderten junger Technikfirmen den Börsengang ermöglicht.
- 1972Gründung von Kleiner Perkins (Eugene Kleiner, Tom Perkins) und Sequoia Capital (Don Valentine) an der Sand Hill Road in Menlo Park.
- 1976Kleiner Perkins finanziert Genentech – den Beginn der Biotechnologie-Branche.
- 1977/78Der frühere Intel-Manager Mike Markkula, später Sequoia und Arthur Rock finanzieren Apple.
Ergebnis: Um 1978 gab es ein erprobtes Modell – Fonds mit befristeter Laufzeit, Gewinnbeteiligung der Manager, aktive Begleitung der Gründer – und eine Region, die es mit immer neuen Firmen versorgte. Was noch fehlte, war Geld in großem Umfang.
- Stanford: Der Ingenieur Frederick Terman ermutigte seine Studenten früh, eigene Firmen zu gründen; Hewlett-Packard entstand 1939 in einer Garage in Palo Alto.
- Staatsaufträge: Rüstung und Raumfahrt im Kalten Krieg kauften in großem Stil Halbleiter und Elektronik – oft die ersten zahlenden Kunden junger Firmen.
- Freier Wechsel: Kalifornisches Recht setzt Wettbewerbsverbote für Angestellte praktisch nicht durch. Ingenieure konnten den Arbeitgeber wechseln oder gründen, ohne verklagt zu werden; Wissen verbreitete sich schnell.
- Vorbilder: Jeder Erfolg erzeugte neue Gründer und neue Investoren in derselben Region.
- 1946: Doriot gründet die ARD → erste professionelle Wagnisgesellschaft.
- 1957: 70.000 Dollar in DEC → über 355 Mio. Dollar beim Börsengang 1968.
- 1957: Fairchild Semiconductor → Keimzelle des Silicon Valley.
- 1961–1972: Davis & Rock, Kleiner Perkins, Sequoia → das Modell des befristeten Fonds.
- Erste große Erfolge: Intel, Genentech, Apple.
Aufstieg und Dotcom-Blase
Drei politische Entscheidungen öffneten Ende der 1970er Jahre die großen Geldtöpfe Amerikas für das Wagniskapital. Zwanzig Jahre später endete der Aufstieg in der größten Spekulationsblase seit Jahrzehnten.
8.1 Die Schleusen öffnen sich
Niedrigere Steuer auf Kursgewinne
Der US-Kongress senkt den Höchstsatz der Steuer auf Veräußerungsgewinne deutlich. Gewinne aus Unternehmensanteilen werden attraktiver.
Die „Prudent Man Rule“
Das US-Arbeitsministerium stellt klar, dass Pensionsfonds auch riskante Anlagen wie Wagniskapital halten dürfen, solange das Gesamtportfolio vorsichtig gestreut ist. Damit wird das größte Anlegerkapital der Welt zugänglich.
Bayh-Dole-Gesetz
Universitäten dürfen Patente aus staatlich bezahlter Forschung selbst verwerten und lizenzieren. Ausgründungen aus Hochschulen werden deutlich einfacher.
Im Dezember 1980 ging Apple an die Börse, kurz zuvor Genentech; beide Börsengänge machten Investoren und viele Mitarbeiter reich. In den 1980er Jahren finanzierte Wagniskapital die Welle der Personal Computer und Netzwerke: Compaq, Sun Microsystems, Lotus, Cisco. Das Geld in neuen Fonds stieg in wenigen Jahren um ein Vielfaches. Gegen Ende des Jahrzehnts zeigte sich eine Erfahrung, die sich wiederholen sollte: Zu viel Geld trifft auf zu wenige gute Firmen, die Renditen fallen, viele neue Fonds verschwinden wieder.
8.2 Das Internet
Mit dem World Wide Web begann Mitte der 1990er Jahre der bis dahin größte Boom. Kleiner Perkins und der Partner John Doerr finanzierten 1994 den Browserhersteller Netscape. Sein Börsengang im August 1995 – das Unternehmen war gut ein Jahr alt und schrieb Verluste – verdoppelte den Aktienkurs am ersten Tag und gilt als Startsignal der Dotcom-Ära. Es folgten Amazon, eBay, Yahoo und 1999 eine Finanzierung von Google durch Sequoia und Kleiner Perkins. Benchmark Capital machte aus einer Beteiligung von 6,7 Millionen Dollar an eBay innerhalb von zwei Jahren einen Wert von mehreren Milliarden.
Phase I bis III der Dotcom-Blase
1995–2002- 1995–1998Phase I – Aufbruch: Börsengänge junger Internetfirmen werden zur Regel. Bewertet wird nach Nutzerzahlen und „Klicks“, nicht nach Gewinnen.
- 1999–2000Phase II – Rausch: In den USA fließen im Jahr 2000 nach Branchenzählungen rund 100 Milliarden Dollar Wagniskapital, ein Vielfaches der Mitte der 1990er Jahre. Firmen wie Pets.com oder Webvan sammeln Hunderte Millionen ein und gehen an die Börse, obwohl ihr Geschäftsmodell Verluste mit jedem Kunden erzeugt.
- 10.3.2000Der Technologieindex Nasdaq erreicht seinen Höchststand.
- 2000–2002Phase III – Absturz: Die Nasdaq verliert bis Oktober 2002 fast vier Fünftel ihres Werts. Hunderte Internetfirmen verschwinden; viele Fonds der Jahrgänge 1999 und 2000 bringen ihren Anlegern Verluste.
Ergebnis: Die Blase vernichtete Billionen an Börsenwert, hinterließ aber Glasfasernetze, Rechenzentren und Firmen wie Amazon und Google, die sich in den folgenden zwei Jahrzehnten zu den wertvollsten Unternehmen der Welt entwickelten.
Ökonomen und Historiker sind sich uneinig. Die einen sehen vor allem Gier, Herdenverhalten und Interessenkonflikte bei Banken und Analysten. Andere – etwa die Ökonomin Carlota Perez – beschreiben Spekulationsblasen als wiederkehrende Phase großer technischer Umbrüche: Übertriebene Erwartungen finanzieren eine Infrastruktur, die sich später als nützlich erweist, auch wenn die ersten Investoren ihr Geld verlieren. Wie bei den Eisenbahnen im 19. Jahrhundert wurden die Gewinner oft erst nach dem Zusammenbruch sichtbar. Diese Deutung spielt in der Debatte über den KI-Boom 2026 wieder eine große Rolle.
- 1978–1980: Steuersenkung, Prudent Man Rule, Bayh-Dole → Pensionsfonds und Universitäten werden Teil des Systems.
- 1980er: PC-Ära (Apple, Compaq, Sun, Cisco).
- 1995: Börsengang von Netscape → Beginn des Internetbooms.
- 2000: rund 100 Mrd. Dollar US-Wagniskapital → Nasdaq-Höchststand im März.
- 2000–2002: Absturz; Überlebende wie Amazon und Google werden später zu Weltkonzernen.
Von der Web-2.0-Gründung zur Ära der Einhörner
Nach dem Absturz brauchte es weniger Geld, um eine Firma zu gründen, und später mehr Geld, um sie zu einem Weltkonzern zu machen. Zwei Jahrzehnte billigen Geldes ließen eine neue Art von Unternehmen entstehen: private Firmen mit Milliardenbewertungen.
9.1 Billige Gründungen, schnelle Netzwerke
Mitte der 2000er Jahre wurde es so billig wie nie, ein Internetunternehmen zu starten. Freie Software und später Cloud-Dienste wie Amazon Web Services (2006) ersetzten teure eigene Server. Junge Teams brauchten für die ersten Schritte nur noch Hunderttausende statt Millionen Dollar. In diese Lücke stießen Business Angels und ein neues Modell: der Accelerator. Paul Graham, Jessica Livingston und zwei Partner gründeten 2005 Y Combinator, das zweimal im Jahr Dutzende Gründerteams für drei Monate betreut, ihnen eine kleine Summe gibt und sie an einem „Demo Day“ Investoren vorstellt. Aus Y Combinator gingen unter anderem Airbnb, Dropbox und Stripe hervor.
Gleichzeitig entstanden Netzwerkunternehmen, deren Wert mit jedem Nutzer wuchs. Facebook erhielt 2004 eine erste Finanzierung von Peter Thiel und 2005 von Accel. Mit dem iPhone 2007 begann die Ära der mobilen Anwendungen; Uber, WhatsApp und Instagram wären ohne sie nicht denkbar gewesen.
9.2 Die Finanzkrise und das billige Geld
Die Finanzkrise 2008 traf auch die Wagnisbranche; im Oktober 2008 warnte Sequoia seine Portfoliofirmen in einer berühmt gewordenen Präsentation, die guten Zeiten seien vorbei. Doch die Antwort der Notenbanken – Leitzinsen nahe null und Anleihekäufe über mehr als ein Jahrzehnt – veränderte die Lage grundlegend. Wenn Staatsanleihen kaum noch etwas einbrachten, suchten Pensionsfonds, Versicherer und Staatsfonds Rendite in riskanteren Anlagen. Ein großer Teil davon floss in private Technologieunternehmen.
Neue Geldgeber drängten in späte Finanzierungsrunden: der russisch-israelische Investor Yuri Milner mit seinem Fonds DST, der 2009 bei Facebook einstieg; amerikanische Fondsgesellschaften wie Fidelity und T. Rowe Price; Hedgefonds wie Tiger Global; Staatsfonds aus Singapur und vom Golf. 2009 gründeten Marc Andreessen und Ben Horowitz Andreessen Horowitz, das Gründern neben Geld eine ganze Dienstleistungsplattform anbot und damit die Branche veränderte.
9.3 Die Einhörner
2013 suchte die Investorin Aileen Lee einen Namen für Start-ups, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wurden – damals so selten wie ein Fabelwesen. Sie zählte 39 solcher Firmen und nannte sie Einhörner. Der Begriff setzte sich weltweit durch, und die Fabelwesen wurden zur Massenerscheinung: Ende der 2010er Jahre gab es Hunderte, bis 2025 weltweit weit über tausend.
Wachstum um jeden Preis
2014–2021- 2014Börsengang der chinesischen Handelsplattform Alibaba, damals der größte der Geschichte. China entwickelt in diesen Jahren ein eigenes, sehr großes Wagnissystem.
- 2017Masayoshi Son startet den SoftBank Vision Fund mit fast 100 Milliarden Dollar, zu einem großen Teil vom saudischen Staatsfonds. Er investiert Milliardenbeträge in einzelne Firmen wie Uber und WeWork.
- 2019Der Büroanbieter WeWork, zuletzt privat mit rund 47 Milliarden Dollar bewertet, muss seinen Börsengang absagen, als Anleger die Zahlen sehen; Gründer Adam Neumann tritt zurück.
- 2020Die Pandemie beschleunigt Digitalisierung, Onlinehandel und Fernarbeit. Notenbanken senken die Zinsen erneut auf null.
- 2021Rekordjahr: Weltweit fließen nach Crunchbase rund 640 Milliarden Dollar Wagniskapital, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Hunderte neue Einhörner entstehen; Runden werden in Tagen statt Monaten abgeschlossen, oft ohne gründliche Prüfung. Hunderte Mantelgesellschaften (SPACs) bringen Start-ups an die Börse.
Ergebnis: 2021 war Wagniskapital zu einer Anlageklasse geworden, in der Hunderte Milliarden Dollar im Jahr umliefen. Viele Bewertungen beruhten aber auf der Annahme, dass Geld dauerhaft billig bleibt.
Viele Plattformen – Fahrdienste, Lieferdienste, Kurzzeitvermietung – verfolgten dieselbe Logik: Wer einen Markt zuerst beherrscht, profitiert von Netzwerkeffekten, und der Gewinner nimmt fast alles. Also lohne es sich, mit Milliarden an Investorengeld Kunden über Rabatte zu gewinnen und Wettbewerber zu verdrängen, auch bei hohen Verlusten. Der LinkedIn-Gründer Reid Hoffman nannte das 2018 „Blitzscaling“. Bei einigen Firmen ging die Rechnung auf; bei vielen anderen zeigte sich nach dem Ende des billigen Geldes, dass die Verluste nicht verschwanden, wenn das Unternehmen größer wurde.
- 2005: Y Combinator → Accelerator-Modell; Gründen wird billiger.
- 2008–2021: Nullzinsen → neue Geldgeber (Staatsfonds, Hedgefonds, Fondsgesellschaften) in späten Runden.
- 2013: Begriff Einhorn für Start-ups ab 1 Mrd. Dollar Bewertung.
- 2017: SoftBank Vision Fund mit fast 100 Mrd. Dollar; 2019: WeWork-Debakel.
- 2021: rund 640 Mrd. Dollar weltweit → Höhepunkt der Nullzins-Blase.
Absturz und KI-Boom
Innerhalb von vier Jahren erlebte die Branche ihren schärfsten Einbruch seit 2000 und ihren größten Boom überhaupt. Beides hatte wenig mit dem Durchschnitt der Start-ups zu tun – und viel mit Zinsen und künstlicher Intelligenz.
10.1 Das große Bild
Die Grafik zeigt das weltweite Wagniskapital pro Jahr nach Zählung von Crunchbase. Gut zu erkennen sind der Höchststand 2021, der Absturz bis 2023 und der neue Rekord 2026, der bereits nach neun Monaten erreicht war.
Weltweites Wagniskapital nach Crunchbase, gerundet; frühere Jahre werden von Crunchbase nachträglich angepasst. Für 2026 nur Januar bis September (Stand der Daten: 2. Oktober 2026). Andere Anbieter wie PitchBook zählen anders und kommen zu abweichenden Werten.
10.2 Die Korrektur 2022/23
Als die Notenbanken 2022 wegen der hohen Inflation die Zinsen so schnell erhöhten wie seit Jahrzehnten nicht, brach die Rechnung vieler Start-ups zusammen. Börsennotierte Technologiewerte verloren stark an Wert; da Bewertungen privater Firmen sich an ihnen orientieren, fielen auch diese. Weltweit sank das Wagniskapital laut Crunchbase von rund 640 Milliarden Dollar 2021 auf rund 445 Milliarden 2022 und rund 285 Milliarden 2023. Viele Unternehmen mussten Personal abbauen, um ihre Burn Rate zu senken, Runden zu niedrigeren Bewertungen hinnehmen oder aufgeben.
FTX
Die Kryptobörse FTX bricht zusammen; ihr Gründer wird später wegen Betrugs verurteilt. Renommierte Fonds wie Sequoia müssen ihre Beteiligungen vollständig abschreiben – ein schwerer Imageschaden für die Prüfungsqualität der Branche.
Silicon Valley Bank
Die Hausbank vieler Start-ups und Fonds bricht innerhalb von zwei Tagen zusammen, nachdem Investoren ihre Firmen über Chatgruppen zum Abzug der Einlagen aufgerufen hatten. Die US-Behörden garantieren schließlich alle Einlagen.
Keine Exits
Börsengänge bleiben weitgehend aus. Fonds können ihren Anlegern kaum Geld zurückzahlen, das Einwerben neuer Fonds wird schwer (siehe Kapitel 3).
10.3 Der Aufstieg der generativen KI
Am 30. November 2022 veröffentlichte OpenAI den Chatbot ChatGPT. Innerhalb weniger Monate nutzten ihn Hunderte Millionen Menschen. Für die Wagnisbranche begann damit ein neues Kapitel: Sprachmodelle zu entwickeln kostet Milliarden für Rechenzentren, Chips und Fachkräfte – Beträge, die frühere Software-Start-ups nie gebraucht hatten. Microsoft investierte Anfang 2023 rund zehn Milliarden Dollar in OpenAI; Amazon und Google beteiligten sich an Anthropic; in Paris entstand Mistral AI. 2025 sammelte OpenAI in einer von SoftBank geführten Runde 40 Milliarden Dollar ein, damals die größte private Finanzierung aller Zeiten. Laut dem US-Branchenverband NVCA gingen 2025 mehr als 65 Prozent des amerikanischen Wagniskapitals an KI-Unternehmen.
Das Rekordjahr 2026
Januar–September 2026- JanuarAndreessen Horowitz meldet neue Fonds über mehr als 15 Milliarden Dollar.
- FebruarAnthropic sammelt in einer Serie G 30 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 380 Milliarden ein. SpaceX übernimmt Elon Musks KI-Firma xAI; das vereinte Unternehmen wird mit rund 1,25 Billionen Dollar bewertet.
- 31. MärzOpenAI schließt eine Runde über 122 Milliarden Dollar bei 852 Milliarden Bewertung ab. Den Großteil geben Amazon (50 Milliarden, davon 35 Milliarden an Bedingungen wie einen Börsengang geknüpft), Nvidia und SoftBank (je 30 Milliarden). Erstmals können sich auch Privatanleger über Banken beteiligen.
- MaiDer KI-Chiphersteller Cerebras geht an die Börse.
- 28. MaiAnthropic erhält in einer Serie H 65 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden und überholt damit OpenAI. Geführt wird die Runde von Altimeter, Dragoneer, Greenoaks und Sequoia.
- JuniAnthropic (1. Juni) und wenige Tage später OpenAI reichen vertraulich Unterlagen für einen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht ein. Ende Juni berichtet Bloomberg, OpenAI erwäge einen Börsengang erst 2027.
- 12. JuniSpaceX geht bei einer Bewertung von rund 1,77 Billionen Dollar an die Börse – der größte Börsengang der Geschichte und der größte Exit eines wagniskapitalfinanzierten Unternehmens aller Zeiten. Bis Ende Juli fällt die Aktie um rund die Hälfte gegenüber ihrem Höchststand nach dem Börsengang.
- JuliIn Europa sammeln die Münchner Verteidigungsfirmen Quantum Systems (1,2 Milliarden Dollar) und Helsing (1,8 Milliarden Dollar) Rekordbeträge ein.
- Juli–Sept.Im dritten Quartal erhalten 27 Unternehmen Runden von mindestens einer Milliarde Dollar – ein Rekord –, darunter Databricks und Safe Superintelligence mit je fünf Milliarden.
Ergebnis: Bis Ende September flossen nach Crunchbase weltweit 679 Milliarden Dollar Wagniskapital – mehr als im gesamten bisherigen Rekordjahr 2021 und der höchste Wert für die ersten neun Monate eines Jahres. Im ersten Quartal waren es rund 300 Milliarden, im zweiten 212, im dritten 159 Milliarden. Im dritten Quartal gingen 64 Prozent an KI-Unternehmen.
10.4 Zwei Märkte in einem
Die Rekordzahlen verdecken eine tiefe Spaltung. Der US-Verband NVCA spricht für 2025 von „zwei Märkten, die übereinandergestapelt sind“: einem KI-Markt mit wenigen, sehr großen Runden, finanziert von Konzernen und Staatsfonds, und dem klassischen Wagnismarkt mit allen anderen Start-ups. Laut PitchBook entfielen im ersten Halbjahr 2026 in den USA 87,5 Prozent des investierten Geldes auf Runden über 100 Millionen Dollar. Außerhalb der KI-Spitze sinkt die Zahl der Finanzierungen, und kleine Fonds finden kaum neue Anleger.
| Merkmal | Boom 2021 | Boom 2026 |
|---|---|---|
| Antrieb | Nullzinsen, Pandemie-Digitalisierung | KI-Rechenbedarf, strategische Konzerninteressen |
| Breite | sehr breit: Tausende Firmen in vielen Branchen | extrem konzentriert: wenige KI-Labore und Infrastrukturfirmen |
| Wichtigste Geldgeber | Wagnisfonds, Hedgefonds, SPACs | Konzerne (Amazon, Nvidia, Google, Microsoft), Staatsfonds, SoftBank, wenige Großfonds |
| Zinsumfeld | Leitzinsen bei null | Zinsen steigen wieder; Fed bei 3,75–4,00 %, EZB bei 2,50 % |
| Exits | viele Börsengänge, auch über SPACs | wenige, aber riesige: SpaceX, Cerebras; geplant Anthropic und OpenAI |
| Software-Firmen | sehr hohe Bewertungen | unter Druck, weil Anleger fürchten, KI ersetze klassische Software |
Diese Frage beherrscht die Debatte im Herbst 2026. Kritiker verweisen auf Bewertungen, die weit über den heutigen Umsätzen liegen – SpaceX wurde beim Börsengang mit rund dem 95-Fachen seines Jahresumsatzes bewertet –, auf den Kurssturz der SpaceX-Aktie nach dem Börsengang und auf zirkuläre Geschäfte: Chiphersteller und Cloudanbieter investieren in KI-Firmen, die das Geld anschließend für Chips und Rechenleistung bei denselben Konzernen ausgeben. Befürworter halten dagegen, dass die führenden KI-Firmen ihre Umsätze schneller steigern als jede Unternehmensgeneration zuvor – OpenAI meldete im März Erlöse von rund zwei Milliarden Dollar im Monat, Anthropic im Mai eine hochgerechnete Jahresrate von über 47 Milliarden Dollar – und dass die Nachfrage nach Rechenleistung das Angebot übersteigt. Beide Seiten können recht haben: Auch im Dotcom-Boom war die Technik echt, und trotzdem verloren viele Investoren ihr Geld.
- 2022/23: Zinsschock → Wagniskapital weltweit von rund 640 auf rund 285 Mrd. Dollar; FTX und Silicon Valley Bank.
- 30.11.2022: ChatGPT → Beginn des KI-Booms.
- 2026: OpenAI 122 Mrd. Dollar, Anthropic 30 + 65 Mrd. Dollar → Bewertungen nahe einer Billion.
- 12.6.2026: SpaceX-Börsengang → größter Exit aller Zeiten, danach starker Kursrückgang.
- Jan.–Sept. 2026: 679 Mrd. Dollar weltweit, aber extreme Konzentration auf KI und Großrunden.
Europa und Deutschland: Aufholen mit Hindernissen
Europa hat exzellente Forschung, gut ausgebildete Fachkräfte und einige Weltmarktführer. Beim Wagniskapital liegt es trotzdem seit Jahrzehnten weit hinter den USA – vor allem dort, wo Unternehmen groß werden.
11.1 Die Größenordnungen
Nach dem European Start-up-Barometer von EY erhielten europäische Start-ups 2025 knapp 62 Milliarden Euro Wagniskapital. Die US-Firmen allein kamen im selben Jahr nach Zählung von PitchBook und NVCA auf rund 320 Milliarden Dollar. Innerhalb Europas führt das Vereinigte Königreich mit rund 19 Milliarden Euro, vor Deutschland mit rund 8,4 Milliarden Euro und Frankreich. Im dritten Quartal 2026 entfielen laut Crunchbase rund 16 Prozent des weltweiten Wagniskapitals auf Europa.
| Merkmal | USA | Europa | Deutschland |
|---|---|---|---|
| Wagniskapital 2025 | rund 320–340 Mrd. Dollar (PitchBook/NVCA) | knapp 62 Mrd. Euro (EY) | rund 8,4 Mrd. Euro (EY) |
| Bisheriges Rekordjahr | 2021 | 2021 (rund 88 Mrd. Euro, EY) | 2021 (17,4 Mrd. Euro, EY) |
| Wichtigste Geldgeber | Pensionsfonds, Stiftungen, Konzerne | Staatliche Förderbanken, Dachfonds, US-Investoren in späten Runden | KfW Capital, High-Tech Gründerfonds, Family Offices, ausländische Fonds |
| Größte Runde 2026 (bis Sept.) | OpenAI, 122 Mrd. Dollar | Mistral AI, 3 Mrd. Euro | Helsing, 1,8 Mrd. Dollar |
11.2 Warum Europa zurückliegt
Kaum Pensionsgelder
In den USA finanzieren Pensionsfonds das Wagniskapital. In Deutschland und vielen anderen Ländern beruht die Rente überwiegend auf dem Umlageverfahren; es gibt weniger große kapitalgedeckte Fonds, und Versicherer dürfen nur begrenzt in riskante Anlagen investieren.
Zersplitterter Markt
27 Rechtsordnungen, viele Sprachen, unterschiedliches Steuer- und Arbeitsrecht. Ein Start-up muss in jedem Land neu Fuß fassen, während ein US-Unternehmen sofort 330 Millionen Kunden erreicht.
Die Wachstumslücke
Für Seed- und frühe Runden gibt es in Europa inzwischen genug Geld. Für Runden über 100 Millionen fehlt es dagegen oft; dann steigen US-Investoren ein, und manche Firmen verlegen ihren Sitz oder Börsengang in die USA.
Schwache Börsen für Wachstumsfirmen
Europäische Börsen bieten jungen Technologieunternehmen weniger Kapital und niedrigere Bewertungen als die Nasdaq. Ohne attraktive Exits bleibt das Geld der Investoren lange gebunden.
11.3 Deutschland: vom Neuen Markt zur Verteidigungstechnik
Etappen des deutschen Wagniskapitals
1997–2026- 1997–2003Die Frankfurter Börse eröffnet den Neuen Markt für junge Wachstumsfirmen. Er erlebt einen kurzen Boom und bricht nach dem Platzen der Dotcom-Blase und mehreren Bilanzskandalen zusammen; 2003 wird er geschlossen. Das Misstrauen gegenüber Börsengängen junger Firmen prägt Deutschland für viele Jahre.
- 2005Bund, KfW und Industrie gründen den High-Tech Gründerfonds, der seitdem zu den aktivsten Frühphaseninvestoren Europas gehört.
- 2007Die Brüder Samwer gründen in Berlin Rocket Internet, das erfolgreiche US-Geschäftsmodelle schnell in anderen Ländern nachbaut. Aus diesem Umfeld gehen Zalando und andere große Firmen hervor; Berlin wird zum wichtigsten Start-up-Standort Deutschlands.
- 2010erUnternehmen wie Delivery Hero, N26, Celonis, Personio, Trade Republic und später DeepL erreichen Milliardenbewertungen.
- 2018Gründung von KfW Capital, die als Ankerinvestor in private Wagniskapitalfonds investiert.
- 2021Rekordjahr mit 17,4 Milliarden Euro; die größte Einzelrunde erhält der Berliner Lieferdienst Gorillas. Der Bund startet den Zukunftsfonds mit zehn Milliarden Euro bis 2030.
- 2022–2024Einbruch auf 9,9 Milliarden Euro (2022), danach Stabilisierung bei gut sieben Milliarden (2024). Prominente Fehlschläge wie die Flugtaxi-Hersteller Lilium und Volocopter müssen Insolvenz anmelden.
- 2024Die Bundesregierung startet die WIN-Initiative, mit der Versicherer, Banken und Konzerne bis 2030 zusätzliches Wagniskapital zusagen sollen.
- 2025Rund 8,4 Milliarden Euro, das dritthöchste Ergebnis seit Beginn der EY-Zählung; Bayern liegt wie schon 2024 vor Berlin, vor allem wegen KI- und Verteidigungsfirmen.
11.4 Die Lage 2026
Im ersten Halbjahr 2026 sammelten deutsche Start-ups laut EY rund 5,3 Milliarden Euro ein, 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Finanzierungsrunden sank dagegen um elf Prozent auf 354. Erstmals erhielten Firmen aus drei Bundesländern jeweils mehr als eine Milliarde Euro: Berlin knapp 1,7 Milliarden, Baden-Württemberg rund 1,6 Milliarden – fast ausschließlich wegen einer Runde von rund 1,2 Milliarden Euro für den Robotikhersteller Neura Robotics – und Bayern mehr als 1,1 Milliarden. Verteidigungsfirmen erhielten 579 Millionen Euro, darunter 500 Millionen für das Berliner Drohnenunternehmen Stark. EY warnt, dass kleine und junge Start-ups im Wettbewerb um das Geld häufig das Nachsehen haben.
Im Sommer folgten die bislang größten Runden der deutschen Geschichte: Der Münchner Drohnenhersteller Quantum Systems erhielt Anfang Juli 1,2 Milliarden Dollar bei rund acht Milliarden Bewertung, der Münchner Verteidigungs-KI-Spezialist Helsing am 13. Juli 1,8 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 18 Milliarden – die größte Finanzierungsrunde eines europäischen Verteidigungs-Start-ups. In Frankreich sammelte Mistral AI im September 3 Milliarden Euro bei einer Bewertung von über 21 Milliarden ein, nach Angaben der Beteiligten die größte Eigenkapitalrunde eines europäischen Technologieunternehmens. Mitgeführt wurde sie vom Scaleup Europe Fund, einem von der EU angestoßenen und vom Investor EQT verwalteten Fonds.
11.5 Der Staat als Investor
Deutschland hat sein Wagniskapital über zwei Jahrzehnte stark mit öffentlichem Geld aufgebaut. Der Staat investiert dabei meist nicht direkt in Start-ups, sondern als Mitinvestor in private Fonds, die dadurch leichter weitere Anleger finden. Im Juli 2026 legte die Bundesregierung eine Start-up- und Scale-up-Strategie mit 152 Maßnahmen vor. Der Zukunftsfonds soll über 2030 hinaus fortgeführt, die WIN-Initiative ausgebaut und ein weiterer „Wachstumsfonds Deutschland“ aufgelegt werden. Ziel der WIN-Initiative ist es nun, bis 2030 rund 25 Milliarden Euro von institutionellen Anlegern für Wagniskapital zu mobilisieren; bis Ende 2025 waren nach Angaben der KfW rund 2,6 Milliarden Euro am Markt investiert. Zudem unterstützt die Bundesregierung die geplante europäische Rechtsform „EU Inc.“, mit der Gründer eine Gesellschaft innerhalb von zwei Werktagen und für höchstens 100 Euro gründen können sollen.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 und der Lockerung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben 2025 haben europäische Staaten ihre Rüstungsbudgets stark erhöht. Der Krieg in der Ukraine zeigte, wie wichtig günstige Drohnen, Software und schnelle Entwicklungszyklen sind – Felder, in denen junge Firmen gegenüber klassischen Rüstungskonzernen Vorteile haben. Viele Wagnisfonds, die Rüstung lange gemieden hatten, änderten ihre Anlagerichtlinien. Kritiker weisen darauf hin, dass die Bewertungen schneller steigen als die Aufträge: Erst wenn Geräte in großer Zahl bestellt und geliefert werden, zeigt sich, ob die Unternehmen ihre Preise rechtfertigen.
- Öffentliches Geld kann private Anleger anlocken, aber nicht dauerhaft ersetzen. Solange deutsche Pensionskassen und Versicherer kaum in Wagniskapital investieren, bleiben große Runden auf ausländisches Kapital angewiesen.
- Ein großer Teil der Wertsteigerung erfolgreicher deutscher Firmen fließt deshalb an amerikanische, britische oder arabische Investoren.
- Bürokratie, notarielle Pflichten, Steuerfragen bei Mitarbeiteranteilen und das Fehlen eines tiefen europäischen Kapitalmarkts gelten weiter als Bremsen; viele Maßnahmen der WIN-Initiative waren 2026 noch nicht vollständig umgesetzt.
- Europa 2025: knapp 62 Mrd. Euro – ein Bruchteil der USA; Vereinigtes Königreich vor Deutschland und Frankreich.
- Ursachen: wenig Pensionskapital, zersplitterter Markt, Lücke bei großen Wachstumsrunden.
- Deutschland: Neuer Markt (1997–2003), HTGF (2005), Rocket Internet (2007), Rekord 2021 mit 17,4 Mrd. Euro.
- 2026: 5,3 Mrd. Euro im ersten Halbjahr; Rekordrunden für Helsing, Quantum Systems und Neura Robotics.
- Staat: Zukunftsfonds, WIN-Initiative, Strategie vom Juli 2026 → Ziel 25 Mrd. Euro privates Kapital bis 2030.
Schattenseiten und Kritik
Wagniskapital hat einige der wichtigsten Unternehmen unserer Zeit möglich gemacht. Es hat aber auch Betrug begünstigt, Märkte verzerrt und Chancen sehr ungleich verteilt.
12.1 Wenn niemand genau hinsieht
Theranos
Das Bluttest-Unternehmen von Elizabeth Holmes wurde mit rund neun Milliarden Dollar bewertet, obwohl seine Technik nie funktionierte. Das Geld kam vor allem von vermögenden Privatleuten und Familienvermögen, viele erfahrene Gesundheitsinvestoren hatten abgelehnt. Holmes wurde 2022 wegen Betrugs verurteilt.
WeWork
Ein Büroanbieter mit hohen Verlusten wurde als Technologieunternehmen bewertet. Der gescheiterte Börsengang zeigte, wie wenig Kontrolle Investoren über einen sehr mächtigen Gründer ausgeübt hatten.
FTX
Führende Fonds investierten Hunderte Millionen in die Kryptobörse, ohne grundlegende Kontrollen wie einen funktionierenden Aufsichtsrat durchzusetzen. Kundengelder waren veruntreut worden.
Allen drei Fällen ist gemeinsam, dass in Boomzeiten der Wettbewerb um begehrte Beteiligungen die Prüfung verdrängte. Wer kritische Fragen stellte, riskierte, nicht beteiligt zu werden. Die Branche nennt dieses Verhalten FOMO – die Angst, etwas zu verpassen.
12.2 Ungleich verteilte Chancen
Wagniskapital ist stark auf wenige Regionen, Hochschulen und Netzwerke konzentriert – und auf Männer. Laut PitchBook erhielten in den USA 2025 Gründerteams, die nur aus Frauen bestanden, rund 3,2 Milliarden Dollar; reine Männerteams dagegen rund 191 Milliarden Dollar. Selbst die auf den ersten Blick gestiegenen Summen für Firmen mit Gründerinnen gingen zu einem großen Teil auf wenige KI-Großrunden zurück. In Europa und Deutschland ist das Bild ähnlich. Weil Investoren oft in Menschen investieren, die ihnen selbst ähneln oder aus ihrem Netzwerk kommen, verstärkt sich dieses Muster von selbst.
12.3 Verzerrte Märkte
Wenn Investoren Verluste jahrelang finanzieren, können Start-ups ihre Leistungen unter Kosten anbieten. Das kommt Kunden kurzfristig zugute, kann aber etablierte Anbieter verdrängen, die ohne solche Zuschüsse wirtschaften müssen – etwa Taxiunternehmen oder lokale Händler. Nach dem Ende des billigen Geldes stiegen die Preise vieler Plattformen deutlich. Zudem kritisieren Arbeitsrechtler, dass manche Geschäftsmodelle darauf beruhten, Beschäftigte als Selbstständige zu behandeln.
12.4 Konzentration von Macht
- Bei den Investoren: 2025 sammelten in den USA die zehn größten Fonds fast ein Drittel aller neuen Zusagen ein. Wenige große Häuser entscheiden zunehmend, welche Technologien Geld bekommen.
- Bei den Konzernen: Im KI-Boom kommen die größten Summen von Amazon, Google, Microsoft und Nvidia. Kritiker sehen darin einen Weg, Abhängigkeiten zu schaffen und Wettbewerber faktisch zu kontrollieren, ohne sie formal zu übernehmen; Wettbewerbsbehörden in den USA und Europa haben solche Beteiligungen untersucht.
- Bei der Technik: Was finanziert wird, bestimmen die Renditeerwartungen weniger Fonds. Branchen mit langen Entwicklungszeiten und unsicheren Märkten – etwa manche Klimatechnik oder neue Medikamente – haben es schwer, auch wenn ihr gesellschaftlicher Nutzen hoch sein könnte.
Befürworter verweisen darauf, dass kein anderes Finanzierungsmodell so viele radikale Neuerungen hervorgebracht hat. Eine vielzitierte Studie der Stanford-Ökonomen Will Gornall und Ilya Strebulaev kam 2015 zu dem Ergebnis, dass wagniskapitalfinanzierte Firmen unter den seit den 1970er Jahren gegründeten US-Börsenunternehmen einen großen Teil des Börsenwerts und den Großteil der Forschungsausgaben stellen. Zudem tragen die Anleger das Risiko: Wenn Wagnisfonds scheitern, verlieren Pensionskassen und Stiftungen einen kleinen Teil ihres Vermögens, nicht Sparer ihre Einlagen. Die Frage ist daher weniger, ob Wagniskapital nützt, sondern wie man seine Fehlanreize begrenzt.
- Theranos, WeWork, FTX: In Boomzeiten verdrängt der Wettbewerb um Beteiligungen die Prüfung.
- Ungleichheit: USA 2025 – reine Frauenteams rund 3,2 Mrd. Dollar, reine Männerteams rund 191 Mrd. Dollar.
- Subventionierte Verluste können Märkte verzerren.
- Machtkonzentration bei wenigen Fonds und Technologiekonzernen.
- Gegenrechnung: großer Beitrag zu Innovation und Forschung.
Ausblick: Die Lage im Herbst 2026 und drei Szenarien
Die Branche steht an einem Wendepunkt. Ob aus dem KI-Boom eine dauerhafte Wachstumsphase oder eine neue Blase wird, entscheiden die nächsten Börsengänge – und die Zinsen.
13.1 Wo die Branche im Oktober 2026 steht
Rekordsummen
679 Milliarden Dollar in neun Monaten; im dritten Quartal ein Rekord von 27 Runden über eine Milliarde Dollar. Gleichzeitig ist das Quartalsvolumen seit Jahresbeginn von rund 300 auf 159 Milliarden gesunken.
Exits kommen zurück
SpaceX und Cerebras haben den Markt für Börsengänge geöffnet. Laut Crunchbase sammelten wagniskapitalfinanzierte Firmen im ersten Halbjahr 2026 weltweit rund 111 Milliarden Dollar über Börsengänge ein, nach rund 13 Milliarden ein Jahr zuvor.
Die Billionen-Frage
Anthropic und OpenAI haben vertraulich Börsengänge vorbereitet. Ein Börsengang von Anthropic wurde für den Herbst 2026 erwartet; OpenAI erwog nach Berichten einen Termin erst 2027.
Höhere Zinsen
Fed und EZB haben 2026 ihre Leitzinsen wieder erhöht; zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren über fünf Prozent. Das erhöht die Kosten für Kapital und setzt Bewertungen unter Druck.
13.2 Drei Szenarien
Die folgenden Szenarien sind Annahmen dieses Dossiers. Sie beruhen auf den historischen Mustern der Kapitel 7 bis 10 und sollen mögliche Pfade zeigen, keine Vorhersagen.
Szenario I: Die Ernte gelingt
Muster: nach 1995 und nach 2012- AnnahmeDie Börsengänge von Anthropic und später OpenAI gelingen zu Bewertungen nahe der letzten Runden; die KI-Umsätze wachsen weiter schnell.
- FolgenMilliarden fließen an die Fonds und ihre Anleger zurück. Pensionsfonds und Stiftungen geben wieder mehr Geld für neue Fonds; auch kleinere und neue Fonds profitieren mit Verzögerung.
- RisikoDer Erfolg zieht noch mehr Geld in KI und verstärkt die Konzentration. Bewertungen steigen weiter – und damit die Fallhöhe.
Szenario II: Die KI-Korrektur
Muster: 2000–2002- AnnahmeDie Erlöse der KI-Anbieter wachsen langsamer als ihre Kosten für Rechenzentren; ein großer Börsengang enttäuscht oder wird verschoben, die SpaceX-Aktie bleibt schwach.
- FolgenBewertungen fallen, Down Rounds häufen sich, späte Investoren erleiden Verluste. Die zirkulären Finanzierungen zwischen Chipherstellern, Cloudanbietern und KI-Labors kehren sich um. Konzerne übernehmen geschwächte Firmen.
- LangfristigWie nach 2000 könnten Rechenzentren und Modelle bleiben und die Grundlage für spätere Gewinner bilden – die Erträge gehen dann aber an andere als die heutigen Investoren.
Szenario III: Die lange Durststrecke
Muster: 2022–2025- AnnahmeZinsen und Staatsanleiherenditen bleiben hoch; die KI-Spitze trägt sich, aber der übrige Markt erholt sich nicht.
- FolgenDie Spaltung in zwei Märkte vertieft sich. Viele Fonds der Jahrgänge 2020 bis 2022 erzielen schwache Ergebnisse; Hunderte kleiner Fonds lösen sich auf. Der Zweitmarkt wird zum wichtigsten Weg zu Geld.
- EuropaStaatliche Programme wie WIN und der Zukunftsfonds gewinnen an Gewicht, weil private Geldgeber zurückhaltend bleiben.
13.3 Die Szenarien im Vergleich
| Größe (bis Ende 2027) | I: Ernte gelingt | II: KI-Korrektur | III: Durststrecke |
|---|---|---|---|
| Große KI-Börsengänge | erfolgreich | verschoben oder enttäuschend | einzelne, ohne Breitenwirkung |
| Rückflüsse an Anleger | stark steigend | fallend | schwach |
| Neue Fonds | Erholung, auch für kleinere Fonds | Einbruch | nur Großfonds |
| Bewertungen | hoch | stark fallend | gespalten |
| Europa und Deutschland | mehr Wachstumskapital | Rückzug ausländischer Investoren | Staat als wichtigster Anker |
| Historisches Vorbild | späte 1990er, 2012–2014 | 2000–2002 | 2022–2025 |
13.4 Woran man erkennt, welcher Pfad eintritt
- Börsengänge: Zeitpunkt, Preis und Kursentwicklung der Börsengänge von Anthropic und OpenAI; Entwicklung der SpaceX-Aktie.
- Zinsen: Sitzungen der Fed am 27./28. Oktober und der EZB am 29. Oktober 2026; Renditen langfristiger Staatsanleihen.
- Umsätze der KI-Firmen: Mit einem Börsengang müssen Umsätze, Kosten und Verluste erstmals vollständig offengelegt werden.
- Fondseinwerbung: ob neben den Großfonds wieder kleinere und neue Fonds Geld erhalten.
- Quartalszahlen: Die Daten für das vierte Quartal 2026 erscheinen im Januar 2027.
Die Wagnisbranche hat ihre eigene Zukunft fast nie richtig vorhergesagt: 1999 hielten viele den Boom für dauerhaft, 2009 und 2023 erwarteten viele eine lange Flaute, kurz bevor neue Rekorde kamen. Die Szenarien beschreiben Möglichkeiten, keine Wahrscheinlichkeiten, und sind keine Grundlage für Anlageentscheidungen.
- Herbst 2026: Rekordsummen, rückkehrende Exits, steigende Zinsen.
- Szenario I: KI-Börsengänge gelingen → Geld fließt zurück, neue Fonds entstehen.
- Szenario II: KI-Korrektur → Muster der Dotcom-Blase.
- Szenario III: lange Durststrecke außerhalb der KI-Spitze.
- Entscheidende Signale: Börsengänge, Zinsen, Umsätze der KI-Firmen, Fondseinwerbung.
Bilanz: Was hat sich verändert?
Aus einer Bostoner Gesellschaft, die 70.000 Dollar in eine Computerfirma steckte, ist eine Branche geworden, die einzelnen Unternehmen über hundert Milliarden Dollar gibt. Die Grundregeln sind dabei erstaunlich gleich geblieben.
| Bereich | Um 1960 | Um 2000 | Um 2021 | Herbst 2026 |
|---|---|---|---|---|
| Größe des Marktes | wenige Firmen, Millionenbeträge | USA rund 100 Mrd. Dollar im Jahr | weltweit rund 640 Mrd. Dollar | 679 Mrd. Dollar in neun Monaten |
| Wichtigste Geldgeber | reiche Familien, ARD-Aktionäre | Pensionsfonds, Stiftungen | zusätzlich Hedgefonds, Staatsfonds, SoftBank | Technologiekonzerne, Staatsfonds, wenige Großfonds |
| Größte Einzelinvestition | Zehntausende Dollar | Dutzende Millionen | einige Milliarden | 122 Mrd. Dollar (OpenAI) |
| Zeit bis zum Börsengang | rund zehn Jahre (DEC) | oft vier bis sechs Jahre | zehn Jahre und mehr | zehn Jahre und mehr |
| Führende Technik | Elektronik, Halbleiter | Internet | Software, Plattformen, Mobilität | künstliche Intelligenz, Raumfahrt, Verteidigung |
| Deutschland | praktisch kein Wagniskapital | Neuer Markt | Rekord: 17,4 Mrd. Euro | 5,3 Mrd. Euro im ersten Halbjahr; Rekordrunden in der Verteidigung |
Sechs große Entwicklungslinien
Vom Handwerk zur Industrie
Was als persönliches Geschäft einzelner Investoren begann, ist zu einer Branche mit Tausenden Fonds, eigenen Datenanbietern und Billionen Dollar an verwalteten Mitteln geworden.
Das Potenzgesetz bleibt
Von DEC bis zu den KI-Labors gilt dieselbe Regel: Wenige Treffer tragen alles. Sie erklärt das Verhalten der Investoren besser als jede Mode.
Blasen kehren wieder
Ende der 1980er, 2000, 2021 – auf Phasen des Überschwangs folgten Abstürze. Jede Blase hinterließ dennoch Infrastruktur und Firmen, die später groß wurden.
Zinsen als Taktgeber
Billiges Geld trieb die Bewertungen der 2010er Jahre; der Zinsschock 2022 beendete den Boom. Die neue Zinswende 2026 ist ein Risiko für die aktuelle Hausse.
Länger privat, größer privat
Unternehmen bleiben heute viel länger privat und werden dort Hunderte Milliarden wert. Die großen Gewinne fallen damit vor dem Börsengang an – bei wenigen privilegierten Investoren.
Konzentration
Das Geld sammelt sich bei wenigen Fonds, wenigen Regionen und wenigen Unternehmen. Für Europa, Gründerinnen und kleine Fonds bleibt der Zugang schwierig.
- 27./28. und 29. Oktober 2026: Zinsentscheidungen von Fed und EZB.
- Herbst 2026: möglicher Börsengang von Anthropic – der erste große Test für die Bewertungen der KI-Labors.
- Dezember 2026: Die gestaffelte Sperrfrist von bis zu 180 Tagen für viele Altinvestoren von SpaceX läuft aus; Verkäufe könnten die Aktie belasten oder Geld an Fonds zurückfließen lassen.
- Januar 2027: Jahreszahlen für 2026 von Crunchbase, PitchBook und EY.
- 2027: möglicher Börsengang von OpenAI; Umsetzung der deutschen Start-up-Strategie und der europäischen Rechtsform EU Inc.
- Venture Capital finanziert das Unwahrscheinliche – und lebt von wenigen extremen Erfolgen.
- 1946–1978: Pionierzeit; 1978–2002: Aufstieg und Dotcom-Blase; 2002–2021: Einhörner; seit 2022: Absturz und KI-Boom.
- Zinsen, Exits und Fondseinwerbung bilden einen Kreislauf, der Boom und Flaute bestimmt.
- 2026: größte Summen aller Zeiten, aber stärkste Konzentration aller Zeiten.
Zeitleiste 1946–2026
Die wichtigsten Ereignisse in zeitlicher Reihenfolge. Über die Schaltflächen lassen sich einzelne Bereiche auswählen.
Wichtige Personen
Die Personen sind grob nach dem Zeitraum geordnet, in dem sie für das Wagniskapital wichtig wurden.
Georges Doriot
In Frankreich geborener Harvard-Professor und US-General; gründete 1946 die erste professionelle Wagnisgesellschaft und gilt als „Vater des Venture Capital“. Gründete auch die Wirtschaftshochschule INSEAD mit.
Arthur Rock
Organisierte 1957 die Finanzierung von Fairchild Semiconductor, gründete 1961 Davis & Rock und brachte das Startkapital für Intel und später Apple mit auf.
Eugene Kleiner
In Wien geborener Ingenieur, einer der „verräterischen Acht“ von Fairchild; gründete 1972 mit Tom Perkins eine der einflussreichsten Wagnisfirmen.
Tom Perkins
Früherer Hewlett-Packard-Manager; setzte 1976 auf Genentech und begründete damit die Finanzierung der Biotechnologie durch Wagniskapital.
Don Valentine
Kam aus dem Halbleitervertrieb; gründete 1972 Sequoia und investierte unter anderem in Atari, Apple und Cisco.
John Doerr
Prägende Figur der Internetzeit; finanzierte Netscape, Amazon und Google.
Michael Moritz
Früherer Journalist; investierte für Sequoia in Yahoo, Google und PayPal und führte die Firma über Jahre.
Mary Meeker
Wurde als Internet-Analystin der 1990er Jahre bekannt, später Wachstumsinvestorin; ihre jährlichen Trendberichte gehörten zu den meistgelesenen der Branche.
Paul Graham
Programmierer und Essayist; schuf 2005 mit Jessica Livingston und Partnern das Accelerator-Modell.
Jessica Livingston
Prägte Auswahl und Kultur von Y Combinator, aus dem Airbnb, Dropbox und Stripe hervorgingen.
Peter Thiel
Mitgründer von PayPal, erster externer Investor bei Facebook, Gründer des Founders Fund; früher Investor in SpaceX. Prägte mit seinem Buch Zero to One das Denken in Monopolen und Potenzgesetzen.
Marc Andreessen
Entwickelte den Browser Mosaic und gründete Netscape; seit 2009 einer der einflussreichsten Investoren der USA.
Masayoshi Son
Japanischer Unternehmer; legte 2017 den Vision Fund mit fast 100 Milliarden Dollar auf und führte 2025 und 2026 die Rekordrunden von OpenAI mit an.
Adam Neumann
Steht für die Exzesse der Einhorn-Ära: WeWork wurde privat mit rund 47 Milliarden Dollar bewertet, der Börsengang scheiterte 2019.
Elizabeth Holmes
Sammelte Hunderte Millionen Dollar für eine nicht funktionierende Bluttest-Technik; 2022 wegen Betrugs verurteilt.
Oliver Samwer
Baute mit seinen Brüdern in Berlin ein Unternehmen auf, das Geschäftsmodelle international kopierte und skalierte; prägte die Berliner Gründerszene.
Klaus Hommels
Einer der bekanntesten deutschen Wagniskapitalgeber, früher Investor bei Skype, Facebook und Spotify, Gründer von Lakestar; setzt sich für eine europäische Wachstumsfinanzierung ein.
Elon Musk
Gründete SpaceX 2002 und xAI 2023; führte SpaceX im Juni 2026 zum größten Börsengang der Geschichte.
Sam Altman
Früherer Präsident von Y Combinator; sammelte für OpenAI 2025 und 2026 die größten privaten Finanzierungsrunden aller Zeiten ein.
Dario Amodei
Früherer Forschungsleiter bei OpenAI, gründete 2021 mit anderen Anthropic, das 2026 mit 965 Milliarden Dollar bewertet wurde.
Sebastian Mallaby
Britischer Journalist; sein Buch The Power Law (2022) gilt als Standardwerk zur Geschichte und Logik des Wagniskapitals.
Glossar
- Abzinsung
- Umrechnung künftiger Zahlungen auf ihren heutigen Wert. Je höher der Zins, desto weniger ist ein Gewinn in ferner Zukunft heute wert – deshalb reagieren Start-up-Bewertungen stark auf Zinsänderungen.
- Accelerator
- Programm, das junge Gründerteams für einige Monate betreut, ihnen eine kleine Summe gegen Anteile gibt und sie Investoren vorstellt. Bekanntestes Beispiel: Y Combinator.
- Bewertung (Pre- und Post-Money)
- Der Wert eines Unternehmens in einer Finanzierungsrunde, vor (Pre-Money) oder nach (Post-Money) dem neuen Geld. Post-Money = Pre-Money + Investition.
- Burn Rate
- Der Betrag, den ein Start-up pro Monat mehr ausgibt, als es einnimmt. Zusammen mit dem vorhandenen Geld bestimmt sie, wie lange das Unternehmen ohne neue Finanzierung überlebt.
- Business Angel
- Vermögende Privatperson, oft ein früherer Gründer, die eigenes Geld in sehr junge Unternehmen investiert und sie mit Rat und Kontakten unterstützt.
- Cap Table
- Übersicht, wem welcher Anteil eines Unternehmens gehört, einschließlich Optionen und Wandelinstrumenten.
- Carried Interest
- Gewinnbeteiligung der Fondsmanager, meist 20 Prozent des Gewinns, nachdem die Anleger ihr eingezahltes Kapital zurückerhalten haben.
- Continuation Fund
- Neuer Fonds, in den ein Manager Beteiligungen aus einem auslaufenden Fonds überträgt. Alte Anleger können aussteigen, neue einsteigen, und der Manager behält die Firmen länger.
- Corporate Venture Capital
- Wagniskapital, das ein Konzern über eine eigene Einheit investiert – oft auch, um Zugang zu neuer Technik oder künftigen Kunden zu erhalten.
- Dachfonds
- Fonds, der nicht direkt in Unternehmen, sondern in andere Fonds investiert, um das Risiko zu streuen (englisch Fund of Funds).
- Down Round
- Finanzierungsrunde zu einer niedrigeren Bewertung als die vorherige. Sie verwässert die bisherigen Eigentümer stark und gilt als Warnsignal.
- DPI
- Distributed to Paid-in: tatsächlich an die Anleger ausgeschüttetes Geld im Verhältnis zum eingezahlten Kapital. Ein DPI von 1 bedeutet, dass die Anleger ihr Geld zurückhaben.
- Dry Powder
- Kapital, das Anleger Fonds bereits zugesagt haben, das aber noch nicht investiert ist.
- Due Diligence
- Sorgfältige Prüfung eines Unternehmens vor einer Investition: Zahlen, Verträge, Technik, Markt und Team.
- Einhorn
- Privates Start-up mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar. Der Begriff stammt von der Investorin Aileen Lee (2013); ab zehn Milliarden spricht man von einem Decacorn.
- ESOP und VSOP
- Programme zur Mitarbeiterbeteiligung: ESOP mit echten Optionen auf Anteile, VSOP mit virtuellen Anteilen, die nur einen Geldanspruch beim Exit gewähren. In Deutschland lange verbreitet wegen rechtlicher und steuerlicher Hürden für echte Anteile.
- Exit
- Ausstieg der Investoren aus einem Unternehmen, meist durch Börsengang oder Verkauf. Erst der Exit macht aus Papierwerten Geld.
- General Partner
- Manager eines Wagniskapitalfonds, der die Investitionen auswählt und betreut; erhält Verwaltungsgebühr und Carried Interest.
- IPO
- Initial Public Offering: erstmalige Ausgabe von Aktien an der Börse, der Börsengang.
- J-Kurve
- Typischer Verlauf der Rendite eines Fonds: in den ersten Jahren negativ wegen Gebühren und früher Abschreibungen, später – im Erfolgsfall – steil steigend.
- Limited Partner
- Anleger in einem Wagniskapitalfonds, etwa Pensionsfonds, Stiftungen oder Staatsfonds. Sie stellen fast das ganze Kapital, haben aber kein Mitspracherecht bei einzelnen Investitionen.
- Liquidationspräferenz
- Vorrecht der Investoren, bei einem Verkauf oder einer Auflösung zuerst ihr eingesetztes Geld (oder ein Vielfaches davon) zurückzuerhalten, bevor andere Anteilseigner etwas bekommen.
- Potenzgesetz
- Verteilung, bei der wenige extreme Werte den größten Teil der Summe ausmachen. Im Wagniskapital: Wenige Beteiligungen bringen fast alle Erträge.
- Private Equity
- Beteiligungskapital für nicht börsennotierte Unternehmen; im engeren Sinn der Kauf reifer Firmen, oft mit viel Fremdkapital (Buy-out).
- Pro-rata-Recht
- Recht eines Investors, sich an künftigen Finanzierungsrunden so zu beteiligen, dass sein Anteil nicht sinkt.
- SAFE
- Simple Agreement for Future Equity: 2013 von Y Combinator entworfener Vertrag, bei dem ein Investor Geld gibt, das erst in einer späteren Runde zu einem vergünstigten Preis in Anteile umgewandelt wird. In Deutschland ist das Wandeldarlehen üblich.
- Secondaries
- Zweitmarktgeschäfte: Kauf und Verkauf bestehender Anteile an Start-ups oder an Fonds, ohne dass neues Geld ins Unternehmen fließt.
- Serie A, B, C
- Aufeinanderfolgende Finanzierungsrunden nach der Seed-Phase. Mit jedem Buchstaben steigen in der Regel Betrag, Bewertung und Reife des Unternehmens.
- SPAC
- Special Purpose Acquisition Company: börsennotierte Mantelgesellschaft, die ein privates Unternehmen übernimmt und es so ohne klassischen Börsengang an die Börse bringt; besonders verbreitet 2020/21.
- Term Sheet
- Kurzes Papier mit den wichtigsten Bedingungen einer Finanzierungsrunde, das vor den eigentlichen Verträgen vereinbart wird.
- TVPI
- Total Value to Paid-in: ausgeschüttetes Geld plus geschätzter Wert der noch gehaltenen Beteiligungen im Verhältnis zum eingezahlten Kapital.
- Venture Debt
- Kredite für wagniskapitalfinanzierte Start-ups, meist ergänzend zu einer Eigenkapitalrunde und oft mit Bezugsrechten auf Anteile verbunden.
- Verwaltungsgebühr
- Jährliche Gebühr der Fondsmanager, meist rund zwei Prozent des zugesagten Kapitals, unabhängig vom Erfolg (englisch Management Fee).
- Verwässerung
- Sinken des prozentualen Anteils bisheriger Eigentümer, wenn neue Anteile an neue Investoren oder Mitarbeiter ausgegeben werden.
Quellen & Weiterlesen
Hinweis: Zahlen zum Wagniskapital stammen von privaten Datenanbietern und Beratungsfirmen, die unterschiedlich zählen und ihre Werte nachträglich überarbeiten. Bewertungen privater Unternehmen sind Ergebnisse einzelner Finanzierungsrunden, keine Marktpreise. Die Beispielrechnungen in den Kapiteln 3 bis 5 sind vereinfacht, die Szenarien in Kapitel 13 eigene Gedankenspiele – keine Anlageberatung.
Marktdaten und Verbände
- NVCA: Releases 2026 Yearbook – A Venture Industry in Transition (13.4.2026)
- PitchBook/NVCA: Q4 2025 Venture Monitor
- NVCA: PitchBook-NVCA Venture Monitor – KI-Anteil am US-Wagniskapital 2025
- NVCA: Q2 2026 PitchBook-NVCA Venture Monitor (Veranstaltungshinweis)
- Zusammenfassung des Crunchbase-Berichts zum dritten Quartal 2026 (5.10.2026)
- Value Add VC: Crunchbase – Rekord bei Milliardenrunden im dritten Quartal 2026
- PipelineRoad: Crunchbase-Daten zum ersten Halbjahr 2026
- Crunchbase News: Startup-Trends 2026 – Börsengänge, KI, Übernahmen
- PipelineRoad: Crunchbase zu Börsengängen im ersten Halbjahr 2026
- Lazard: Interim 2026 Secondary Market Report
- AltAssets: Konzentration der Fondseinwerbung auf Großfonds (2026)
- Axios: Andreessen Horowitz raises $15 billion for new funds (9.1.2026)
Unternehmen und Finanzierungsrunden 2026
- SiliconANGLE: OpenAI closes $122B funding round at $852B valuation (31.3.2026)
- AI Business: OpenAI valued at $852B – Beiträge von Amazon, Nvidia und SoftBank
- Bloomberg: Anthropic raises at $965 billion valuation (28.5.2026)
- CB Insights: Anthropic – Finanzierungsrunden
- TechCrunch: Following Anthropic, OpenAI files confidentially for IPO (8.6.2026)
- Bloomberg: OpenAI weighs IPO in 2027 (26.6.2026)
- Wikipedia: Initial public offering of SpaceX
- Crunchbase News: Q2 2026 brachte die meisten Milliarden-Exits seit 2021
- Gotrade: SpaceX IPO – Bewertung im Verhältnis zum Umsatz
- Helsing: Helsing raises US$1.8bn in Series E (13.7.2026)
- Trending Topics: Helsing und Quantum Systems (Juli 2026)
- Orrick: Mistral – €3B Series D at €21B post-money valuation (8.9.2026)
Deutschland und Europa
- EY: Startup-Barometer Deutschland, Juli 2026
- t3n (dpa): Erstmals drei Bundesländer mit Milliarden-Investitionen (Juli 2026)
- EY: Startups aus Deutschland sammelten 2025 knapp 8,4 Milliarden Euro ein
- EY: European Start-up-Barometer 2025
- EY: Deutsche Startup-Szene sammelt 2024 mehr als sieben Milliarden Euro ein
- Börsen-Zeitung: Weniger frisches Geld für Start-ups (EY-Zahlen 2021 und 2022)
- chemie.de (EY): Europäische Startups 2021
- Börsen-Zeitung: Bund will mehr Wachstumskapital mobilisieren (Juli 2026)
- StartingUp: Kommentar zur Start-up- und Scale-up-Strategie der Bundesregierung (2026)
- Bundesministerium der Finanzen: WIN-Initiative
- Cash.: WIN-Initiative – Bund will mehr privates Kapital mobilisieren
Geschichte, Theorie und Kritik
- Wikipedia: American Research & Development Corporation
- Feld/Mendelson: Venture Deals, Einleitung – die DEC-Investition
- Stanford eCorner: Venture Capital’s Historic Home Run (Spencer Ante, PDF)
- Venture Capital Careers: Das Potenzgesetz und die Horsley-Bridge-Daten
- Masterworks Research: Potenzgesetz, J-Kurve und Renditestreuung (2026)
- Fortune: Venture dollars to female founders (PitchBook-Daten, 2026)
- WLRN: Female funding sets record nationally (PitchBook-Daten 2025)
Bücher und Studien zum Vertiefen
- Sebastian Mallaby: The Power Law. Venture Capital and the Making of the New Future. New York 2022.
- Tom Nicholas: VC. An American History. Cambridge, Mass. 2019.
- Spencer E. Ante: Creative Capital. Georges Doriot and the Birth of Venture Capital. Boston 2008.
- Brad Feld, Jason Mendelson: Venture Deals. Hoboken, mehrere Auflagen.
- Scott Kupor: Secrets of Sand Hill Road. Venture Capital and How to Get It. New York 2019.
- Ewing Marion Kauffman Foundation: We Have Met the Enemy … and He Is Us. Bericht über die Erfahrungen der Stiftung als Anleger in Wagniskapitalfonds, Kansas City 2012.